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Robert Lewandowski und Thomas Müller zeigten sich nach dem Ausscheiden in Madrid tief enttäuscht © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Getty Images/iStock
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Madrid - Beim FC Bayern ist der Frust nach dem dramatischen K.o. in Madrid riesengroß. Denn das Champions-League-Finale war zum Greifen nah. Doch es gibt Gründe für das erneute Aus.

Am Ende lagen fast alle Spieler des FC Bayern wie tot auf dem Rasen. Erschöpft und frustriert nach einer vergeblichen Aufholjagd. 

Das 2:2 (1:1) in einer rauschenden Partie bei Real Madrid war zu wenig für den deutschen Rekordmeister, nach dem 1:2 im Hinspiel doch noch ins Champions-League-Finale einzuziehen. 

"Es wird auch noch in zehn Jahren wehtun, wenn man sich an dieses Spiel zurückerinnert", sagte der sichtlich geknickte Mats Hummels.

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Auch Jupp Heynckes war die Enttäuschung darüber, dass es ein zweites Triple nach 2013 nicht geben wird, nach seinem letzten Spiel als Trainer in der Königsklasse anzumerken. 

Großes Lob von Heynckes und Rummenigge

"Wenn man beide Spiele zusammen sieht, dann waren wir die bessere Mannschaft", meinte der 72-Jährige. 

"Den FC Bayern habe ich in der Verfassung schon viele Jahre nicht gesehen." Und Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge sprach beim nächtlichen Bankett sogar vom besten Spiel, "das ich mit Bayern München in der Champions League seit fünf Jahren erlebt habe".

Trotzdem hat es erneut nicht gereicht, und in den nächsten Jahren dürfte es angesichts des Umbruchs im Kader und dem Wettrüsten der Konkurrenz deutlich schwieriger werden. 

"Wir haben so viele Jungs, die oft knapp gescheitert sind", haderte Kapitän Thomas Müller. "Wir müssen uns die Frage stellen, was machen wir in diesen Partien falsch?"

SPORT1 nennt die wichtigsten Gründe für das Ausscheiden.

- Fehlender Killerinstinkt

Am Ende standen 20:9 Torchancen für die Bayern in der offiziellen UEFA-Statistik, ähnlich war es schon im Hinspiel gewesen. Zahlen, die man sonst selten auf diesem Niveau vorfindet. 

Umso gravierender, dass die Münchner kein Kapital aus ihrer Überlegenheit schlugen, zu wenig zwingend im Abschluss waren und ihre Dominanz nicht ausspielen konnten.

"Wir haben gefühlt ein Spiel im Sechzehner im von Real verbracht. Dafür haben wir erstens zu wenige Chancen kreiert und die, die wir hatten, nicht konsequent genutzt", meinte Hummels. 

Vor allem Robert Lewandowski und Thomas Müller blieben ungeachtet allen Engagements viel zu ungefährlich, auch Sandro Wagner hatte in den knapp 20 Minuten nach seiner Einwechslung keine Torchance.

Zwar wollte Heynckes die Kritik am verhinderten Torjäger aus Polen (fünf Champions-League-Spiele in Folge ohne Treffer) nicht gelten lassen, gab aber auf SPORT1-Nachfrage zu: "Natürlich haben wir viele Chancen liegengelassen. Das ist ein Kritikpunkt, den ich akzeptieren muss."

- Individuelle Fehler

Wenn man vorne nicht trifft und dann noch hinten patzt, kann es in der Regel nicht für ein Champions-League-Finale reichen. Deshalb fielen die gravierenden Aussetzer bei allen vier Real-Treffern so ins Gewicht.

"Schon im Hinspiel haben wir zwei Geschenke verteilt", monierte Heynckes. "Natürlich ist es auch Unvermögen, wenn man jeweils das 2:1 für Real sieht in den beiden Spielen", ergänzte Hummels.

"Wir haben Real in beiden Spielen ein Tor geschenkt, das kann man so klar sagen. Das kommt vor, aber das ist auf dem Niveau in einem Champions-League-Halbfinale schon eklatant."

Nach Rafinhas Spiel entscheidendem Fehlpass in München patzte in Madrid der bis dahin sichere Sven Ulreich vor dem 1:2 durch Benzema 22 Sekunden nach der Pause.

"Ich muss sagen, das ist natürlich auch sehr schwer für eine Mannschaft wenn man so eine erste Halbzeit hinlegt, und man kommt raus und es passiert dann so ein Missgeschick, wo der Gegner ein Tor geschenkt bekommt", ärgerte sich Heynckes:

"Man kann sagen, Sven hat einen Blackout gehabt. Er wollte offenbar den Ball mit den Händen aufnehmen. Dann hat er gemerkt, das geht nicht und ist konfus geworden. Das ist bitter für die Spieler und für die Mannschaft."

Letztlich passt es aber ins Bild, dass zwei nominellen Ersatzspielern die Fehler unterliefen. Der FC Bayern war ausgerechnet in den wichtigsten Spielen der Saison zu sehr auf seine Nachrücker angewiesen, die dem großen Druck natürlich eher nicht gewachsen sind.

- Fehlende Kadertiefe auf allerhöchstem Niveau

Aktuell gehen die Bayern auf dem Zahnfleisch. Die lange Saison mit der Dreifachbelastung hat ihren Tribut gezollt, im Rückspiel gegen Real fehlten in Manuel Neuer, Jerome Boateng, Javi Martinez, Arturo Vidal, Arjen Robben und Kingsley Coman gleich sechs Stammspieler in der Startelf.

Dass das Team im Kern immer noch auf die Helden von 2013 setzt, rächte sich am Ende, weil diese Spieler in die Jahre gekommen und auch viel verletzungsanfälliger geworden sind. 

Zwar machten die Nachrücker gerade in der hitzigen Atmosphäre des Estadio Bernabeu ihre Sache sehr ordentlich, allen voran der überragende Niklas Süle.

Aber Heynckes gab zu: "Wenn sie so ein enges Spiel bestreiten und haben vorne nichts mehr zu Nachlegen, dann wird es sehr schwer. Das hat man heute gesehen, weil wichtige Spieler fehlen."

Dazu reichte der Blick auf die Reservisten: Während Real mit 100-Millionen-Mann Gareth Bale nachrüsten konnte, fanden sich bei Bayern unter anderem Lars Lukas Mai und Niklas Dorsch aus der zweiten Mannschaft auf der Ersatzbank.

Für die Bundesliga reicht das locker, das zeigte zuletzt das 4:1 der Münchner C-Elf gegen Frankfurt. Aber eben international nicht.

Trotzdem wollte sich Hummels die Spielzeit nicht schlecht reden lassen.  "Wir spielen eine super Saison, die ganze Zeit ohne den besten Torwart der Welt. Und wir haben einen Haufen Verletzte, heute auch wieder. Wenn wir das Double holen, war es auf jeden Fall eine erfolgreich Saison."

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