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Liverpool - Niko Kovac besteht im Auswärtsspiel an der Anfield Road seiner erste Nagelprobe als Trainer des FC Bayern. Gegen Liverpool bestechen die Bayern mit taktischer Disziplin.

Ein Prophet ist Niko Kovac nicht. Er könne sich nicht vorstellen, dass das Spiel an der Anfield Road gegen den FC Liverpool 0:0 ausginge, sagte der Bayern-Trainer im Vorfeld des Achtelfinal-Hinspiels in der Champions League.

Dabei ist Kovac selbst dafür verantwortlich, dass seine Prophezeiung nicht eintraf. Er beraubte mit mehreren guten Schachzügen Jürgen Klopps Elf ihrer größten Waffe: dem Tempo. England-Legende Rio Ferdinand sprach gar von einer "taktischen Meisterleistung" der Bayern.

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Was genau tat Kovac?

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So stoppte Kovac Liverpools Offensive

Er stellte die Bayern mit einer "professionellen Ansprache" (Manuel Neuer) nicht extrem defensiv auf - zumindest nicht auf dem Papier. Auf dem Platz sah dies allerdings ganz anders aus.

Es war in Liverpool auch das klassische 4-2-3-1-System der Vorwochen. Jedoch mit dem Unterschied, dass es gegen den Tabellenzweiten der Premier League taktisch disziplinierter umgesetzt wurde. Javi Martinez auf der Doppelsechs neben Thiago war, auch aufgrund zahlreicher Ausfälle (u.a. Leon Goretzka), keine große Überraschung. Zudem setzt Kovac gegen konterstarke Mannschaft ohnehin gerne auf Martinez als defensiv orientierten Sechser. 

Deutlich besser als in den Vorwochen waren vor allem die defensiven Abstimmungsprozesse. Joshua Kimmich und David Alaba sicherten sich auf den Außenverteidigerpositionen gegenseitig besser ab. Wagte der eine mal einen der wenigen Offensiv-Vorstöße, zügelte der andere seinen Offensivdrang. 

Ansonsten machten sie ihre Seiten dicht und waren bissig in den Zweikämpfen, was gegen Sadio Mane und Mohamed Salah auch notwendig war. Die Flügel dichtmachen, auch mit Hilfe der offensiven Serge Gnabry und Kingsley Coman, war ein Ziel von Kovac.

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"Er hat genau das vorgegeben, was wir umgesetzt haben. Der Plan hat gut funktioniert, weil wir auch die Atmosphäre rausnehmen wollten", lobte Mats Hummels seinen Trainer. "Die Viererkette war eine Viererkette und nicht auf Angriff ausgerichtet, sondern auf defensive Absicherung. Wir haben nicht so große Räume gelassen, wie wir es in der Liga oft machen", so der stark aufspielende Innenverteidiger.

Bayern provozierte mit langsamen Spiel

Hinzu kam: Im Spielaufbau selbst betrieben die Bayern diesmal wenig Aufwand. Kovac und seine Elf provozierten mit ihrem langsamen Spiel sogar das Publikum. Es hagelte mitunter Pfiffe der lautstarken Reds. Vor allem, wenn Manuel Neuer am Ball war, weil er wieder einmal von seinen Vorderleuten angespielt wurde.

Nach dem Spiel verriet Kovac gar, dass der vermeintliche Krampf von Martinez nur gespielt war und dem Zeitschinden diente.

"Die Mannschaftsleistung war sehr gut. Der Trainer hat die Mannschaft taktisch sehr gut eingestellt auf den Gegner. Die Burschen haben offensichtlich alles so umgesetzt, was der Trainer ihnen vorgegeben hat. Wir haben wenig zugelassen und in der ersten Halbzeit noch Möglichkeiten gehabt. Dementsprechend alles ok", bilanzierte Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

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So erkämpften sich die Bayern mit viel Herz und Leidenschaft ein respektables Ergebnis für das Rückspiel am 13. März. Mehr aber auch nicht, denn das Ergebnis birgt Tücken, da die Bayern in der Allianz Arena gezwungen sein werden, deutlich offensiver zu spielen. (Vorteil Liverpool oder Bayern?)

Kovac auf der Suche nach der perfekten Balance

Die Bayern brauchen ein Tor, wollen sie es nicht erst im Elfmeterschießen entscheiden. Das wiederum könnte zu Lasten der defensiven Stabilität gehen.

Kovac muss es schaffen, vor allem in diesem K.o.-Spiel eine perfekte Balance zu finden. Andernfalls könnte das starke Umschaltspiel der Klopp-Elf den Bayern zum Verhängnis werden, denn in München werden sie auf Konter lauern. "Er wird in drei Wochen die richtigen Entscheidungen treffen", prophezeite Präsident Uli Hoeneß aber bereits vor dem Rückflug nach München.

Erst das Rückspiel wird jedoch zeigen, was das Defensiv-Bollwerk der Bayern in Anfield wert war - und erst dann kann auch beurteilt werden, ob Kovac seine erste große Reifeprüfung in der Königsklasse bestanden hat.

Hoeneß: "Müssen aufhören, jedes Spiel auf den Trainer zu beziehen"

Fakt ist jedenfalls, dass ihn solche Auftritte wie in Liverpool stärken. Zwar wähnen sich die Bayern nach zuletzt elf Siegen in den vergangenen 16 Pflichtspielen (drei Remis, zwei Niederlagen) im Aufwind. Spielerisch perfekt läuft es aber noch immer nicht bei ihnen.

Über allem thront aber die Erkenntnis, dass die Bayern trotz kritischer Wochen in dieser Saison noch in allen drei Wettbewerben um den Titel mitspielen.

Man dürfe die Bayern halt nicht unterschätzen, sagte Rummenigge schmunzelnd.

Kovac scheinbar auch nicht, weshalb Hoeneß auch nichts davon hält, den Auftritt in Liverpool mit dem Standing seines Trainers in Verbindung zu bringen. "Wir müssen aufhören, jedes Spiel auf den Trainer zu beziehen. Das ist alles Käse. Er macht eine gute Arbeit."

In drei Wochen kann er sie erstmals krönen.

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