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München - Um 20.15 Uhr taucht SPORT1 tief ins WM-Sommermärchen von 2006 ein: Das Viertelfinal-Drama gegen Argentinien und die Folgen. Torsten Frings erinnert sich bei SPORT1.

Der Handshake zwischen Oliver Kahn und Jens Lehmann, der Triumph im Elfmeterschießen und das Handgemenge danach - das Viertelfinale bei der Heim-WM 2006 gegen Argentinien ist allen deutschen Fußball-Fans auch 14 Jahre nach dem Turnier noch in guter Erinnerung.

Dieses Spektakel befeuerte im ganzen Land die berühmte Sommermärchen-Stimmung, die durch das unglücklich verlorene Halbfinale gegen Italien letztlich nur einen kleinen Dämpfer erhielt.

Im SPORT1-Interview erinnert sich der damalige Mittelfeld-Motor Torsten Frings an die Stimmung während der WM und die besonderen Momente des Viertelfinals gegen die Südamerikaner.

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SPORT1: Herr Frings, welche Erinnerungen haben Sie an das Viertelfinale bei der Heim-WM 2006 gegen Argentinien?

Torsten Frings: Das war schon ein Thriller. Wir wussten, dass Argentinien einer der Top-Favoriten auf den WM-Titel war. Wir waren aber auch so überzeugt von uns, dass wir wussten, dass wir große Chancen haben mit der Unterstützung der Fans. Die war absoluter Wahnsinn. Genauso ist das Spiel auch gelaufen. Ich denke, dass wir schon die bessere Mannschaft waren. Aber man hat auch immer gesehen, dass Argentinien brandgefährlich war. Dass das Spiel dann durch Elfmeterschießen entschieden wird, sagt eigentlich alles aus.

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SPORT1: Wie war die Stimmung im Land während der Heim-WM?

Frings: Die war unglaublich. Das hat uns unheimlich gepusht, wenn man durch die Straßen fährt und die Fans schon Kilometer vor dem Stadion Stimmung machen und dich anfeuern. Das hat uns total motiviert. Was täglich vor dem Hotel los war, war auch Wahnsinn. Wir hatten ja unser Camp in Berlin, das war immer von Fans belagert. Aber auch als wir in Stuttgart und München waren, haben uns die Fans immer zugejubelt. Das ist schon ein Erlebnis gewesen, das wir so auch noch nie hatten während einer Weltmeisterschaft, egal in welchem Land.

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Klose köpft Deutschland zum Ausgleich

SPORT1: Nach torloser erster Halbzeit ging Argentinien kurz nach Wiederbeginn nach einer Ecke durch Roberto Ayala in Führung. Wie hat die Mannschaft den Rückstand aufgenommen?

Frings: Wir waren schon geschockt. Es hat nicht viel darauf hingedeutet, dass wir zurückliegen. Wir haben das Spiel bestimmt und Argentinien so gut wie keine Torchance gegeben. Aber dann haben wir bei einer Ecke einmal nicht aufgepasst und lagen auf einmal 0:1 hinten. Wir mussten uns dann wirklich kurz schütteln, haben aber an uns geglaubt. Wir wussten, dass wir jederzeit in der Lage sind, auch gegen Argentinien ein Tor zu machen.

SPORT1: Das gelang dann auch, Miroslav Klose köpfte nach 80 Minuten zum Ausgleich ein.

Frings: Danach war natürlich alles offen für uns. Jetzt hatten wir es geschafft, das Bollwerk zu knacken. Wir haben dann noch auf das zweite Tor gespielt, aber nicht wirklich viele große Chancen herausgespielt. Aber durch das 1:1 war natürlich eine Befreiung da. Auch wenn es schön war, von den vielen Zuschauern immer angefeuert zu werden, wurde der Druck allerdings auch immer größer. Aber wir hatten alle das Ziel, Weltmeister zu werden. Daran haben wir auch zu 100 Prozent geglaubt. 

SPORT1: Die Verlängerung blieb trotz einiger Chancen torlos.

Frings: Ich muss schon sagen, dass wir richtig fit waren. Wir hatten mehr Kraft als die Argentinier. Aber es stand auch viel auf dem Spiel. In den letzten Minuten geht man da nicht mehr hundertprozentiges Risiko. Wir wussten, dass wir mit Jens (Torwart Jens Lehmann, Anm. d. Red.) einen sehr guten Elfmeterkiller hinten drin haben und wir als deutsche Nationalmannschaft bei Weltmeisterschaften im Elfmeterschießen immer gut aussahen.

