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München - Hansi Flick weckt gegen den SC Freiburg wieder den Triple-Geist beim FC Bayern - und bringt vor allem eine schmerzlich vermisste Tugend wieder zum Vorschein.

Es wirkte fast, als wollten die Bayern sich selbst so ein bisschen austricksen.

Die bösen Gespenster der beiden Niederlagen in der Bundesliga bei Borussia Mönchengladbach sowie vom Pokal-Aus bei Holstein Kiel vertreiben, stattdessen den freundlichen Triple-Geist wieder wecken.

Schon beim Blick auf die Aufstellung vor dem 2:1 gegen den SC Freiburg fiel auf: Diese Elf hätte genauso in der so erfolgreichen vergangenen Saison auf dem Rasen stehen können. (Spielplan und Ergebnisse der Bundesliga)

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Neuer - Pavard, Boateng, Alaba, Davies - Kimmich, Goretzka - Gnabry, Müller, Coman - Lewandowski.

Das klang einerseits nach Triple-Helden, andererseits aber auch nach der besten Elf, die Hansi Flick aktuell zur Verfügung hat - was eine Menge über die Neuzugänge der Münchner sagt. Genauso wie die Tatsache, dass es Douglas Costa und Bouna Sarr nicht einmal in den Spieltagskader geschafft hatten, obwohl sie beide fit waren.

Flick: Darum fehlten Costa und Sarr im Kader

"Douglas Costa und Bouna Sarr waren heute nicht im Kader, weil wir auch viele gesunde Spieler haben. Das ist gut so. Deswegen mussten wir heute entscheiden und die beiden hat es getroffen", war Flicks ebenso lapidare wie gnadenlose Erklärung für das Fehlen der beiden.

Dass sie aktuell keine sportliche Verstärkung für die Bayern sind, hatten sie in Kiel erneut unter Beweis gestellt. Als Lautsprecher auf dem Platz taugen der von Uli Hoeneß einst als "Söldner" abgestempelte Costa und der französische Rechtsverteidiger ohnehin nicht - genau solche aber hätte sich Flick zuletzt mehr gewünscht.

"Es hat uns immer gut getan, dass die Mannschaft oft laut war. Im Moment hat man den Eindruck, dass nicht so viel geredet wird", kritisierte Flick vor dem Spiel gegen Freiburg.

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Seine Lösung: Die Jungs auf den Rasen schicken, die in der Triple-Saison nicht nur fußballerisch, sondern eben auch mit ihrer Leidenschaft und ihrer Kommunikation auf dem Platz sogar Europas Top-Teams eingeschüchtert hatten.

Wie gesagt: Es wirkte fast, als wollten die Bayern sich selbst so ein bisschen austricksen. Und als wären alle in den Plan eingeweiht.

Kimmich vorneweg, Thomas Müller entschlossen

Wieso sonst hätte Stadionsprecher Stephan Lehmann beim Verlesen der Aufstellungen noch einmal besonders betont, dass eben elf Triple-Helden in der Startformation standen?

Wieso betrat vor dem Anpfiff ausgerechnet Joshua Kimmich, der emotionale Anführer dieser Triple-Truppe, als erster Bayern-Profi den Rasen?

Wieso grüßte Thomas Müller, der personifizierte FC Bayern, der Lautsprecher der Offensivabteilung, mit geballter Faust in Richtung Chefetage auf der Tribüne, fast als wollte er sagen: "Heute zeigen wir es mal wieder allen!"?

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Zugegeben: Gewisse Zweifel, ob das alles wirklich im Detail abgesprochen war, sind durchaus berechtigt.

Aber die Bayern legten genau so los: Als wollten sie es allen zeigen. Nicht nur gekommen, um zu spielen, sondern um den Gegner zu überwältigen. Nicht lange rumeiern, sondern Tore machen. (FC Bayern - SC Freiburg im TICKER zum Nachlesen)

Müller bedient Lewandowski zur Bayern-Führung

6. Minute: Schiedsrichter Christian Dingert unterbricht die Partie. Kurzes Rätselraten, was der Anlass ist. Joshua Kimmich aber ist nicht begeistert. "Warum spielen wir nicht weiter?", fragt er merklich genervt.

Dass gerade überprüft wird, ob seine Mannschaft einen Handelfmeter zugesprochen bekommt, weiß er in dem Moment wohl noch nicht - aber es scheint ihm auch egal. Er will das selbst regeln.

Und die Bayern regeln es selbst.

