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Frankfurt am Main und München - Drei Weltmeister sind raus, drei Neulinge im Team. Der Spielstil soll angepasst werden, die Zuständigkeiten verschoben. SPORT1 checkt die Botschaften von Joachim Löw.

Fragen über Fragen und sie rissen nicht ab: Warum setzt Joachim Löw nicht mehr auf Thomas Müller, Mats Hummels und Jerome Boateng? Warum diese Endgültigkeit? Wer soll es nun richten? Viele Fragezeichen steckten hinter der Ausrichtung deutschen Nationalmannschaft.

Nun sorgte der Bundestrainer endlich für Klarheit und bezog Stellung zu den drängenden Fragen (die Pressekonferenz im Ticker zum Nachlesen). Löw stellte den deutschen Kader für die kommenden Länderspiele gegen Serbien (am 20. März) und die Niederlande in der EM-Qualifikation (am 24. März) vor. Gleichzeitig erklärte er die Entscheidung gegen das Bayern-Trio und die neue Philosophie im DFB-Team. SPORT1 dokumentiert die zentralen Erkenntnisse.

1. Mit drei Debütanten: Auf diesen Kader setzt Löw

Kein Boateng, kein Müller, kein Hummels - das stand fest. Im Kader für die beiden Länderspiele sieht man viele bekannte Gesichter, aber auch drei neue. Erstmals mit dabei sind Maximilian Eggestein, Niklas Stark und Lukas Klostermann - allesamt Spieler, die weder beim FC Bayern noch bei Borussia Dortmund spielen. Allesamt erfahrene U-Nationalspieler und Stammspieler in ihren Vereinen.

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Mittelfeldspieler Maximilian Eggestein sorgt seit vergangener Saison beim SV Werder Bremen für Erfrischung im Mittelfeld, Niklas Stark (Hertha BSC) und Lukas Klostermann (RB Leipzig) machen mit starker Abwehrleistung auf sich aufmerksam. Hinzu kommen junge Nationalspieler wie Julian Brandt, Serge Gnabry und Marcel Halstenberg, der bereits 2017 erstmals nominiert wurde.

Sie sollen das Team beleben - und eine neue Einstellung in die Nationalmannschaft bringen. Die hatte Löw zuletzt vermisst. Die erhoffte "Trotzreaktion" seiner Mannschaft nach der misslungenen WM blieb nämlich aus. Löw möchte mehr Biss sehen und fordert seine Jungen Spieler auf "noch mehr zu zeigen, dass sie Stammspieler und Führungsspieler sein wollen."

2. Persönlich und ehrlich: So erklärt Löw die Ausbootung

Es war die Frage aller Fragen: Weshalb diese Ausbootung des Weltmeister-Trios? Joachim Löw kam nicht um das Thema herum und erläuterte seine Sichtweise ausführlich. Es sei ihm wichtig gewesen, ein "persönliches, ehrliches zu Gespräch führen". Dafür sei er nach München geflogen, um mit den Spielern, aber auch mit Karl-Heinz Rummenigge zu sprechen.

Mehrfach sprach der Bundestrainer von "allerallergrößter Wertschätzung" für seine Führungsriege. "Die Spieler haben Einmaliges geleistet." Dabei stellte er klar: "Ich habe ihnen gesagt, dass ich ohne sie die Qualifikation und die EM plane und so ehrlich wollte ich auch sein."

Das klingt nach einer klaren Abfuhr an Mats Hummels und Thomas Müller. Während Hummels sich zuletzt Hoffnungen auf ein Comeback machte, prangerte Müller die "Endgültigkeit der Entscheidung" an. Und doch behielt sich Löw ein kleines Hintertürchen offen. Er wisse nicht, was in einem Jahr sei.

3. So reagiert Löw auf die Kritik an seiner Person

Nach der Ausbootung des Bayern-Trios musste sich Löw teilweise harte Kritik anhören - auch aus den eigenen Reihen. Joshua Kimmich etwa hatte besonders die Art und Weise kritisiert, in der Müller, Hummels und Boateng die Entscheidung mitgeteilt wurde, konnte die Enttäuschung seiner Kollegen "absolut verstehen": "Aus Spielersicht muss ich sagen: Die Art und Weise war nicht okay. Sie hätten einen anderen Abgang verdient gehabt."

