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München - Auf die deutsche Nationalmannschaft wartet bis zum EM-Start 2021 noch viel Arbeit. Joachim Löw steht auch aufgrund eines Mammutprogramms vor schweren Aufgaben.

Bis zum möglichem EM Start am 11. Juni 2021 verbleiben Joachim Löw noch 276 Tage.

Alles sei bereits auf dieses Turnier ausgerichtet, erklärte der Bundestrainer dieser Tage mehrfach. Die Nations League nutzt er, um Taktisches und Personelles auszuprobieren. Ebenso die Testspiele.

Im März 2021 will Löw sehen, dass seine Mannschaft eingespielt ist, um die Endphase zum EM-Start einzuleiten.

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Bis dahin muss sich in der Nationalmannschaft noch einiges bewegen, was die beiden 1:1 gegen Spanien und die Schweiz deutlich gezeigt haben.

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Auf die richtige Taktik festlegen

Löw setzt in der Defensive auf eine Dreierkette. Sind alle Spieler fit, dürfte es auf ein 3-4-3-System hinauslaufen, damit die schnellen Spitzen mit ebenso schnellem Umschaltspiel schnell in Szene gebracht werden können. Allerdings spielen die wenigsten Spieler von Löws vermeintlich stärkster Elf mit einem solchen System in ihren Vereinen. Vor allem die Bayern nicht, die mit Manuel Neuer, Niklas Süle, Joshua Kimmich, Leon Goretzka, Serge Gnabry und Leroy Sané sechs Startelfkandidaten stellen. 

Offensiv sieht man spielerische Fortschritte, in der Defensive ruckelt es aber noch gewaltig. Ist die Viererkette vielleicht doch passender?  

Auf links einen Stammspieler finden

Robin Gosens, Marcel Halstenberg und Nico Schulz sind potentielle Kandidaten, um zukünftig die linke Außenbahn der DFB-Elf zu beackern. Allesamt Spieler mit hoher Qualität, die den Nachweis der Weltklasse aber noch nie erbracht haben. Umso wichtiger, dass sich Löw früh auf einen EM-Kandidaten festlegt, damit sich dieser einspielen kann. Top-Kandidat ist Gosens, der seinem Premieren-Woche im DFB-Dress genutzt hat, obwohl er an beiden Gegentoren beteiligt war. 

Mit Joshua Kimmich sprechen

Er würde auch im Sturm spielen, erklärte Kimmich während des Champions-League-Turniers in Lissabon. Ihm gehe es nur darum, das Triple zu gewinnen. Ihm wird es auch nur darum gehen, die EM zu gewinnen, deshalb sollte er sich drauf einstellen, dass Fußball-Deutschland spätestens im Oktober darüber diskutieren wird, ob er nicht doch wieder auf die rechte Seite muss, weil ihm dort schlichtweg niemand das Wasser reichen kann. Thilo Kehrer hat gegen Spanien und die Schweiz nicht überzeugt. Hinten ist der Pariser anfällig, nach vorne kommt zu wenig.

Zudem gibt es im Löw-System nur zwei Positionen in der Zentrale und Toni Kroos harmoniert dort mit Ilkay Gündogan. Eine weitere hochkarätige Alternative hat man mit Leon Goretzka. Kimmich würde der DFB-Elf auf rechts zu einem Qualitätssprung verhelfen. Wie den Bayern in Lissabon.

Rolle für Havertz definieren

Es ist kaum vorstellbar, dass 100-Millionen-Mann Havertz auch zukünftig keinen Platz bei Löw findet. Aber wo soll er spielen? Kroos, Gündogan, Kimmich und Goretzka streiten sich schon jetzt um zwei Plätze im Zentrum und vorne ist es nur schwer vorstellbar, dass Löw auf Sané, Gnabry oder Timo Werner verzichtet. Havertz auf der Bank? Es wäre ein regelmäßiges Aufreger-Thema um die DFB-Elf. Gegen Spanien konnte er am Donnerstag keine Werbung für sich machen, da Löw gezwungen war, ihn wegen des Wechsels zum FC Chelsea 90 Minuten zu schonen.

