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Wiener derby Rapid Wien Austria Wien Wenn sich Rapid Wien und die Wiener Austria im Derby gegenüberstehen, teilt sich die Stadt streng in grün und veilchenblau
Wiener derby Rapid Wien Austria Wien Wenn sich Rapid Wien und die Wiener Austria im Derby gegenüberstehen, teilt sich die Stadt streng in grün und veilchenblau © SPORT1-Grafik: iStock
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Kein anderes Spiel in Österreich ist so bekannt wie das Derby zwischen Rapid Wien und der Austria. Das ganze Jahr über teilt die Rivalität Wien in grün und veilchenblau.

Wenn Real Madrid und der FC Barcelona zum Classico aufeinandertreffen oder United und City das Manchester-Derby ausspielen, dann schnalzen Fußballfans auf der ganzen Welt mit der Zunge und das Medienecho ist enorm.

Nicht ganz so beachtet, aber keinen Deut weniger brisant ist das Wiener Derby. Mit bereits weit über 300 Pflichtspielaufeinandertreffen ist das Wiener Derby sogar nach dem Old Firm in Glasgow die europäische Stadtrivalität, die die meisten Austragungen gesehen hat.

Dabei beschränkt sich die Rivalität zwischen den grünen Rapidlern und der veilchenblauen Austria nicht auf das Sportliche, die ganze Stadt ist in die Farben der beiden Vereine geteilt. Die Zugehörigkeit zu einem Fanlager wird schon allein durch den Stadtteil bestimmt, in dem man wohnt. Die anderen Farben zu tragen ist nicht nur ein Unding, sondern fast schon so etwas wie Gotteslästerung.

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Die aktuelle Bilanz

Historisch gesehen hat Rapid Wien im Vergleich die Nase vorne. Von insgesamt 330 Partien in allen Wettbewerben (Stand: 06.11.2019) konnten die Grünen 136 Spiele für sich entscheiden. 119 mal gingen die Veilchen als Sieger vom Platz und 75 Mal endete das Match remis. Allerdings beruht dieser Vorsprung Rapids auf der Anfangszeit der Rivalität. In der seit 1974 bestehenden Bundesliga, der beide Vereine von Beginn an angehören, kam es zu 173 Begegnungen. Hier hat aber die Austria die erfolgreichere Statistik vorzuweisen. Den 63 veilchenblauen Siegen stehen lediglich 55 Rapid-Erfolge gegenüber.

Beim Torverhältnis zeigt sich das gleiche Bild. Während Rapid im Gesamtscore mit 617:526 Toren führt, stehen in der Bundesliga den 233 Austria-Toren "nur" 229 Tore der Hütteldorfer zu Buche.

Bei der längsten Serie ohne Niederlage sind die beiden Kontrahenten auf Augenhöhe. Sowohl Rapid als auch die Austria können 17 Spiele ohne Niederlage vorweisen. Allerdings waren die Hütteldorfer in dieser Zeit erfolgreicher als die Veilchen. Während die Austria vom 12. August 2001 bis 6. August 2005 sieben Siege und zehn Unentschieden erreichte, kam Rapid vom 25. Mai 1996 bis zum 9. Mai 2000 auf elf Siege und lediglich sechs Remis. Dazu hat sich Rapid mit 26:4 Toren in dieser Phase treffsicherer gezeigt als die Austria, die während ihrer Rekordzeit lediglich auf 23:13 Tore kam.

Die Wurzel der Rivalität

Trotz aller Rivalität und Abgrenzung haben Rapid und die Austria die gleichen Gründungsväter. Beide wurden in ihrer Anfangszeit maßgeblich vom Vienna Cricket Club gefördert. Doch trotz der gemeinsamen Wurzel standen die Vereine von Beginn an für verschiedene Gesellschaftsschichten. Der SK Rapid Wien (gegründet 1899 als Erster Wiener Arbeiter-Fussball-Club) stand für die Arbeiterschaft der Vorstädte.

FK Austria Wien, 1910 unter dem Gründungsnamen Wiener Amateur-Sportverein (WAS) gegründet, verkörperte von Beginn an das Bürgertum in den Cafehäusern der Ringstraße.