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SPORT1: Warum sind Sie beim Elfmeterschießen selbst nicht angetreten?

Frings: Jens hat Gott sei Dank den Elfmeter zuvor gehalten. Ich wäre der nächste Schütze gewesen und natürlich hat man Bammel davor. Die Jungs vor mir haben das super gemacht. Und ich war froh, dass Jens gehalten hatte, sodass ich nicht mehr ran musste. Ich war aber total von mir überzeugt damals. Ich hätte mich nicht gemeldet, wenn ich mir nicht hundertprozentig sicher gewesen wäre, dass ich verwandelt hätte.

Berühmter Handshake zwischen Lehmann und Kahn

SPORT1: Vor dem Elfmeterschießen kam es zum berühmten Handschlag von Lehmann und Ersatztorwart Oliver Kahn. Waren Sie davon überrascht?

Frings: Oli ist ja von Ehrgeiz zerfressen. Ich weiß, dass ihm das auch total weh getan hat, dass er nicht die Nummer eins war. Wir haben trotzdem während des Turniers so einen Zusammenhalt entwickelt, dass wir diese persönlichen Dinge alle hinten angestellt und als Mannschaft zu hundert Prozent funktioniert haben. Von daher hat mich Olis Geste nicht überrascht.

SPORT1: Die Entscheidung von Bundestrainer Jürgen Klinsmann, Lehmann spielen zu lassen, hat vor dem Turnier für viel Wirbel gesorgt. Wie hat die Zusammenarbeit zwischen Lehmann und Kahn funktioniert?

Frings: Da gab es keine Diskussionen. Man hat deutlich gesagt, dass Jens als Nummer eins in das Turnier geht. Oli war ein totaler Teamplayer. Wenn er das nicht gewesen wäre, hätte er auch nicht so viele Erfolge gehabt. Von daher war das für ihn auch klar, dass er alles tut, um die Mannschaft zu unterstützen - auch wenn es ihm in der einen oder anderen Situation schwer gefallen ist.

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SPORT1: Nach dem Spiel gegen Argentinien gab es heftige Tumulte zwischen den Spielern. Sie waren mittendrin und wurden hinterher für das Halbfinale gegen Italien gesperrt.

Frings: Das ist ein schwarzes Kapitel in meinem Leben. Das tut mir immer noch weh. Da war erst grenzenlose Freude über den Gewinn des Elfmeterschießens. Danach habe ich nur noch gesehen, wie Per Mertesacker brutal von einem Argentinier zusammengetreten wird. Ich bin hingelaufen, um Per zu unterstützen, und schon war ich mittendrin im Gedränge. Ich bin permanent in den Unterleib und ans Schienbein getreten worden, das waren versteckte Sachen. Irgendwann habe ich mich ein wenig gewehrt und zurückgeschubst. Es wird immer von einem Faustschlag geredet. Das war kein Faustschlag, das war ein leichtes Schubsen. Ich hätte alles drauf verwettet, dass man für so was nicht gesperrt wird. Leider bin ich für das Halbfinale gesperrt worden und für ein weiteres Spiel habe ich Bewährung bekommen. Das gab es so zuvor auch noch nie. Da hat sich die FIFA etwas einfallen lassen, und leider war ich der Leidtragende. 

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"Ich war am Boden zerstört"

SPORT1: Pikanterweise wurden die Bilder vom italienischen TV-Sender Sky Italia veröffentlicht. Erst danach kam es zu Ermittlungen und der Sperre gegen den späteren Weltmeister.

Frings: Trotzdem ist das ein absoluter Witz gewesen. Wenn man das gesehen hätte, was alles auf dem Platz abgegangen ist, war das, was ich gemacht habe, mit Abstand das Harmloseste, das an dem ganzen Nachmittag passiert ist.

SPORT1: Wie war Ihre erste Reaktion, als Sie erfahren haben, dass Sie im Halbfinale fehlen?

Frings: Ich habe geheult wie ein kleines Baby. Als Fußballer träumt man schon als kleiner Junge von solchen Spielen. Als ich dann gehört habe, dass ich nicht spielen darf, war ich am Boden zerstört. Ich hatte dann ein Gespräch mit Jürgen (Klinsmann, Anm. d. Red). Dann war kurze Zeit später klar, dass ich jetzt alles dafür tun muss, die Mannschaft zu unterstützen, um Italien auch ohne mich zu schlagen. Das fiel mir nicht schwer, da der Teamgeist in der Mannschaft hervorragend war.

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