Boatengs gnadenlose Analyse: "Alles muss besser werden!"
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Düsseldorf - Nach dem 1:1 der deutschen Nationalmannschaft gegen Spanien benennt Jerome Boateng offen die Mängel im Spiel der deutschen Auswahl. Und lässt damit aufhorchen.

Es ist eine dieser schlichten Wahrheiten, die Joshua Kimmich erst in der vergangenen Woche wieder in Worte gefasst hat.

Natürlich wolle er in der Nationalmannschaft Verantwortung übernehmen, sagte er in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung. "Aber das funktioniert natürlich nur, wenn die eigene Leistung konstant gut ist. Sonst glaubt dir keiner ein Wort."

Unter diesem Betrachtungswinkel liest sich die offene Kritik von Jerome Boateng am Auftreten der DFB-Auswahl beim 1:1 gegen Spanien noch einmal interessanter.

"Wir wollten eigentlich pressen. Das hat nicht geklappt, weil wir immer einen Schritt zu spät waren und auch nicht aggressiv genug. So eine Mannschaft wie Spanien spielt dann mit dir Katz und Maus", monierte der Innenverteidiger deutlich, aber in nüchternem Ton.

"Alles, in jeder Hinsicht" sei verbesserungswürdig gewesen. "Chancenverwertung, Passspiel, Zielstrebigkeit zum Tor - das Zusammenarbeiten in der Mannschaft sowie das Umschaltspiel."

Wie sich die DFB-Auswahl mehrfach von den Spaniern habe auskontern lassen, "geht gar nicht", befand Boateng. "Es ist nicht alles schlecht. Aber man sieht, dass noch viel Arbeit zu tun ist."

Boateng mahnt vor Selbstzufriedenheit

Boateng widersprach mit seiner Analyse dem Großteil seiner Mitspieler, die größeren Wert auf die Deutung legten, dass sich die deutsche Mannschaft letztlich gut ins Spiel gekämpft habe.

Eine zu vernachlässigende Einzelmeinung vertritt er aber dadurch keineswegs. Im Gegenteil.

Schon im Vorfeld seiner überragenden EM 2016 hatte der heute 29-Jährige mehrfach öffentlich Klartext geredet, wenn er das Aufkeimen weltmeisterlicher Selbstzufriedenheit im deutschen Kader spürte.

Seine Kritik diente stets der Sache, griff niemanden persönlich an. Nicht zuletzt deswegen galt er im Herbst jenes Jahres als heißer Kandidat für das Erbe Bastian Schweinsteigers. Boateng wäre gerne der erste dunkelhäutige Kapitän des DFB-Teams geworden. Es kam anders.

Zwei Jahre mit großem Verletzungspech

Dass man Boateng öffentlich aber lange nicht mehr so deutlich wahrgenommen hat wie jetzt, liegt nicht an jener Entscheidung des Bundestrainers.

Der Abwehrmann hatte vielmehr zwei Jahre lang dermaßen viele gesundheitliche Probleme, dass er auch sportlich in der deutschen Auswahl kaum noch eine Rolle spielte.

Angefangen mit dem Muskelbündelriss im EM-Halbfinale gegen Frankreich verbrachte der gebürtige Berliner bis heute satte 309 Tage im Krankenstand.

Mal war es eine Schulterverletzung, mal hartnäckige Oberschenkelprobleme – die Physis, sonst Boatengs Trumpf, ließ ihn lange im Stich. Nur in vier der 22 Länderspiele seit 2016 stand er auf dem Rasen.

Dafür, dass nur noch ein Spiel ohne Niederlage fehlt, um den DFB-eigenen Rekord von 23 Partien zu knacken, sorgten in der Defensive neben Mats Hummels vielmehr Antonio Rüdiger, Matthias Ginter, Niklas Süle und mit Abstrichen Shkodran Mustafi.

Boateng demonstriert gegen Spanien alte Klasse

Doch gegen Spanien war endlich der alte Boateng zurück: Abgeklärt, technisch und zweikampfstark, mit Übersicht und der von Bundestrainer Joachim Löw vermissten Fähigkeit zu präzisen Seitenwechseln.

Im alten Fußball-Vokabular hätte man ihn den "Turm in der Schlacht" genannt, seine Mitspieler reichten an sein Niveau in Düsseldorf nicht heran.

"Gerade wenn man Erfolg hatte, neigt man vielleicht dazu, sich darauf auszuruhen", erklärte Leon Goretzka vor ein paar Tagen. Boateng forderte nach dem Spanien-Spiel pflichtbewusst: "Da müssen wir gegensteuern und weiter Gas geben. Das ist die Grundlage, um Erfolg zu haben." Ganz nach dem WM-Motto der Nationalmannschaft: "Best neVer rest."

Boateng – in Düsseldorf nach Thomas Müllers Auswechslung zumindest aushilfsweise deutscher Kapitän - tut genau das. Er darf das wieder. Das würde wohl auch Joshua Kimmich bestätigen.

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