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St. Pauli, Osnabrück, Wattenscheid: Alle drei Klubs retteten sich nicht zuletzt dank ihrer Fans vor der Insolvenz
St. Pauli, Osnabrück, Wattenscheid: Alle drei Klubs retteten sich nicht zuletzt dank ihrer Fans vor der Insolvenz © SPORT1-Grafik: Getty Images/ Imago/ Fanabteilung SG Wattenscheid 09
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München - Im Kampf gegen Finanzsorgen setzen Wattenscheid und der Wuppertaler SV auf finanzielle Hilfe ihrer Fans - und orientieren sich an erfolgreichen Vorbildern.

Fast in letzter Minute hat die SG Wattenscheid die drohende Insolvenz abgewendet - und entgeht somit zumindest vorerst dem Ausscheiden aus dem Spielbetrieb. Bis zum Stichtag 14. Januar schaffte es der ehemalige Bundesligist gerade so, die benötigte Summe von 350.000 Euro zur Sicherung des Spielbetriebs aufzutreiben.

Den Auftakt zur Last-Minute-Rettung bildete eine Crowdfunding-Kampagne, bei der der aktuell Zwölftplatzierte der Regionalliga West online zum Spenden aufrief. Zahlungseingänge in Höhe von rund 140.000 Euro wurden bis zum Morgen des Stichtags registriert - zu wenig für die Rettung.

Dass der Bankrott trotzdem vorerst abgewendet werden konnte, ist Aufsichtsratschef Oguzhan Can zu verdanken, der die Summe über seine Firma WTC Camp Sports aufstockte.

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Wuppertaler SV blickt nach Wattenscheid

Die Wattenscheider Crowdfunding-Kampagne war also allenfalls ein Teilerfolg - und doch versucht bereits der nächste existenzbedrohte Regionalligist, auf gleiche Weise das Geld für eine Rettung aufzutreiben. Denn auch der Wuppertaler SV kämpft um das Überleben.

Unabhängig von der Art ihres Zustandekommens dürfte die Rettung der SG Wattenscheid den Wuppertalern neuen Mut gegeben haben - zumal ihre Crowdfunding-Kampagne erfolgreich gestartet ist. Am Dienstag hatte der Regionalligist bereits rund 77.000 Euro für die Rettung eingesammelt. Bis zum Stichtag am 19. Januar benötigt der Wuppertaler SV insgesamt 100.000 Euro.

Während der Begriff Crowdfunding noch relativ jung ist und sich erst in den letzten Jahren immer stärker etabliert hat, gibt es das Konzept, ein Projekt durch eine große Anzahl von Kapitalgebern finanzieren zu lassen, dagegen schon länger - auch im Fußball. SPORT1 gibt einen Überblick.

Die "Retter-Kampagne" des FC St. Pauli

Am Ende der Saison 2002/03 befand sich der FC St. Pauli in einer ähnlichen Situation wie die SG Wattenscheid jetzt. Sportlich bereits in die damals noch drittklassige Regionalliga Nord abgestiegen, entging der Kiezklub nur knapp dem finanziellen Kollaps. Um die Drittliga-Lizenz zu erhalten, musste der hoch verschuldete Verein innerhalb von nicht einmal zwei Monaten eine Sicherheit in Höhe von 1,9 Millionen Euro auftreiben - ein scheinbar unmögliches Unterfangen.

In der Not hatte die Marketingabteilung eine bahnbrechende Idee: Ein Großteil der zu erbringenden Summe sollte von den Fans kommen - die "Retter-Kampagne" war geboren. Wichtigstes Standbein der Aktion war der Verkauf von eigens angefertigten T-Shirts. Die Hemden mit der Aufschrift "Retter" avancierten zum Verkaufsschlager. Mehr als 140.000 Exemplare wanderten über die Ladentheke und bescherten dem FC St. Pauli Einnahmen in Millionenhöhe, ohne die der Absturz in die Oberliga nicht zu vermeiden gewesen wäre.

Die Osnabrücker "VfL-Crowd"

Die "Retter-Kampagne" kann als Vorläufer heutiger Crowdfunding-Projekte im Fußball gesehen werden. Anders als damals ist es für die Klubs heute deutlich einfacher, die finanzielle Unterstützung ihrer Fans zu mobilisieren - zahlreichen Online-Crowdfunding-Plattformen sei Dank.

