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Julian Weigl ist bei Benfica Lissabon plötzlich auf dem Abstellgleis. Was sind die Gründe dafür und wie geht es weiter für den ehemaligen Dortmunder?

"Ich wollte etwas Neues machen, eine neue Herausforderung in einem neuen Land. Ich wollte ein neues Abenteuer", das sagte Julian Weigl der portugiesischen Zeitung A Bola kurz nach seinem Wechsel nach Lissabon.

Nicht mal ein Jahr später stehen die Zeichen aber schon wieder auf Abschied. Das portugiesische Blatt Record berichtet, dass der 25-Jährige, der bald zum ersten Mal Vater wird, einer Rückkehr in die Bundesliga nicht abgeneigt sei. Was ist in den vergangenen Monaten passiert, dass Weigl so schnell vom Heilsbringer zum Verkaufskandidaten wurde?

Weigl: Wir wollten ein Abenteuer wagen

Zu Beginn des Jahres 2020 wurde der überraschende Wechsel des defensiven Mittelfeldspielers zu Benfica Lissabon bekannt. Obwohl er beim BVB regelmäßig Spielzeit sammelte, entschied sich Weigl, den mutigen Schritt nach Portugal zu wagen.

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Dabei spielte nicht nur das Sportliche eine Rolle. "Wir sind nicht nur Maschinen, die auf dem Platz stehen. Wir sind auch junge Menschen, die Wünsche und Träume haben. Meine Frau und ich wollten immer einmal das Abenteuer Ausland wagen. Ich hatte einige Optionen. Bei Benfica hat das Bauchgefühl sofort gepasst", sagte er damals der Sport Bild.

Beim portugiesischen Rekordmeister war die Freude groß, dass mit Weigl ein junger und doch international erfahrener Spieler verpflichtet wurde. So rannte sogar ein Benfica-Fan nackt durch die Straßen Lissabons, als der Wechsel bekannt wurde. Der Deutsche sollte im defensiven Mittelfeldzentrum zur neuen prägenden Figur werden.

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Trainer Bruno Lage setzte voll auf seinen neuen Ballmagneten. Weigl stand bei ihm fast immer von Anfang an auf dem Platz und seine Leistungen waren gut. Zwar prägte er das Spiel bei Benfica nicht so stark, wie es zum Beispiel der im Sommer abgewanderte Joao Félix tat.

Weigls Aufgabe war aber ohnehin eine andere, wie er selbst erklärt: "Ich bin kein Spieler, der viele Tricks macht und das Stadion dann aufschreit. Meine Qualitäten liegen als Defensivspieler woanders. Ich denke, das wissen die meisten Fans. Stürmer haben es da leichter und schießen da vielleicht zwei Tore im ersten Spiel."

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Bruno Lage wird entlassen, Jorge Jesus übernimmt

Benfica tat sich aber insgesamt schwer in der Rückrunde. Zuerst gab es zu viele Unentschieden, nach der Corona-Pause kamen auch noch Niederlagen gegen vermeintlich kleinere Gegner hinzu. Diese Schwächephase nutzte Meisterschaftskonkurrent Porto eiskalt aus und sicherte sich den Titel.

Für Bruno Lage war das nach einer langen Krise zu viel. Der 44-Jährige wurde am 30. Juni 2020 entlassen, noch vor Saisonende. Das Aus des Trainers, unter dem er geholt wurde, brachte auch für Weigl schlechte Nachrichten mit sich.

Am 3. August übernahm nämlich ein alter Bekannter bei Benfica: Der 66 Jahre alte Jorge Jesus, der die Adler bereits sechs Jahre zwischen 2009 und 2015 coachte. Unter dem Trainer-Veteran gab es eine entscheidende taktische Änderung, die verheerende Auswirkungen auf die Spielzeit Weigls hat.

Nur noch ein Sechser - auch in der Abwehr kein Platz für Weigl

Während Benfica unter Bruno Lage fast immer mit zwei Sechsern spielte, stellte Jesus auf eine Formation mit nur noch einem defensiven Mittelfeldspieler um.

Als Abräumer ist bisher Gabriel der eindeutige Stammspieler. Dieser ist wesentlich physischer als Weigl. Dadurch ist er den Anforderungen als alleiniger Sechser in den Augen des Trainers besser gewachsen.

Weigl kann zwar auch als Innenverteidiger weiterhelfen - dort sind allerdings die Neuzugänge Nicolás Otamendi und Jan Vertonghen gesetzt.

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Abenteuer Portugak nach nur einem Jahr schon wieder vorbei?

Weigl schmort also vornehmlich auf der Bank. In dieser Liga-NOS-Saison stand er in sieben Spielen erst einmal über die volle Distanz auf dem Platz, in der Europa League steht ebenfalls nur ein komplettes Spiel zu Buche. Besserung ist vorerst nicht in Sicht. Eben deshalb berichtet Record, dass sowohl Weigl als auch der Verein einen Winter-Wechsel erwägen. Die Bundesliga wird als realistisches Ziel genannt.

Vor wenigen Wochen hatte Weigl noch von seinem Leben in Portugal geschwärmt: "Manchmal fühlt es sich wie Urlaub an. Als Deutscher bist du so viel Sonne nicht gewohnt. Es ist eine neue Lebensqualität, wenn man an freien Tagen mal eben an den Strand gehen oder in der traumhaften Stadt durch die engen Gassen schlendern kann."

Dieser Urlaub könnte für den einstigen Heilsbringer nun schneller vorbei sein als ursprünglich geplant.

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