Von Bayern-Kollege Leon Goretzka bekam Kimmich Unterstützung. "Man kann mit Sicherheit über die Art und Weise streiten", hatte der Mittelfeldspieler erklärt.

Auf der Pressekonferenz bezog Löw Stellung zur Kritik seiner Spieler. Er habe mit Kimmich telefoniert und die Angelegenheit besprochen. "Er hat mir erklärt, wie er das gemeint hat", sagte Löw. Generell treffe er aber seine Entscheidungen auch nicht aufgrund von Erwartungen aus der Öffentlichkeit.

4. Neuer oder ter Stegen: So positioniert sich Löw in der Torwartfrage

Sein Patzer im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League gegen Liverpool warf - erneut - Fragen auf, ob Manuel Neuer noch die richtige Wahl sei im Tor der Nationalmannschaft. Gleichzeitig bringt sich Marc-Andre ter Stegen immer wieder selbst ins Spiel und zeigt zudem, in welch bestechender Form er beim FC Barcelona ist.

Für Löw hingegen steht die Positionierung fest: "Manuel Neuer ist aktuell unsere Nummer eins. Er ist unser Kapitän. Marc-Andre ter Stegen wird in diesem Jahr seine Möglichkeiten bekommen. Auch Manuel Neuer wird seine Leistung bei uns zeigen müssen." Klare Rollenverteilung - wenn auch keine Garantie. Wie so oft bei Joachim Löw. Im Kasten also setzt der Bundestrainer auf Bewährtes statt frischem Wind.

5. Das sagt Löw zur Zukunft des deutschen Fußballs

Keine deutsche Mannschaft im Viertelfinale der Champions League, lediglich ein deutsches Team im Viertelfinale der Europa League. Die Lage, in der sich der deutsche Fußball aktuell befindet, wirft auch beim DFB-Team Fragen auf. "In der Champions League ganz in der Spitze zu sein, ist auch ein bisschen schwierig. Aber die letzten zwei, drei Jahre haben wir uns auch hier beim DFB viele Gedanken gemacht", erklärte Löw.

Optimal ist die Situation also auch für ihn keineswegs. Denn die Entwicklung in der Bundesliga und in der Nationalmannschaft gehen Hand in Hand. Gerade im Hinblick auf eine neue Ära in der Nationalmannschaft liegt dem Bundestrainer viel in der Entwicklung der Bundesliga-Talente.

"Es gibt immer mehr Zeitdruck und engere Räume. Wir brauchen Spieler, die wir im kognitiven Bereich ausbilden. Wer handelt unter diesem Zeitdruck? Wer hat diese Handlungsschnelligkeit? Kognitive Prozesse muss man schulen", sagte er.

6. So soll das DFB-Team künftig spielen

Nach dem WM-Debakel und dem Abstieg in der Nations League gab es auch viel Kritik am Spielstil der Nationalmannschaft. Es sei nicht gelungen, sich den neuen Trends im Weltfußball anzupassen, hieß es beispielsweise.

Hier gab Löw einen Ausblick, welches Auftreten ihm für die Zukunft vorschwebt. "Grundsätzlich wird Ballbesitz und Dominanz ausstrahlen weiterhin bestehen. Wir wollen Ballbesitz ausstrahlen, das ist sicher nicht tot", sagte der Bundestrainer, da auch Mannschaften wie der FC Barcelona und Manchester City beweisen würden, dass diese Prinzip weiter Erfolg verspricht.

Was Löw allerdings fordert: "Mehr Dynamik, Zielstrebigkeit, Schnelligkeit." Diese Bereiche müssen verbessert werden und dies habe die Mannschaft bei der WM vermissen lassen, das Spiel sei von Langsamkeit geprägt gewesen:  "Schnelle Aktionen im letzten Drittel, Torgefahr ausstrahlen. Es ist das Hauptthema, das wieder zu erreichen."

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