Eine positive Geschichte schrieb einst der VfL Osnabrück: Die Niedersachsen retteten sich 2014 nur dank der "VfL-Crowd" vor dem Zwangsabstieg aus der 3. Liga. Erstmals überhaupt wurde diese Finanzierungsform zur Absicherung der Lizenz genutzt. Nur wenige Tage nach dem Aufruf auf der Crowdfunding-Plattform hatte der VfL Osnabrück die notwendigen 513.000 Euro zusammen - und schrieb so ein Stück deutsche Fußballgeschichte.

"Das Beispiel Osnabrück, als eines von vielen im deutschen Fußball, hat gezeigt, dass auch ein vermeintlich kleinerer Verein in der Lage ist, existenzielle Summen über Fans als Spender einzusammeln", erklärt Robert Zitzmann, Managing Director bei der Sportmarketingagentur Jung von Matt/sports, im Gespräch mit SPORT1. Die Basis des erfolgreichen Projekts sei "eine regionale Relevanz und Bindungskraft" gewesen, "die Menschen und Fans mobilisiert, einen Verein als ihr eigenes Kulturgut zu schützen".

Sheffield FC setzt auf Crowdfunding-Kampagne

Im Falle des VfL Osnabrück war die Kampagne erfolgreich - und das nicht nur im finanziellen Sinn. "Crowdfunding ist nicht nur eine Finanzierungsform, sondern dient vor allem auch, um Aufmerksamkeit zu erzeugen", sagt Zitzmann und erklärt: "Wer Menschen und Medien bewegt, hat auch gute Chancen, finanzkräftigere Sponsoren zu begeistern."

Zitzmann muss es wissen, denn er startete 2015 selbst ein Crowdfunding-Projekt für einen Fußballverein - den Sheffield FC. Das Ziel war und ist es, dem ältesten Klub der Welt die Rückkehr an seine ursprüngliche Heimstätte zu ermöglichen. Denn am Olive Grove, wo im Jahr 1857 nicht nur die Geschichte des Sheffield FC, sondern auch die des modernen Fußballs begann, trägt der Verein schon lange nicht mehr seine Heimspiele aus.

Der Sheffield FC will zurück zu seiner ursprünglichen Heimstätte, dem "Olive Grove"
Der Sheffield FC will zurück zu seiner ursprünglichen Heimstätte, dem "Olive Grove" © Sheffield FC

Zitzmann hofft, dass der Klub eines Tages an diesen Ort zurückkehren kann, an dem die Pioniere einst die ersten Fußballregeln niederschrieben - und mehr noch. Der Plan ist es, am Olive Grove eine Pilgerstätte für Fußballfans aus der ganzen Welt zu errichten. Ein würdiges Andenken an das dortige Kulturerbe.

"Es ist uns gelungen, in der ersten Crowdfunding-Phase über 200.000 Euro sowohl von Fans als auch von Stadt, Staat und Sponsoren einzusammeln", bilanziert Zitzmann und fügt an: "Das war nur ein erster, sehr kleiner Schritt. Das 'Home of Football' braucht viel Zeit, wie alles beim Sheffield FC. Wir wollen keinen Stadionbau kaufen, sondern eine neue Pilgerstätte gemeinsam mit Fans aus aller Welt entwickeln."

Gelingt Wuppertaler SV die "Investition in die Zukunft"?

Natürlich sind die Fälle Wattenscheid, Wuppertal und Sheffield nicht bis ins Detail miteinander vergleichbar. Auf der einen Seite stehen Crowdfunding-Kampagnen, die Klubs vor dem finanziellen Ruin bewahren sollen. Auf der anderen steht ein Projekt, bei dem es vor allem um das Erzeugen von Aufmerksamkeit und Mitgestaltung geht. Im Kern steht bei beiden Kampagnen jedoch eines: Menschen als Fußballfans zu erreichen und zu bewegen.

"Crowdfunding-Kampagnen müssen vor allem ehrlich, transparent und nachvollziehbar sein. Als Initiator trägt man dabei eine große Verantwortung gegenüber allen Unterstützern", fasst Zitzmann zusammen.

Ob der Wuppertaler SV den Überlebenskampf gewinnen kann, bleibt abzuwarten - eine erste Entscheidung darüber fällt Ende der Woche.

Eines ist für Zitzmann jedoch klar: "Ein öffentlicher Spendenaufruf ist letztlich auch ein Beleg dafür, wie viel ein Verein seinem Umfeld wirklich wert ist - und wie viel Kraft das eigene Umfeld wirklich hat. Wenn es gelingt, eine kollektive Aufbruchstimmung zu erzeugen, die über die kurzfristige Erhaltung des Klubs hinaus geht, dann ist Crowdfunding das, was es sein sollte: eine gemeinschaftliche Investition in die Zukunft."

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