Lokale und politische Konflikte

Aber nicht nur soziale Aspekte spielten eine Rolle bei der Entstehung der Rivalität. Auch politische und lokale Elemente nahmen schnell einen bedeutenden Stellenwert ein.

Bevor die Austria in ihren heutigen Heimatbezirk Favoriten umzog, teilten sich beide Teams den Bezirk Hütteldorf. Die Austria wollte sogar ebenfalls ihre Spiele im Weststadion austragen, dies verhinderte Rapid aber erfolgreich. Der Umzug nach Favoriten löste diese enge lokale Rivalität, verteilte diese nun aber auf das gesamte Stadtgebiet. Ab sofort war die Frage um die Vorherrschaft zwischen Rapid und der Austria zu einer Frage um die sportliche Vorherrschaft in der ganzen Stadt geworden.

Neben diesem lokalen Konflikt kamen auch immer mehr Probleme der ehemaligen k.u.k. Monarchie zum Tragen. Die österreichische Arbeiterschaft war stark von tschechischen Zuwanderern geprägt, was auch auf Rapid abfärbte. Die Austria hingegen als Verein des Bildungsbürgertum stand für die ungarischen und jüdischen Teile des ehemaligen Habsburgerreiches. Noch bis heute hallen diese Vorurteile nach. Die Austria ist der Verein der Reichen und launischen Egozentriker, während das arme Rapid für den ehrlichen, schnörkellosen, körperbetonten Fußball steht. Personifiziert werden diese Klischees durch Rapids Josef Uridil (Spitzname „Tank“) und Austrias Matthias Sindelar, der schon allein körperlich das genaue Gegenteil von Uridil war. Wegen seiner schmächtigen Statur war er bei seinen Fans nur als "Der Papierene" bekannt.

Die klare Abgrenzung zwischen den beiden Vereinen ging soweit, dass es lange Zeit unmöglich war, als Spieler für beide Vereine in der Karriere aufzulaufen. Das hat sich erst in der Neuzeit geändert, ist aber immer noch sehr unüblich.

Sportliche Rivalität

Neben den sozialen und politischen Auseinandersetzungen entwickelte sich auch zusehends eine sportliche Rivalität. Während Rapid in den ersten Jahren die klar dominierende Mannschaft war (Titel Rapid Wien), holte die Austria rasch auf und entwickelte sich zu einem Gegenspieler auf Augenhöhe. (Titel der Austria) Bis zur Dominanz von Red Bull Salzburg hatten die beiden Wiener Top-Klubs die Vormachtstellung im österreichischen Fußball inne und machten bis in die 1990er den Großteil der Meisterschaften unter sich aus.

Die Entstehung des Wiener Derbys

Trotz all der Rivalität, die beide Vereine seit ihrer Gründungszeit verband, fand der Begriff Wiener Derby erst später seinen Bezug auf dieses Aufeinandertreffen. Durch den Zentralismus in der Habsburgermonarchie und die daraus resultierende Ausnahmestellung Wiens, gab es zahlreiche Wiener Fußballverein im Stadtgebiet. Daher wurde anfangs der Begriff Derby auf jedes Aufeinandertreffen von Wiener Vereinen angewendet.

Erst ab den 1950ern, als die meisten Wiener Vereine wegen finanzieller Probleme aufgelöst wurden oder durch sportlichen Abstieg in der Versenkung verschwanden, fokussierte sich der Begriff auf die Partien zwischen Rapid und der Austria.

Herausragende Begegnungen

Die lange Historie der beiden Klubs und die zahlreichen Aufeinandertreffen führten zu einigen spektakulären Partien, die bis heute noch fest in den Erinnerungen der Fans verankert sind.

1923: Für den ersten großen Eklat sorgte Rapid 1923. Nach einer roten Karte für Ferdinand Wesely verließen seine Mitspieler unter Protest das Spielfeld. Das Spiel wurde am Grünen Tisch 3:0 für die Austria gewertet. Härter als die Derby-Niederlage traf Rapid aber das vernichtende Medienecho. Sämtliche Sporttageszeitungen verurteilten das Verhalten der Hütteldorfer und es dauerte Jahre, bis man sich davon erholt hat.

