Özils Vater rät zum Rücktritt
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München - Grindel und Bierhoff setzen Mesut Özil unter Druck, Position zu beziehen. Aber auch Löw und die Spielerkollegen müssen nun eine Haltung dazu entwickeln.

Mesut Özil schweigt.

An sich ist es keine Neuigkeit mehr, DFB-Präsident Reinhard Grindel hat es mit seiner jüngsten Wendung in der Affäre Erdogan wieder in den Fokus gerückt.

Özil solle nun doch endlich mal was sagen zu seinem Foto mit dem türkischen Präsidenten, oder die Konsequenzen tragen - so hat Grindel es soeben verkündet.

So umstritten dieses Ultimatum ist und so sehr es im Widerspruch zu Grindels vorherigem Umgang mit dem Thema steht: Es ist nun in der Welt. Und es wirft die Frage auf, wie Özil nun damit umgeht. Und auch die, was es mit der Mannschaft machen wird.

Mesut Özil plant offenbar keinen Rücktritt

Bislang war Özils Linie eindeutig: kein Wort zu Erdogate, nicht vor der WM, nicht während der WM, nicht nach der WM.

Die öffentliche Kommunikation des 29-Jährigen beschränkt sich momentan auf Instagram-Posts aus seinem Griechenland-Urlaub. "Glaubt und dankt Gott für all die Wohltaten", schrieb er dort zuletzt unter ein Bild, das ihn mit nacktem Oberkörper zeigt. Vor Grindels Ultimatum, das er nicht als Wohltat empfunden haben wird.

Was Özil - medienscheu nicht erst seit Erdogate - unter der Oberfläche umtreibt, bleibt sein Geheimnis. Ein Geheimnis, zu dem nur wenige Zugang haben.

In der Montagsausgabe des kicker (dasselbe Medium, in dem Grindel seine Forderung an ihn platzierte) heißt es: Özil denke nicht an Rücktritt, den Schritt, zu dem ihm unter anderem Vater Mustafa geraten hat. In seinem Umfeld werde überlegt, was nun zu tun sei. Im Gespräch sei ein großes Interview mit einem englischsprachigen Medium.

Fall Özil: "Es wird Jagd auf Bierhoff gemacht"

DFB-Kollegen sahen Schweigen kritisch

Die andere ungeklärte Frage ist: Wie verhält sich jetzt der Rest der Mannschaft?

Es ist mittlerweile ein offenes Geheimnis, dass diverse Führungsspieler intern Kritik geübt haben, dass Özil zum Thema geschwiegen und damit das Team belastet hat.

Zwischen den Zeilen wurde das auch nach außen transportiert, etwa in einer Feststellung von Thomas Müller unmittelbar nach dem Vorrunden-Aus.

"Wenn du Weltmeister bist, dann stehst du unter besonderer Beobachtung und musst dich mit vielen Dingen auseinandersetzen, die gar nichts mit dem Fußball zu tun haben", sagte er damals: "Es werden auch von außen die Störfeuer gerne genommen. Jetzt haben wir die Quittung bekommen."

Müllers Bayern-Kollegen Manuel Neuer und Mats Hummels sollen ähnlich gedacht haben, ebenso Toni Kroos.

Appell von Boateng - aber sonst?

Beistand bekam Özil allerdings auch: Julian Draxler half ihm vor der WM dabei, den ungewünschten Journalistenfragen auszuweichen. Marco Reus postete nach dem Schweden-Spiel - bei dem Özil auf der Bank saß - demonstrativ ein Kabinen-Selfie mit ihm.

Jerome Boateng mahnte nach dem Turnier, Özil nicht zum Sündenbock zu machen: "Das geht nicht. Mesut ist ein Mensch. Man darf die ganze Kritik nicht an einem ablassen."

Boatengs Äußerungen waren die deutlichste öffentliche Parteinahme für Özil aus der Mannschaft. Die meisten anderen Teamkollegen schwiegen.

Auf die jüngsten Einlassungen von Bierhoff und Grindel gab es noch überhaupt keine Reaktion aus dem Team.

Wer hält es mit Bierhoff und Grindel?

Zeugt das von fehlendem Rückhalt vor Özil? Von Angst, sich bei dem heiklen Thema die Finger zu verbrennen? Oder ist der Gedanke: Er redet ja auch nicht, also warum ich?

Was auch immer es ist: Das Schweigen von Özils Kollegen bedeutet nicht, dass sie nichts denken. Jeder Spieler steht vor der Frage, wie er sich nun positioniert. Ist er im Zweifel froh, wenn Özil zurücktritt? Findet er es richtig, dass der Verband Özil die sprichwörtliche Pistole auf die Brust setzt? Oder findet er es völlig unangebracht?

Die Gräben, die Özils Umgang mit Erdogate innerhalb der Mannschaft aufgerissen hat, dürften sich durch Bierhoffs und Grindels Äußerungen noch vertiefen. Egal, ob Özil doch noch das Handtuch wirft oder nicht.

Auch Joachim Löw muss sich entscheiden

Ebenfalls spannend ist die Frage, wie sich Löw nun verhält und was das für Folgen haben wird. Özil war immer einer seiner Lieblingsspieler, dieselbe Beraterfirma wie Gündogan und Löw hat er auch.

Vor der WM war Löws Linie klar: Nach eigenen Angaben hat er "keine Sekunde" darüber nachgedacht, Özil und Gündogan nicht zu nominieren. Bierhoffs Äußerung, dass man "überlegen" hätte müssen, ob man auf Özil verzichtet, kann er auch als Kritik an sich lesen. Und Grindels implizite Drohung gegen Özil als Einmischung in seinen Kompetenzbereich.

Wie Löw nun reagiert auf Bierhoff und Grindel, wird interessant zu beobachten sein. Und ob er mit Blick auf die aktuellen Lage tatsächlich durchhalten kann, was er sich laut Welt vorgenommen hat: bis August erst mal Urlaub zu machen und öffentlich gar nichts mehr zu sagen.

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