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München und Barcelona - Boateng als Verstärkung für Barcas Titelträume? Der Transfer-Hammer des Winters wirft Fragen auf. Im Pokal gegen Sevilla darf der Ex-Frankfurter von Beginn an ran.

"Barca, ich komme!" Mit diesen markigen Worten kündigte Kevin-Prince Boateng seinen Wechsel zum FC Barcelona an.

Im Pokal-Viertelfinale gegen den FC Sevilla darf der ehemalige Bundesliga-Profi bereits von Beginn an ran. Boateng steht in der Startelf (Copa del Rey: FC Sevilla - FC Barcelona, ab 21.30 Uhr im LIVETICKER). Superstar Lionel Messi steht indes gar nicht im Kader.

Einige Fans der "Blaugrana" fassten Boatengs Ankündigung wohl noch als Witz auf - manche womöglich gar als Drohung. Das soll also die Verstärkung für Barcas Titelträume sein? Ein 31-Jähriger vom italienischen Mittelklasseklub US Sassuolo?

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Nun ist der Transfer-Hammer des Winters perfekt. Der 2018er-Pokalheld von Eintracht Frankfurt wird für die Rückrunde ausgeliehen, Barca besitzt zudem eine Kaufoption über acht Millionen Euro - doch die Fragezeichen bleiben.

Dabei lohnt ein Blick in die jüngere Vereinsgeschichte der Katalanen, um den Transfer zu verstehen. SPORT1 beleuchtet die Idee hinter dem Sensationswechsel - und den Zündstoff der Personalie.

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Ein Traumtor als Bewerbung

Den Skeptikern unter seinen Anhängern präsentierte der spanische Meister unmittelbar ein Video als Beweis der Qualitäten des überraschenden Neuzugangs.

Boateng pflückt den Ball an Barcas Strafraumkante herunter, legt ihn in einer fließenden Bewegung per Hackentrick an Verteidiger Eric Abidal vorbei und düpiert Keeper Victor Valdes mit einem satten Schuss ins kurze Eck.

Es war das zwischenzeitliche 2:2 des AC Milan im Gruppenspiel der Champions League 2011/12. Am Ende gewann Barca noch 3:2, doch Boatengs sehenswerter Treffer samt akrobatischem Jubel blieb offensichtlich in Erinnerung.

Boateng: "Hoffe, im Clasico treffen zu können"

"Ich hätte gar kein Flugzeug gebraucht, nach Barcelona wäre ich auch gelaufen", sagte Boateng auf der Pressekonferenz bei seiner offiziellen Vorstellung und fügte hinzu: "Es ist eine große Ehre. Ich bin hier, um alles zu gewinnen."

Die bevorstehende Episode beim spanischen Spitzenteam sei "eine großartige Chance" und er hoffe, "im nächsten Clasico in Bernabeu treffen zu können", hatte Boateng bereits am Vorabend bei Sky Italia gesagt.

Dabei ist der gebürtige Berliner nicht unbedingt als Knipser bekannt.

In der Königsklasse erzielte Boateng insgesamt vier Tore, davon zwei gegen seinen neuen Klub. Keine allzu beeindruckende Bilanz.

Überhaupt kam der 15-malige Nationalspieler Ghanas erst in einer Saison auf eine zweistellige Torausbeute: als er 2016/2017 in La Liga zehn Treffer für UD Las Palmas erzielte.

Barcas erster Ghanaer - und neuer Henrik Larsson?

Doch Barca hat Boateng auch nicht als Stammstürmer geholt. Die katalanische Knipser-Kolonne ist mit Lionel Messi, Luis Suarez, Philippe Coutinho und Ousmane Dembele mehr als prominent und ausreichend besetzt, wobei Suarez die Position in vorderster Front einnimmt.

Doch der Uruguayer ist der einzige nominelle Stoßstürmer im Kader von Trainer Ernesto Valverde, nachdem Paco Alcacer zum BVB und Munir El-Haddadi zum FC Sevilla gingen - und ebenfalls bereits 31. Sollte Suarez mal eine Pause benötigen oder ausfallen, fehlte bislang ein 1:1-Ersatz.

Auf der Suche nach einem Backup-Stürmer wurden Namen wie Alvaro Morata (FC Chelsea), Fernando Llorente (Tottenham Hotspur) oder auch Luka Jovic (Eintracht Frankfurt) gehandelt.

Nun wird also Boateng der "nuevo Larsson", wie es die spanischen Zeitungen formulierten - denn der Plan hat einen schwedischen Ursprung.

Ein Champions-League-Finale als Blaupause

17. Mai 2006, Endspiel der Champions League zwischen dem FC Barcelona und dem FC Arsenal: Barca spielt seit der Roten Karte für Gunners-Keeper Jens Lehmann in der 18. Minute in Überzahl, liegt aber 0:1 hinten.

Nach etwas über einer Stunde kommt Henrik Larsson ins Spiel. Der schwedische Stürmer ist mit 34 Jahren nur Angreifer Nummer zwei hinter Samuel Eto'o, doch im Finale schlägt seine Stunde. Er bereitet zwei Tore vor und sorgt so für Barcas ersten Champions-League-Titel dieses Jahrtausends.

Auf seiner elften Profi-Station nimmt Boateng nun also die Larsson-Rolle ein. Barcas erste Ghanaer soll bereitstehen, wenn Suarez nicht kann. "Ich fühle mich auf der Neuner-Position wohl", sagte Boateng zu seinem künftigen Aufgabenfeld.

"Ich bin hier aufgrund meiner Erfahrung und um zu helfen", nimmt er die Rolle als Ersatzmann an: "Ich spiele mit dem besten Spieler der Welt und einem der besten Stürmer der Welt zusammen. Ich betrachte das als ein Geschenk."

Ganz so eindimensional muss die Rückrunde für den Ex-Frankfurter aber gar nicht laufen, schließlich hat er die Eintracht als Sechser zum DFB-Pokal-Sieg geführt und auch auf vorherigen Stationen im Mittelfeld agiert. Larsson 2.0, sozusagen.

Enttäuschung in Barcas Nachwuchsakademie?

Dass dieser jedoch nicht in "La Masia" gefunden wurde, dürfte den vielen hochtalentierten Nachwuchskräften in Barcas Fußballschule weniger gut gefallen.

Schließlich dürfte sich der eine oder andere Juniorenspieler wie etwa Abel Ruiz (18) durchaus Chancen ausgerechnet haben, als sporadischer Ersatzmann für Suarez zu einigen Profi-Minuten kommen zu können.

Kevin-Prince Boateng trifft beim FC Barcelona auf Arturo Vidal
Kevin-Prince Boateng trifft beim FC Barcelona auf Arturo Vidal © iM Football

Nun wird ihnen ein 31 Jahre alter Vereinsnomade vor die Nase gesetzt. Der zudem erst im Sommer aus sehr guten Gründen nach Norditalien ging. "Der Wechsel nach Sassuolo ermöglicht mir, meiner Familie näher zu sein", sagte Boateng damals.

Nun zieht es ihn also wieder weg von seiner in Mailand lebenden Familie. Laut dem italienischen Magazin Oggi soll angeblich die kriselnde Beziehung mit Frau Melissa ein Grund für den neuerlichen Tapetenwechsel sein.

In Katalonien werden sie jedenfalls hoffen, dass sich Boateng ohne negative Stimmung in die Mannschaft eingliedert - wahrscheinlich wird bereits die geringe Spielzeit seine Laune auf die Probe stellen.

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