Für Havertz wird es unter Löw nicht einfacher. Oliver Bierhoff, DFB-Direktor Nationalmannschaft und Akademie, hofft aber auf einen Chelsea-Schub. "Die Premier League wird ihn stark fordern, seine Entwicklung weiter vorantreiben", sagte Bierhoff im SPORT1-Interview.

Titel-Gen der Bayern-Achse einimpfen

Mit dem Triple im Gepäck sorgte Niklas Süle zu Wochenbeginn für eine erfrischende Aussage: "Wir haben eine Mannschaft, die um den Titel mitspielen kann." Der jungen DFB-Elf wird es gut tun, die Bayern-Achse um sich zu haben, denn sie leben maximalen Titelhunger vor. Als Underdog in das EM-Turnier zu gehen, diesen Anspruch werden Kimmich und Co nicht haben. Ihr Ehrgeiz sollte auf die anderen Nationalspieler abfärben.

Bierhoff begrüßt den Einsatz einer starken Vereins-Achse. Bei SPORT1 sagt er: "Eine Achse aus einem Verein hilft natürlich ungemein, weil die Spieler sich dann doch noch intensiver und besser kennen, sie keine Eingewöhnungszeit brauchen, und natürlich im Spiel dann auch sich besser aufeinander abstimmen können." Löw wird das wissen und sollte auf keinen der Bayern-Stars in der Startelf verzichten. Am spannendsten wird zu sehen sein, wie er mit Goretzka plant.

Nach Schlaffi-Auftritten härter durchgreifen

Löw ist nicht dafür bekannt, Spieler abzustrafen. Er baut sie auf, er nominiert sie auch, obwohl sie in Vereinen kaum eine Rolle spielen (Schulz, Draxler). Er reagiert stets besonnen und regiert nicht mit harter Hand. Vielleicht muss Löw seinen Führungsstil anpassen. Julian Brandt ist ein Spieler mit viel Potential und Weitsicht. Seine Leistungen beim DFB stimmen aber nicht mit denen im Verein überein. In seinen 45 Minuten gegen die Schweiz fiel er nur auf, weil er den Fehlpass vor dem Gegentor spielte.

Auch der Auftritt von Timo Werner wirft Zweifel auf. Statt körperlich dagegenzuhalten, resignierte er und trottete ab Minute dreißig nur noch über den Platz. Vorne wurden in der Folge kaum noch Bälle festgemacht. Löw sollte zukünftig noch genauer hinschauen, wer auch für die Nationalmannschaft durchs Feuer geht, oder eben nicht. 

Spieler zu Lautsprechern erziehen

Es war ruhig in Stuttgart und noch ruhiger im Spiel gegen die Schweiz. Die Spieler pushen sich nicht, sie machen sich verbal nicht heiß.

Verstummen sie aus Angst, bei Geisterspielen im TV gehört zu werden? Oder liegt das Brave schlichtweg im Naturell der aktuellen DFB-Spieler-Generation und zahlt man nun die Zeche für den Feinschliff jener Spieler in den Nachwuchsleistungszentren? Oder ist das Verstummen der Tatsache geschuldet, dass man auf lautstarke Führungsspieler wie Mats Hummels oder Thomas Müller verzichtet? SPORT1 hat bei Löw nachgefragt, was sich an der Kommunikation ändern muss? 

Die überraschende Antwort des Bundestrainers: "In diesem Punkt können wir uns verbessern. Das ist ein Thema, was wir in den nächsten Monaten verstärkt tun müssen."

Der Bundestrainer erklärt: "Es ist eine Sache von gewisser Reife und Persönlichkeit. Ich habe es thematisiert und gesagt: Wenn man sich gegenseitig ständig coacht und man lautstark ist, gibt das Energie und Leben in der Mannschaft. Es wird lebendig. Das ist eine Hilfestellung für alle. Aber manche sind etwas zurückhaltend. Darin müssen wir besser werden, wenn die Spieler im Oktober alle wieder da sind. Dann wird es auch im Training lauter unter den Spielern. Dann gibt es Spieler, die die Verantwortung übernehmen, zu coachen."

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