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Thorsten Fink (2.v.r.) absolvierte 162 Spiele für die SG Wattenscheid, Hannes Bongartz (r.) war sein Trainer beim Aufstieg 1990 © SPORT1-Grafik: Marc Tirl/Imago/Picture Alliance/Getty Images/iStock
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München - Die SG Wattenscheid steht am Abgrund. Wie ist es soweit gekommen? Wie ist der Traditionsverein noch zu retten? Drei ehemalige Klub-Größen sprechen exklusiv bei SPORT1.

Die SG Wattenscheid war mal ein Bundesligist. Da spielte der FC Bayern im alt ehrwürdigen Lohrheidestadion, auch der FC Schalke und Borussia Dortmund. 1990 war das, als der Aufstieg in die Erste Liga gelang. 

Einst haben Spieler wie Hamit und Halil Altintop, Thorsten Fink, Marcel Witeczek und Souleyman Sane das Trikot des Revierklubs getragen.

Es gab aber nicht nur Freude über den damaligen Aufstieg. Uli Hoeneß, damals Manager des FC Bayern, bezeichnete diesen als "das Schlimmste, was der Bundesliga passieren konnte". Doch er musste sich eines Besseren belehren lassen, denn die Wattenscheider, oft als graue Maus verschrien, hielten sich vier Jahre im Oberhaus.

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"Der Aufstieg als Trainer mit der SG Wattenscheid war eine schöne Zeit. Man sagte immer, dass wir nach einem Jahr wieder weg wären. Doch wir haben uns vier Jahre gehalten", sagte Hannes Bongartz im Gespräch mit SPORT1. Der heute 67-Jährige trainierte die Wattenscheider von 1989 bis März 1994 und von 1998 bis 2004. Mit dem Klub in der Bundesliga erlebte er die beste Zeit der Vereinsgeschichte. "Das war großartig. Natürlich ist Wattenscheid etwas Besonderes für mich."

Wattenscheid kämpft ums Überleben

Doch die goldenen Zeiten sind lange her. Heute kämpft der Regionalligist ums Überleben. Der Klub braucht kurzfristig 350.000 Euro, um die Verbindlichkeiten bis zum Saisonende zu decken. Ohne Hilfe müsste der Spielbetrieb eingestellt werden.

Sollte es doch noch gelingen die laufende Spielzeit zu Ende spielen zu können, gilt danach die oberste Priorität des Aufsichtsrates und des Vorstandes, neue Partner für die kommende Saison 2019/20 zu finden, wie der Klub am vergangenen Montag mitteilte.

Mit mittlerweile mehr als einer Million Euro soll der Aufsichtsratsvorsitzende Oguzhan Can alte Verbindlichkeiten des Vereins und die laufenden Kosten finanziert haben. Damit es weitergeht, erhofft er sich ein positives Signal aus dem Umfeld der SG.

"Eine Schande, wenn es keine Rettung gibt"

"Dass es der SG Wattenscheid schlecht geht, weiß man schon seit längerem. Die 350.000 Euro reichen vielleicht bis zum Sommer. Ich hoffe, dass es durch die deutschlandweite Publikation eine Rettung für die SG gibt. Es muss jemand sein, der Spaß am Fußball hat", erklärte Bongartz. "Es ist eine Schande, wenn es keine Rettung gibt. Es gibt nur eine Möglichkeit, es muss ein Konzept erarbeitet werden. Es wird ein größerer Sponsor benötigt."

Heutzutage sei es nicht mehr so, dass der Zuschauerschnitt "den größten Teil des Kuchens ausmacht". Wattenscheid habe mehr, weiß Bongartz, "ein schmuckes Stadion, top Trainingsbedingungen, den Olympiastützpunkt der Leichtathleten" und es gebe "anderthalb Kilometer entfernt ein Jugendleistungszentrum."

Weichen wurden nicht gestellt

Der frühere Coach nennt den Grund für das Übel: "Damals sind die Weichen nicht so gestellt worden, dass man weiter 1. oder 2. Bundesliga spielen konnte. Man hat die guten Spieler immer schon sehr früh abgegeben, weil man wieder Geld brauchte, um über die Runden zu kommen."

