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Mainz - Mainz will nach dem verpatzten Saisonstart und diversen Kommunikationsproblemen die Strukturen verändern. Muss Sportvorstand Schröder einen Teil seiner Macht abgeben?

Die Worte von Präsident Stefan Hofmann ließen aufhorchen: "Rouven Schröder steht von sechs Uhr morgens bis Mitternacht für Mainz 05 unter Strom, marschiert für den Verein. Man darf nicht vergessen: Er hat ein riesiges Spektrum. Es müssen neue Strukturen geschaffen werden."

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Der Sportvorstand des FSV Mainz 05 steht permanent im Fokus. Er arbeitet einerseits auf strategischer Ebene, andererseits will er ganz nah an der Mannschaft sein, sie begleiten. Als das Team im vergangenen Frühjahr im Abstiegskampf steckte, rückte er näher heran und galt als Faktor für den geglückten Klassenerhalt.

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Schröder will die schlechte Phase meistern

Allerdings ist Schröder nach vier Jahren guter Arbeit seit wenigen Monaten nicht mehr unumstritten. Die Suspendierung von Adam Szalai, die irreführende Kommunikation rund um das Thema Gehaltsverzicht und die Entlassung von Trainer Achim Beierlorzer gingen in der Bewertung vor allem auf den Ex-Profi zurück.

Und plötzlich kamen Gerüchte darüber auf, Schröder habe den ablösefrei aus Mattersburg geholten David Nemeth mit Einsätzen in der zweiten Mannschaft brüskiert - sodass dieser auf eine Leihe gedrängt habe.

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Dabei wurde genau dieser Plan mit dem österreichischen Talent von Beginn an verfolgt und klar kommuniziert. Doch so schnell kann es gehen, wenn ein Klub in der Krise steckt und der Gegenwind rauer weht.

"Die vergangenen Wochen waren nicht gut für den Verein, wir alle haben Fehler gemacht, auch ich. Wir sind dabei, die Dinge intern aufzuarbeiten. Es liegt allerdings nicht in meiner Natur, mich jetzt zu verstecken, sondern nach vorne zu schauen und voranzugehen", gab sich Schröder im Gespräch mit SPORT1 selbstkritisch und kämpferisch zugleich.

Offen für einen Strukturwandel

Möglicherweise erhält der gebürtige Arnsberger bald schon Unterstützung von einem Sportdirektor. Schröder verschließt sich nicht für dieses Modell: "Zu unseren Gedanken gehört auch, dass wir unsere internen Strukturen hinterfragen und diese vielleicht anpassen. Ich bin immer offen dafür, solche Ideen zu diskutieren und zuzulassen. Denn es geht immer um den Verein und um die Sache - und nicht um meine persönliche Situation."

Das Gefühl einer Entmachtung hat der bis 2024 gebundene Schröder nach den Aussagen des Präsidenten deshalb aber nicht: "Eine Veränderung der Strukturen fände ja unter meiner Leitung statt." Das Aufgabengebiet des 44-Jährigen würde sich mit der Installation eines Sportdirektors freilich verändern. Zugleich bekäme er aber Entlastung in der Kommunikation und der Klub insgesamt noch mehr sportliche Kompetenz.

Sportdirektor hätte auf dem Transfermarkt helfen können

Denn Schröders jetzigen Vertrauenspersonen wie NLZ-Leiter Volker Kersting oder Chefanalytiker Bernd Legien agieren im Hintergrund, sie werden von der breiten Masse kaum oder nur selten wahrgenommen. Der Blick auf die Arbeit bei anderen Vereinen zeigt jedoch, wie wertvoll ein Sportdirektor neben einem Vorstandschef sein kann. Vier Augen sehen mehr als zwei, guter und konstruktiver Austausch ist förderlich.

Gerade in diesem Transfersommer, der aufgrund der Coronakrise für fast alle Vereine sehr zäh verlief, hätte ein Sportdirektor bei Verhandlungen und Scouting helfen können.

"Jeder Klub war in der Pflicht, seine Budgets neu aufzustellen und geringere Einnahmen einzuplanen und auszugleichen. Es ging also darum einzusparen, entsprechend vorsichtig haben sich die Klubs bezüglich eigener Investitionen am Markt bewegt, zumal auch die Kader durch zurückkehrende Leihspieler zwangsläufig wieder aufgefüllt wurden. Es gab also insgesamt wenig Bewegung im Markt", zeigte Schröder die Schwierigkeiten auf.

Top-Spieler konnten nicht abgegeben werden

Mainz gab daher nur für Luca Kilian zwei Millionen Euro aus, der vertragslose Mittelfeldspieler Kevin Stöger kam sogar erst nach dem Ende der Transferperiode. Das Ziel, einen Umbruch zu gestalten und der Mannschaft ein neues Gesicht zu verpassen, wurde diesmal nicht erreicht. Mit den Verkäufen von Topstars hätte dieser bewältigt werden müssen, doch mit Ausnahme von Ridle Baku (VfL Wolfsburg) blieb das Tafelsilber der Mainzer an Bord. (Die Transfers der Bundesligisten)

Moussa Niakhate oder Jean-Philippe Mateta hatten einige Klubs zwar grundsätzlich auf der Liste. Doch die von Mainz geforderten Summen wollten interessierte Vereine nach einem Abwägungsprozess nicht aufbringen. Schröder erklärte: "Am Ende hat kein weiterer Transfer funktioniert, denn wir konnten und wollten keinen Leistungsträger ohne marktgerechte Transfereinnahmen, sprich Ablöse, abgeben. Für uns war klar, dass wir diese Profis nicht unter Wert verkaufen."

Mainz steckt im Abstiegskampf

Eine verständliche Haltung, die allerdings einen enttäuschend verlaufenden Sommer bei den 05ern abrundet. Schröder als das Gesicht der Mainzer geht angeschlagen in die kommende Phase. Da schmerzt selbst eine eigentlich belanglose 2:4-Niederlage im Testkick gegen den Karlsruher SC. Das Umfeld ist nach dem Null-Punkte-Start äußerst beunruhigt, die Angst vor dem zweiten Bundesliga-Abstieg der Vereinsgeschichte wächst.

Dabei waren Vertrauen und die Wagenburgmentalität immer eine Stärke der Mainzer im Städtekampf. 

"Wir arbeiten gemeinsam daran, die schwierige Phase und die Stimmung zu drehen", erklärt Schröder. Dafür benötigen die 05er zügig einen Turnaround – und möglicherweise eine Verteilung der Macht auf mehrere Schultern.

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