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München - Nach dem CL-Duell Bergamo gegen Valencia Mitte Februar explodiert die Zahl der Corona-Infektionen in Nord-Italien. Experten vermuten eine fatale Wirkung durch das Spiel.

Die Corona-Pandemie wütet in Europa vor allem in Italien besonders schlimm, alleine in der Region rund um Bergamo im Norden des Landes gab es in der vergangenen Woche rund 400 Todesopfer durch das Virus.

Auf der Suche nach Gründen dafür spielt das Champions-League-Achtelfinale zwischen Atalanta Bergamo und dem FC Valencia am 19. Februar eine entscheidende Rolle.

Experten in Italien vermuten, dass ausgerechnet dieses Fußball-Fest mit Sensationsteam Atalanta (zog später sogar ins Viertelfinale ein) ein fataler Beschleuniger in der Coronakrise war. Der Krisenstab des nationalen Zivilschutzes geht dieser Theorie nach.

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Man spricht von der "Partita zero" (dem Spiel null) oder "Stadio zero". Das Spiel (4:1 für Bergamo) fand mit 44.236 Zuschauern im Mailänder Giuseppe-Meazza-Stadion statt.

"Ich denke, dass dieses Spiel zur jetzigen dramatischen Situation beigetragen hat", sagt Atalanta-Stürmer Papu Gomez, der vom damaligen Massenansturm der Fans in den Zügen von Bergamo nach Mailand erzählt. "Meine Frau hat drei Stunden gebraucht, um die Strecke zu bewältigen - normalerweise benötigt man dazu nur 40 Minuten."

Gomez hätte, trotz Atalantas Einzug ins Viertelfinale, die beiden Duelle gegen Valencia im Nachhinein am liebsten nicht gespielt. "Dass wir damit das Virus weiter verbreitet haben, ist fürchterlich."

Menschenmassen bei Bergamo gegen Valencia in Mailand

Die Menschenmassen, die nicht nur von Bergamo ins 50 Kilometer entfernte Mailand pilgerten, sich dort auf Plätzen, in U-Bahnen und nicht zuletzt eben im Stadion auf engstem Raum trafen - all das dürfte die Epidemie massiv beschleunigt haben, meinen Experten.

Virologe Massimo Galli, Oberarzt des Mailänder Krankenhauses Sacco, erklärte: "Die Epidemie war wohl schon einige Wochen davor auf dem Land ausgebrochen und war viel größer, als wir dachten, in den Fabriken, bei Landwirtschaftsmessen und in den Bars der Dörfer. Die Tatsache aber, dass sich im Stadion Leute aus derselben Ecke des Landes zu Zehntausenden drängten, könnte ein wichtiger Faktor für die Ausbreitung gewesen sein."

Durch den kollektiven Jubel bei Bergamos Gala seien so viel Schleim und Speichel in der Luft gewesen, dass viele Besucher angesteckt werden konnten, vermutet ein Virologe aus Rom.

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Explosionsartiger Anstieg von Corona-Infektionen

Bergamo war aufgrund des laufenden Umbaus im eigenen Stadion und der hohen Nachfrage für Tickets ins große San Siro umgezogen. Eine Absage oder ein Geisterspiel waren am 19. Februar noch kein Thema, erst zwei Tage später gab es Alarm aus Codogno, dem ersten großen Krisengebiet Italiens.

Wie die Süddeutsche Zeitung berichtet, kamen so nicht nur 2500 Fans aus Valencia an, sondern Massen aus Bergamo und Umgebung. Wie man jetzt weiß, waren darunter auch 540 Zuschauer alleine aus dem Val Seriana, einem heute bekannten Infektionsherd.

Zwei Wochen nach der Partie wurden in der Region Bergamo explosionsartige Anstiege von Corona-Infektionen verzeichnet - nach Ablauf der Inkubationszeit. Unterdessen konnten sich im lokalen Krankenhaus unbemerkt auch viele Ärzte und Pfleger anstecken.

"Wahrscheinlich steckte ich mich in der U-Bahn an"

Auch Journalist Kike Mateu steckte sich an, nach dem Hinspiel wurde er positiv getestet und musste 23 Tage im Krankenhaus bleiben. La Repubblica sagte er: "Wahrscheinlich habe ich mich in der U-Bahn angesteckt, ziemlich sicher."

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Zu befürchten ist, dass es vielen Fans so ging. Das Rückspiel in Valencia am 10. März in Valencia wurde zwar ohne Zuschauer absolviert, auch hier gab es bereits vermehrt Infektionen in der Region.

Wenige Tage später gab Valencia bekannt, dass sich insgesamt fünf Spieler angesteckt hatten - ob auf der Reise nach Mailand oder womöglich im Zuge des Liga-Duells mit Deportivo Alavés (aus der Region Vitoria, bereits zuvor ein Infektionsherd) bleibt unklar. Unterdessen gibt es bei Atalanta noch keinen einzigen Corona-Fall.

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