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London und München - Nach einem schwierigen ersten Jahr zeigt sich: Niko Kovac darf beim FC Bayern endlich Chef sein. Ein Kommentar von SPORT1-Chefreporter Florian Plettenberg.

Auf einem Bankett des FC Bayern haben sich schon viele Trainer-Schicksale entschieden. Bei einem Glas Rotwein und Zigarre wurde gefeiert, debattiert, gestritten, sich miteinander versöhnt. Oft verlaufen die Bankette ereignislos, immer aber liefern sie Eindrücke - wie beim FC Bayern weit nach Abpfiff in London.

Da saß Niko Kovac zwischen Präsident Uli Hoeneß und Vorstands-Boss Karl-Heinz Rummenigge. Alle drei unterhielten sich angeregt - miteinander. Das Thema dürfte klar gewesen sein: Die 7:2-Sensation bei Vorjahresfinalist Tottenham Hotspur.

Wenige Minuten zuvor hatte ausgerechnet Rummenigge mit klaren und deutlichen Worten dem Trainer gedankt, dessen Befürworter er nicht immer war. "Wir waren Zeuge eines denkwürdigen Tages", sagte er. Man habe "etwas Geschichte geschrieben", wofür er "dem Trainerteam, mit Niko an der Spitze, einen herzlichen Glückwunsch" aussprach.

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Kovac an der Spitze. Selten hatte man vor allem in seiner ersten Saison als Bayern-Trainier das Gefühl, dass man ihn auch entsprechend behandelt.

Kovac versammelt Spieler hinter sich

Der bisherige Saisonverlauf, mit dem vorläufigen Höhepunkt des 7:2, erweckt aber den Eindruck: Kovac darf endlich Chef sein!

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Der Trainer tut auch selbst einiges dafür, endlich als starker Mann im Bayern-Kosmos wahrgenommen zu werden. Zusammen mit Sportdirektor Hasan Salihamidzic hat er sich nun seinen Kader zusammengestellt - ohne mögliche Störenfriede.

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Dafür wurden neue Spieler geholt. Sechs an der Zahl. Bis auf Michael Cuisance und Fiete Arp kommen alle regelmäßig zum Einsatz. Kovac hat diese Spieler hinter sich, sie folgen und vertrauen ihm.

Das merkt man auch auf dem Platz. Bei Benjamin Pavard etwa, dem wenige zutrauten, sich durchzusetzen und der bei den Spurs einer der Besten war. Ivan Perisic, ein Kovac-Mann, treibt Serge Gnabry und Kingsley Coman zu Höchstleistungen und ist selbst enorm effektiv. Für Philippe Coutinho baute der Trainer das System um.

Kovac setzt auf Leistung statt Laune

Auch die 45-minütige Bank-Degradierung von Thiago war am Dienstag ein starkes und mutiges Zeichen. Klare Botschaft: Wer keine Leistung bringt, spielt nicht. In der zweiten Hälfte überzeugte Thiago nach seiner Einwechslung.

An Joshua Kimmich lässt sich Kovacs Entwicklung ebenfalls festmachen. Ohne es je ausgesprochen zu haben, ist er nun sein Sechser. Grund: Er bringt Leistung auf dieser Position und lässt kritischen Worten auch Taten folgen. Also spielt er dort.

Thomas Müller muss derzeit am eigenen Leib erfahren, dass es Kovac, anders als noch vor einem Jahr, nicht mehr darum geht, all seine Stars per Rotation bei Laune zu halten. Vor allem wegen der Stärke Coutinhos saß Müller zuletzt viermal in Folge auf der Bank. Müller bleibt noch ruhig. Kovac redet ihn stark und lässt ihn womöglich Samstag gegen Hoffenheim starten.

Dass die Bosse Kovac öffentlich stärken – auch Rummenigge – wird auch in der Mannschaft registriert. Niemand redet ihm in die Aufstellung rein, stattdessen werden seine Schachzüge gelobt.

"Erfolge lassen ein Team wachsen"

Kovac ruht sich darauf nicht aus, denn auch er weiß, dass bei weitem nicht alles Gold ist, was derzeit bei den Bayern glänzt. Es werden Siege eingefahren, jedoch überzeugt sein Team nur selten über 90 Minuten. Die Defensive wackelt noch, in der Offensive lassen seine Spieler oft einiges liegen – außer in London, wo fast jeder Schuss ein Treffer war.

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Niklas Süle bezeichnet das Verhältnis zwischen Mannschaft und Trainer als "sehr gut". Joshua Kimmich sagte: "Erfolge lassen ein Team wachsen" und bezog Kovac explizit mit ein in diesen Satz. Wie stabil dieses Konstrukt ist, wird sich aber erst im kommenden Jahr zeigen. Denn die Saison der Bayern startet bekanntlich mit dem Achtelfinale in der Champions League. Dieses ist den Münchnern so gut wie sicher, erreicht ist in dieser Saison aber noch lange nichts.

Außer, dass Kovac endlich Chef sein darf.

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