Und weiter: "Jeder weiß auch, dass 1993/94, die Firma Steilmann auch nicht mehr so viel hergab, wie es davor war. Die Firma wurde ja dann später veräußert und besteht auch nicht mehr."

Die Tochter des Klub-Mäzens Klaus Steilmann, Britta Steilmann, war damals Managerin im Klub. "Es ist schade. Wattenscheid muss oder hätte ein klares Profil erarbeiten müssen, wie der Verein im Wettbewerb mit den Nachbarvereinen Zuschauer und Sponsoren binden kann. Das war eines meiner großen Themen 1993", sagte Steilmann SPORT1.

Die heute 52-Jährige war die erste Frau als Managerin eines Bundesligisten, in dieser Funktion war sie mit für Bongartz‘ Entlassung verantwortlich.

Steilmann "sehr traurig" über Entwicklung

Vor allem für die Jugendabteilung sei die jüngste Entwicklung "sehr traurig" meinte Steilmann. "Die Jugendarbeit war das Steckenpferd meines Vaters."

Thorsten Fink, heute Trainer von Grasshopper Club Zürich, räumte ein, dass "natürlich" Fehler gemacht wurden. "Für mich war die SG Wattenscheid Klaus Steilmann, er war wichtig als Förderer und Hannes Bongartz als sportliche Kompetenz. Nur so konnte der Verein überleben. Es ist schade für diesen Verein, dem ich vieles zu verdanken habe."

Der Verein habe "von dem familiären Umfeld gelebt". Und "Teamwork" sei immer das Zauberwort gewesen.

Fink erinnerte sich: "Als Hannes Bongartz ging, fehlte dann auch die sportliche Kompetenz in dem Klub. Er war der verlängerte Arm von Steilmann. Das hat man unterschätzt."

"Ich bin als ganz junger Spund da hingekommen und bin den Weg 30 Jahre lang Seite an Seite mit dem Präsidenten gegangen. Das ist schon etwas", erinnerte sich Bongartz. 

Noch bis kommenden Montag läuft eine eigens gestartete Crowdfunding-Aktion. Dann könnte sich das Schicksal der SG entscheiden. Mehr als 1.700 Menschen haben schon gespendet. 100.000 Euro sind da zusammengekommen. Für Bongartz ein "toller Erfolg". 

Fink würde wieder spenden

Wie kann der Verein gerettet werden? "Sehr schwer und nur ganz langsam", sagte Fink, von 1989 bis 1994 Spieler bei der SG, bei SPORT1. "Erstmal die Insolvenz überstehen. Ich habe schon mal gespendet, denn der Verein war schon mal am Ende. Ich bin immer bereit etwas zu machen. Aber es muss auch Aussicht auf Erfolg haben."

Steilmann steht nicht bereit zu helfen. Ihre Antwort: "Nein!"

Auch Bongartz winkt ab. "Ich persönlich kann auch nicht viel machen, ich habe kein Unternehmen, dass solche Summen abwerfen kann. Da muss jemand kommen, der professionelles Sponsoring betreibt und der muss sich eine Truppe zusammenstellen." Der Etat müsse "festgelegt sein und auf eine Liga zugeschnitten sein."

Man bräuchte wieder "einen starken Mann und ein gutes Konzept, sonst bringt es nichts", betonte Fink. "Im Moment bin ich bei Grashoppers Club Zürich und habe keine Zeit, mich zu engagieren."

FC Bayern oder BVB als Rettung?

Fink denkt da an zwei Aushängeschilder der Bundesliga. "Gut wäre, wenn beispielsweise der FC Bayern oder Borussia Dortmund ein Freundschaftsspiel zugunsten von Wattenscheid austragen würden. Dann kann man genügend Geld reinholen. Das wäre kurzfristig eine Möglichkeit."

Der Fußball sei oftmals "noch sehr hausbacken und bremst sich durch sein Besitzstand-Denken oftmals selbst aus", so Steilmann. "Es müssen andere Leute ran, um neue Ideen zu entwickeln dürfen."

Bongartz will noch nicht schwarzsehen. "Ich bin ein Optimist, bin Rheinländer und hoffnungsvoll. Ich glaube daran, dass man etwas gebacken kriegt und dass es in Wattenscheid weiter geht – und dass man wieder andere Zeiten erlebt."

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