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Das Licht funktioniert nicht. Das Bremer Westerstadion ist dunkel. © Imago/SPORT1
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Best of Bundesliga: 2004/2005. Ben Redelings blickt wöchentlich auf die kuriosesten, lustigsten und unterhaltsamsten Highlights der Ligageschichte zurück.

"Denn wer baggert da so spät noch am Baggerloch? Das ist Bodo mit dem Bagger und der baggert noch." Menschen, die spätestens in den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts geboren worden sind, können den Hit von Blödelbarde Mike Krüger auch dann noch adhoc mitsingen, wenn sie nachts um drei aus dem Schlaf geholt werden.

Und so dachten am 06. August 2004 42.109 Zuschauer im Bremer Weserstadion und Millionen Fußballfans zu Hause an den Bildschirmen genau an diesen Song, als prompt zum Start in die 42. Spielzeit der Fußball-Bundesliga in der Hansestadt das Licht ausging. Es war sprichwörtlich die dunkelste Stunde, die die Bundesliga je erlebt hat – und ein echter Paukenschlag zu Beginn der Saison.  

Denn rechtzeitig zum Anpfiff der allerersten Partie der Spielzeit zwischen dem amtierenden Meister, dem SV Werder Bremen, und dem FC Schalke 04 streikte das Flutlicht. Und tatsächlich, so verbreitete sich eine erste Kunde im Stadion, soll ein Baggerfahrer Schuld gewesen sein, als er ein wichtiges Stromkabel beschädigte.

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Schalkes Andreas Müller war zu Recht erstaunt: "Um halb neun abends arbeitet in Bremen noch ein Baggerfahrer?" Tatsächlich stellte sich später heraus, dass es eine von vielen zehntausend Muffen war, die die Stromkabel untereinander verbinden, die den Geist aufgegeben hatte. Bodo mit dem Bagger war damit erst einmal fein raus aus dem Schneider. 

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Und dank fleißiger Helfer konnte die Eröffnungsbegegnung der neuen Saison mit 65 Minuten Verspätung schließlich doch noch angepfiffen werden. Besonders erhellend war das, was die beiden Mannschaften anschließend auf dem prächtig ausgeleuchteten Rasen boten, dann allerdings nicht.

Bremens Valdez besiegt Schalke

Und so war auch weit nach Spielschluss und dem 1:0-Sieg für Werder das Thema des Abends immer noch ein anderes. Bremens Südamerikaner und Siegtorschütze der Partie, Nelson Valdez, äußerte sich hinterher erstaunt: "So etwas habe ich selbst in Paraguay nicht erlebt." 

Und mit diesem Spruch erinnerte Valdez die Fußball-Romantiker in Deutschland an einen anderen legendären Flutlichtausfall. Damals als Nationalkeeper Toni Schumacher nach einer langen Karriere seinen Abschied im Müngersdorfer Stadion in Köln feiern wollte, wurde es nämlich auch plötzlich stockfinster.

Der Satz, den Schumacher dann in seiner Wut sagte, blieb bei vielen Fußballfans – nicht nur in Deutschland – bis heute hängen: "Das hätte in der Türkei passieren dürfen, aber nicht in der zivilisierten Welt." 

Kölner Legende Löring hält Starkstromkabel zusammen

Apropos Köln und Flutlichtausfall: Es geht die Legende, dass der unvergessene, allmächtige Präsident der Kölner Fortuna, Jean Löring, mal einen Defekt in der Stromversorgung auf seine ganz eigene Art gelöst haben soll. 

Als bei einem Spiel seiner Rot-Weißen wenige Minuten vor Schluss der Begegnung das Flutlicht ausgefallen war, soll der gelernte Elektriker angesichts einer deutlichen Führung seines Klubs die Behebung des Kurzschlusses im wahrsten Sinne des Wortes selbst in die Hand genommen haben: Mit seinen bloßen Arbeiterpranken, so wird die Geschichte bis heute erzählt, soll Löring zwei Starkstromkabel bis zum Schlusspfiff zusammengehalten haben. Irre!   

Die Eröffnungspartie hatte übrigens noch ein anderes Schmankerl zu bieten. Denn vor der Saison war der aktuelle Torschützenkönig und lebensfrohe Brasilianer Ailton von Werder zu Schalke gewechselt. Was damals noch niemand wusste, aber jeder hätte ahnen können: Der Transfer stellte sich schnell als ein großes Missverständnis heraus.

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Denn Ailton wurde von Beginn an nicht unbedingt mit offenen Armen von den königsblauen Anhängern empfangen. Was allerdings verständlich war! Denn bereits vor dem Transfer hatte der Brasilianer über seine neue Heimatstadt gesagt: "Alles, was ich bisher über Gelsenkirchen gehört habe, ist ein Desaster."

Und als er dann auch noch mit einem Leihwagen mit Dortmunder Kennzeichen auf Schalke vorfuhr, war der Drops für Ailton quasi schon gelutscht. Doch der erfahrene Bundesligastar versuchte alles, um die königsblauen Anhänger zu beruhigen: "Den Rasen in meinem Garten färbe ich noch blau. Grün ist die Werder-Farbe, aber jetzt bin ich ein echter Schalker." 

Die Schalker Fan-Initiative e.V. schrieb ihm dennoch einen offenen Brief: "Sehr geehrter Herr Goncalves da Silva. Wir haben uns Gelsenkirchen nicht ausgesucht und Schalke auch nicht. Wir sind es! Komm ma lecker bei uns bei – und nach der ersten Meisterfeier mit uns wirst du am nächsten Morgen gar nicht mehr wissen, wo Bremen überhaupt liegt."

Doch, wie wir alle wissen, kam es dazu nicht. Zwar erzielte Ailton in dieser Spielzeit 14 Tore und der S04 beendete die Saison mit 14 Punkten Rückstand auf den neuen deutschen Meister, den FC Bayern München, als respektabler Tabellenzweiter, doch nach dem 34. Spieltag brach der Brasilianer vorerst seine Zelte in Deutschland ab und ging in die Türkei.

Zurück blieben die Worte des damaligen Schalke Managers Rudi Assauer über Ailton: "Was Toni sagt, geht da rein und da raus. Das kannst du sofort in die Mülltonne kloppen." Und damit war das "Desaster" mit Ansage dann auch endgültig beendet.  

Ben Redelings wurde 1975 im Flutlichtschatten des Bochumer Ruhrstadions geboren und ist Experte für die unterhaltsamen Momente des Fußballs. Sein aktuelles Werk "Das neue Buch der Fußballsprüche" verkauft sich sprichwörtlich wie das gut gekühlte Stadionbier. Als SPORT1-Kolumnist schreibt Ben regelmäßig über die "Legenden des Fußballs" und "Best of Bundesliga".

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