1937: Zu einem weiteren Abbruch kam es im Mai 1937. In einem besonders hitzig geführtem Derby standen aufgrund von Verletzungen und roten Karten nur noch sechs Rapidler auf dem Feld. Daher wurde das Spiel beim Stand von 5:0 für die Austria abgebrochen.

1950: Das für viele beste Derby und in Österreich auch oft als Jahrhundertderby bezeichnete Match fand am 17. September 1950 statt. Es war gleichzeitig auch das 75. Wiener Derby, das im Praterstadion stattfand. Bereits das Match davor ging 4:4 aus und Rapid musste drei Tore in der Schlussviertelstunde hinnehmen.

Das erneute Aufeinandertreffen sollte aber noch spektakulärer werden. Bereits nach elf Minuten führte Rapid mit 2:0. Dann drehte die Austria auf und ging mit einer 4:3-Führung in die Halbzeit.

Doch in Hälfte zwei zauberte Rapid eine wahre Galavorstellung auf das Feld und gewann 7:5. Die letzten beiden Tore fielen in der berühmten Rapid-Schlussviertelstunde und brachten das Stadion zum Kochen.

2018: Aber auch heute sind torreiche Derbys immer noch möglich. Erst im Dezember 2018 verzückte die Austria ihre Fans mit einem 6:1-Sieg. Einem der höchsten Siege der Veilchen in der Derbygeschichte.

"Goleador" oder "Schneckerl"

Hans Krankl und Herbert Prohaska – keine anderen Namen stehen so sehr für die Rivalität zwischen Rapid und Austria. Sie standen gleichzeitig in der Bundesliga auf dem Platz, waren die dominierenden Spieler ihrer Teams und bildeten das Herzstück der österreichischen Nationalmannschaft.

Johann Krankl (M.) bei der WM 1978 im Spiel gegen die Neiderlande
Johann Krankl (M.) bei der WM 1978 im Spiel gegen die Neiderlande © Getty Images

Krankl verdiente sich seinen Spitznamen "Goleador" durch vier Tore beim 4:0-Erfolg über die Austria am 12. April 1974. Prohaska, der aufgrund seiner Haarpracht "Schneckerl" getauft wurde, erzielte insgesamt 97 Treffer für die Veilchen.

Herbert Prohaska war von 1993 bis 1999 Nationaltrainer Österreichs und betreute das ÖFB-Team bei der WM 1998
Herbert Prohaska war von 1993 bis 1999 Nationaltrainer Österreichs und betreute das ÖFB-Team bei der WM 1998 © Getty Images

Gemeinsam haben sie den österreichischen Fußball über Jahre geprägt und verkörperten damit die Rivalität auf höchster Ebene. Bei der Wahl zu Österreichs Fußballer des 20. Jahrhunderts setzte sich Prohaska nur ganz knapp gegen Krankl durch.

Trauriger Höhepunkt der Derby-Geschichte

Allerdings hat das Wiener Derby nicht nur sportliche Glanzpunkte zu bieten, sondern auch peinliche Tiefpunkte. Am 22. Mai 2011 musste das Derby wegen Fanausschreitungen abgebrochen werden. Beim Stand von 2:0 für die Austria stürmten Hunderte Rapid-Anhänger den Platz und provozierten gegnerische Fans und Polizei.

Spieler und Verantwortliche beider Vereine verurteilten diese Vorkommnisse und die Stadt Wien führte infolgedessen neue Regeln für Fußballfans ein. So sind z.B. Fanaufmärsche und Veranstaltungen außerhalb des Stadions nur noch stark eingeschränkt erlaubt.

Doch so traurig diese Entgleisungen auch sind, ist das Wiener Derby ein spektakuläres Beispiel für eine sportliche Rivalität, die über Jahrzehnte gewachsen ist und den Fans große Momente und emotionale Erinnerungen geschenkt hat.

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