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München - Welche Konsequenzen hat der sich anbahnende Abgang von Lionel Messi für den FC Barcelona? SPORT1 ordnet zusammen mit einem Spanien-Experten ein.

Lionel Messi verlässt den FC Barcelona. Ein Szenario, das immer noch surreal wirkt - auch noch zwei Tage nachdem öffentlich wurde, dass der argentinische Superstar tatsächlich will, dass es Realität wird.

Welche Folgen wird der anscheinend nicht mehr zu kittende Bruch zwischen Barca und seiner Identifikationsfigur haben?

Zusammen mit dem spanischen Journalisten und langjährigen La-Liga-Experten Miguel Gutiérrez zeigt SPORT1 auf, wie massiv der Messi-GAU die Katalanen treffen wird - und den gesamten spanischen Fußball.

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- Sportliche Krise verschärft sich ohne Lionel Messi:

Die Entfremdung zwischen Messi und Barca hat viele Gründe, die sportliche Entwicklung ist ein wesentlicher: Die Blamage gegen den FC Bayern in der Champions League war Tiefpunkt einer missratenen Saison, an deren Ende Barca auch die Meisterschaft verspielt und zwei Trainer gefeuert hatte.

"Dieses 2:8 war eine Bankrotterklärung für den FC Barcelona", sagt Gutiérrez: "Der FC Bayern hat stark dazu beigetragen, dass er sagt, er kann hier nichts mehr erreichen."

Für den sportlichen Zustand von Barca ist das ein vernichtendes Zeugnis, das auch kommenden Transferzielen nicht verborgen bleiben wird. Ohnehin würde mit Messis Abgang ein gewichtiger Faktor wegfallen, der in den vergangenen Jahren viele Stars und Talente nach Barcelona gelockt hat. Unter diesen Umständen wiegt alles noch schwerer.

Schon seit einigen Jahren ist Barca im Abwärtstrend, ist seit dem Champions-League-Triumph 2015, bei dem noch Andrés Iniesta, Xavi und Neymar dabei waren, nicht mehr das Team, das es einmal war. Auch Messi ist nicht mehr ganz auf dem Niveau von einst.

Der neue Trainer Ronald Koeman sollte nun eigentlich für den Neuaufbau sorgen, aber nach den Vorgängen um Messi ist jede Aufbruchstimmung dahin.

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- Nicht nur Barca verliert viel Geld

Kritiker wie Ex-Präsident Joan Laporta unterstellen der Barca-Führung um Josep Bartomeu, Messi loswerden zu wollen, um sein Gehalt einzusparen, das inklusive Boni bei an die 40 Millionen Euro pro Jahr liegen soll - netto. Ob der Vorwurf stimmt, sei dahingestellt, es wäre in jedem Fall eine zu einfache Rechnung.

"Messi generiert auch eine Menge Geld", sagt Gutiérrez: "Ein Großteil der verkauften Barca-Trikots sind Messi-Trikots."

Hinzu kommt: "Messi ist eine Touristenattraktion. In der Vergangenheit sind unglaublich viele chinesische und japanische Fans gekommen, die viel für Tickets bezahlt haben. Nicht, um Barcelona zu sehen, sondern Messi. Das fällt dann weg."

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Generell werde die Auslandsvermarktung unter einem Weggang von Messi leiden, nicht nur die von Barca. Der ganze spanische Fußball würde leiden, zum Beispiel wenn es um die Aushandlung künftiger TV-Verträge gehe: "Eine spanische Liga mit Messi bringt mehr als eine spanische Liga ohne. Mit Messis Weggang verliert auch Real Madrid."

Selbst wenn Barca im Vertragsstreit mit Messi die Oberhand behält, ihn nicht gratis ziehen lässt und einen Klub findet, der eine Mega-Ablöse stemmen kann und will: Der langfristige Verlust dürfte höher sein als der kurzfristige Gewinn.

- Der Schaden für die Marke Barca:

Der konkrete finanzielle Schaden für Barcelona ist das eine, der ideelle Schaden ist das andere - und er ist unkalkulierbar. "Da geht Unglaubliches verloren", sagt Gutiérrez.

Für ihn ist der Messi-Knall "eine Katastrophe für Barca und den spanischen Fußball", deren Folgen auch noch massiver seien als Cristiano Ronaldos Weggang von Real Madrid 2018.

Ronaldo war schon ein Star und eine Eigenmarke als er zum Rivalen gekommen war, der seit 20 Jahren in Barcelona spielende Messi ist dagegen so fest mit seinem Klub verwoben, dass eine Loslösung immer noch kaum vorstellbar erscheint.

Messi sei mittlerweile noch vor Johan Cruyff und allen anderen Legenden "der wichtigste Spieler in der Geschichte des Klubs", findet Gutiérrez, auch persönlich habe der Argentinier Wurzeln geschlagen: "Er fühlt sich fast als Katalane." Selbst bei den Fans des großen Rivalen Real genieße er Respekt: "Das, was da jetzt passiert ist, war sogar für Real-Fans ein Schock. Messi ist einer der weniger Barca-Spieler, den Real-Fans nicht gehasst haben. Sie haben gesehen und anerkannt, was er für eine unfassbare Qualität hat."

Zwar wird Barca auch ohne Messi ein Topklub und eine Marke mit eigener globaler Strahlkraft bleiben, aber einen solchen Weltstar, der diese Marke so verkörpert, muss der Klub erstmal wieder aufbauen.

Der Wunschvorstellung, einen "neuen Messi" zu schaffen, wird Barca jahrelang, vielleicht Jahrzehnte lang hinterherlaufen. Und vielleicht niemals zum Ziel kommen.

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