Praktisch mit der Entscheidung, dass es keinen Elfmeter gibt, starten sie einen Angriff über die rechte Seite. Benjamin Pavard auf Serge Gnabry, der treibt den Ball bis an den Sechzehner. Querpass auf Müller, Steilpass auf Robert Lewandowski - bumm. 1:0.

"Heute war wichtig, dass wir zeigen, dass wir dieses Spiel gewinnen wollen. Und ich hatte von Anfang an das Gefühl, dass das so ist", stellte Flick nach dem Spiel treffend fest: "Wir haben von Anfang an gezeigt, dass wir in die Zweikämpfe gehen, dass wir Bälle gewinnen, dass wir auch nach vorne mutig spielen. Das 1:0 war hervorragend rausgespielt."

FC Bayern mit Angriffen wie in der Triple-Saison

Es sollte nicht der letzte gute Angriff der Bayern bleiben. Beispielhaft war ein Spielzug nach knapp einer Stunde, der beinahe zum 2:0 geführt hätte:

Jérôme Boateng spielt einen dieser langen Diagonalbälle, mit denen David Alaba und er in der vergangenen Saison zigfach die gegnerischen Abwehrreihen ausgehebelt hatten. Thomas Müller nimmt den Ball an, legt ihn dem heranstürmenden Alphonso Davies auf dem linken Flügel in den Lauf. In der Mitte lässt Leroy Sané den Ball passieren, Robert Lewandowski scheitert nur an der Latte, Leon Goretzka mit dem Nachschuss am glänzend parierenden SC-Keeper Florian Müller.

"Wir hatten Situationen, in denen die Leichtigkeit da war", meinte Goretzka anschließend, und dürfte damit auch Szenen wie diese gemeint haben.

Aber die Offensive um Müller und Lewandowski war auch im bisherigen Saisonverlauf nicht die größte Baustelle der Bayern. In der Defensive klemmte es gewaltig - und es wirkte, als hätte Flick erfolgreich an dem einen oder anderen Schräubchen gedreht, um das zu beheben.

Nicht, dass die Bayern sich auf einmal hinten reinstellten. Sie verteidigten immer noch sehr hoch, im Mannschaftsverbund aber doch ein bisschen verändert.

David Alaba dirigiert, Boateng coacht Davies

Das frühe Pressing weit in der gegnerischen Hälfte sparten sich die Münchner über weite Strecken des Spiels, schafften so vor allem im Mittelfeld Kompaktheit. Von hinten dirigierte David Alaba sowohl seine Neben- als auch seine Vorderleute mit klaren Kommandos.

"Ein bisschen tiefer, ein bisschen tiefer", rief der Österreicher Mitte der ersten Hälfte immer mal wieder.

Wenn es doch mal brenzlig wurde, dann meist über die linke Münchner Abwehrseite, wo Lukas Kübler und Roland Sallai gegen Davies und Kingsley Coman die eine oder andere defensive Unzulänglichkeit ausnutzten.

Passend dazu führte Boateng in einer Spielunterbrechung nach einer halben Stunde ein längeres Gespräch mit Davies, gab ihm ein paar Tipps mit auf den Weg, und deutete mit Gesten an, der Kanadier müsse sich etwas cleverer verhalten, nachdem er zuvor mehrfach zu leicht überspielt worden war.

Da war sie wieder, die Kommunikation auf dem Platz, die Flick so vermisst hatte.

"Genau so stelle ich es mir vor!", lobte der Trainer nach dem Spiel: "Das war gutes Coaching zwischen den Spielern, und von daher war das genau die richtige Entwicklung, die wir gemacht haben."

Petersen verpasst Ausgleich für SC Freiburg

Fußballerisch hingegen, auch das wurde gegen Freiburg einmal mehr deutlich, sind die Bayern im Januar 2021 von begeisternden Erfolgen wie beim legendären 8:2 gegen den FC Barcelona noch weit entfernt.

Und hätte Nils Petersen in der Nachspielzeit nicht den Schnee von der Münchner Torlatte, sondern den Ball in die Maschen gedonnert, wäre Flicks Fazit zum Spiel vermutlich anders ausgefallen.

So aber sagte er, er sei "natürlich zufrieden mit dem Ergebnis, aber auch vom Ansatz her, wie die Mannschaft gespielt hat".

"Wir müssen nicht immer glänzen, und es muss nicht immer alles schön sein", betonte auch Boateng - und stellte klar: "Wir wollen Spiele gewinnen, dafür sind wir hier!"

So wie in der Triple-Saison, als das scheinbar von alleine funktionierte. Und wenn derzeit eben ein paar kleine Tricks vonnöten sind, um den Triple-Geist wieder zu wecken - wer will es den Bayern verdenken?

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