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Paris - Mit 0:3 geht Real Madrid bei Paris Saint-Germain baden. In Spaniens Hauptstadt ist man ratlos. Ist der Neuaufbau unter Zinédine Zidane zum Scheitern verurteilt?

Desillusioniert schlichen sie vom Platz, die einstigen Könige von Europa.

In der Mixed Zone forderten sie Zeit, es sei nur eine Niederlage gegen einen starken Konkurrenten. Man solle das Ergebnis nicht zu hoch hängen. "Es war ein schlechter Tag, aber man sollte auch kein Drama daraus machen", bewertete beispielsweise James Rodriguez die 0:3-Pleite gegen Paris Saint-Germain im Anschluss an die Partie.

Cheftrainer Zinédine Zidane war da schon etwas deutlicher. "Wir waren in allen Facetten des Spiels unterlegen", lautete das Fazit des Franzosen nach den 90 Minuten im Parc des Princes. Insbesondere die Intensität seiner Elf habe ihm gefehlt. Doch das ist nur die halbe Wahrheit.

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Kein Champions-League-Gesicht

Wo ist er hin, der Nimbus der Unbesiegbarkeit von Real Madrid in der Königsklasse? Auch in den erfolgsverwöhnten letzten Jahren, inklusive dreier Champions-League-Titel in Serie, wirkte das Team um Cristiano Ronaldo nicht zwingend unschlagbar.

Doch wenn es darauf ankam, war das Team zur Stelle. Man konnte die Uhr danach stellen. Flutlicht, Champions-League-Hymne - und die Mannschaft lieferte ab.

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Von dieser Selbstverständlichkeit war am Mittwochabend in der französischen Hauptstadt wenig bis gar nichts zu sehen. Die in Weiß gekleideten Pariser bestimmten Tempo, Gegner und Ball - nicht nur optisch ein Rollentausch.

Wie ist diese Niederlage nun aus königlicher Sicht einzuordnen? Einmaliger Ausrutscher? Oder liegen die Probleme tiefer?

Aller Umbruch ist schwer

Dass die Post-Ronaldo-Ära in Spaniens Hauptstadt nicht reibungs- und nahtlos über die Bühne gehen würde, war allen Verantwortlichen bei Real bewusst. Zu sehr war die gesamte Spielanlage auf den Portugiesen ausgerichtet. Beinahe ein Jahrzehnt waren die Königlichen abhängig von seinen Toren.

Die so enttäuschende Spielzeit 2018/19 konnten die Madrilenen daher noch getrost als Übergangsjahr abstempeln.

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Der X-Faktor der vergangenen Jahre war zu Juventus abgewandert, dazu gesellten sich satte Spieler und mit Julen Lopetegui und Santiago Solari zwei Trainer, die jeweils ein gewisses Konzept installieren wollten, insgesamt jedoch überfordert wirkten mit dieser Herkules-Aufgabe.

Zur neuen Saison sollte alles besser werden. Von einer Revolution war die Rede.

Neuaufbau mit altem Trainer 

Regie führen sollte der alte Erfolgstrainer, Zinédine Zidane.

Ein Übungsleiter, der schon in seiner ersten Amtszeit eher als Kommunikator und Verwalter glänzte, denn als gewiefter Taktiker mit einer bestimmten Spielidee. Zidane ließ Helden-Fußball praktizieren, seine Stars folgten ihm. Denn er war ihr Held.

Nun ist Zidane als Architekt gefragt. Als Installateur einer echten Spielidee. Als Entwickler von jungen Talenten. Deshalb durfte der Franzose im Sommer auf große Shopping-Tour gehen. Insgesamt 300 Millionen Euro wurden in den Kader gepumpt. Von Altlasten und Großverdienern wie Gareth Bale oder James Rodríguez wollten sich die Madrilenen trennen.

Gegen Paris standen beide jedoch wieder in Reals Startelf. Gemeinsam mit Königstransfer Eden Hazard bildeten sie die offensive Dreierreihe hinter Karim Benzema.

Heraus kam eine Ansammlung von hochbegabten Individualisten, die nicht wussten, wie sie sich verhalten sollten. Abstimmungsprobleme in der Offensive und verzweifelte Pressingmomente im Defensivverhalten waren die Folge.

Was für eine Art Fußball möchte die Mannschaft verkörpern? Dominanter Ballbesitz-Fußball oder schnelles Umschalten? In Paris war nichts von beidem erkennbar.

Rollentausch in Paris

Thomas Tuchel auf der anderen Seite ließ ein hungriges und vor allem taktisch hervorragend eingestelltes Team von der Leine, das den Königlichen kaum Luft zum Atmen gab - und auch in Ballbesitzphasen den spielerisch deutlich reiferen und abgeklärteren Eindruck hinterließ.

Das alles ohne das gefürchtete Offensiv-Trio aus Edinson Cavani, Neymar und Kylian Mbappé, was den Parisern an diesem Abend eventuell sogar entgegenkam.

Vor allem die Dominanz im Zentrum mit den ballsicheren und gleichzeitig aggressiv verteidigenden Marco Verratti, Marquinhos und dem omnipräsenten Idrissa Gueye war es, die im Prinzenpark den Unterschied ausmachte.

Und das ist vielleicht die härteste Erkenntnis für Spieler und Trainer in der Real-Kabine: Genau diese Dominanz war der Grundstein für die Erfolge der letzten Jahre - Ronaldo hin oder her.

Die Hoffnung heißt Zeit

Zur Wahrheit gehört jedoch auch, dass ein Umbruch eben seine Zeit braucht. Viele Spieler, die im Sommer verpflichtet wurden, muss man eher als langfristige Investitionen betrachten.

Luka Jovic, Rodrygo, Ferland Mendy und Éder Militao sind zweifellos hochtalentierte Akteure, doch sie brauchen Zeit, um sich im Haifischbecken Madrid zu akklimatisieren.

Genau hier liegt jedoch das Problem für Zidane: Wenn es etwas nicht gibt beim spanischen Rekordmeister, dann ist es Zeit - das weiß der 47-Jährige wie kein Zweiter.

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Sein Verhältnis zu Präsident Florentino Pérez gilt jedoch als exzellent, die Schonfrist für Zidane dürfte also etwas länger ausfallen als die seiner Vorgänger.

Nun liegt es am Franzosen, aus einem Kader, dem es möglicherweise an der einen oder anderen Stelle an Balance fehlt, der jedoch rein personell immer noch zu den besten in Europa gehört, wieder eine Einheit zu formen.

Bis jetzt ist er den Beweis schuldig geblieben, der richtige Mann für den Neuaufbau zu sein. Doch wenn die Vergangenheit eines gelehrt hat, dann das: Real Madrid und Zinédine Zidane sollte man nie abschreiben.

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