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Am 15. April jährt sich die Hillsborough-Katastrophe mit 96 Todesopfern und 766 Verletzten zum 30. Mal. Der Schmerz der Hinterbliebenen wird zusätzlich genährt durch den noch immer nicht abgeschlossenen Rechtsstreit.

Anfang April konnten sich die Hinterbliebenen der Hillsborough-Katastrophe über einen kleinen Erfolg freuen, der sehr lange auf sich warten gelassen hatte. Doch die Enttäuschung überwog auch diesmal.

Zwar hatte ein Gericht in Preston zum ersten Mal überhaupt einen Verantwortlichen für schuldig befunden, den früheren Geschäftsführer von Sheffield Wednesday, Graham Mackrell, 69. Aber bei dem damaligen Einsatzleiter der Polizei, David Duckenfield, 74, kam das Gericht zu keinem Urteil. Zur Begründung hieß es, der Fall sei zu komplex.

Es gibt keine Gewinner

Es sind Ereignisse wie diese, die die Angehörigen der Opfer auch drei Jahrzehnte nach der größten Stadionkatastrophe im europäischen Fußball noch immer begleiten und belasten, neben der Trauer um ihre verstorbenen Eltern, Geschwister und Kinder.

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Margaret Aspinall, die sich als Vorsitzende der "Hillsborough Family Support Group" seit jeher dafür einsetzt, dass die damaligen Geschehnisse aufgeklärt und die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden, sagte nach dem vorläufigen Ende des Prozesses am 3. April, der im Juni fortgesetzt werden könnte: "Egal, was das Ergebnis war oder in der Zukunft sein könnte, wir sind immer noch die Verlierer, und wir werden immer die Verlierer sein."

Aspinall hatte damals ihren Sohn James verloren. Er war 18 Jahre alt.

© Imago

Katastrophe jährt sich

30 Jahre sind seit jenem 15. April 1989, an dem beim FA-Cup-Halbfinale zwischen dem FC Liverpool und Nottingham Forrest im Hillsborough-Stadion von Sheffield Wednesday 94 Menschen ums Leben kamen, vergangen.

Die meisten davon erstickten, 766 weitere Zuschauer wurden teils schwer verletzt. Ein weiteres Opfer erlag seinen Verletzungen ein paar Tage danach im Krankenhaus. Fast vier Jahre später kam das 96. Todesopfer hinzu, das damals im Stadion schwerste Hirnschäden erlitten hatte, seither im Koma lag und dessen Eltern schließlich die lebenserhaltenden Maßnahmen abschalten ließen.

Das jüngste Opfer der Tragödie war zehn Jahre alt: Jon-Paul Gilhooley, Cousin des späteren englischen Nationalspielers und langjährigen Kapitäns des FC Liverpool, Steven Gerrard. Zwei Marmortafeln erinnern am Anfield-Stadion in Liverpool an die 96 Opfer. Ihre Namen und ihr Alter sind in goldener Schrift eingraviert. Davor liegen immer Blumen.

Die Hölle auf Erden

Auf der Tribüne hinter Bruce Grobbelaar, damals Torwart des FC Liverpool, war es zur Katastrophe gekommen. Die Menschen auf den völlig überfüllten Rängen wurden von nachdrängenden Zuschauern gegen die Zaungitter gepresst.

Grobbelaar berichtete später in seiner Biografie, wie er leblose Menschen mit verfärbten Gesichtern am Zaun gesehen habe.

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"Bruce, bitte hilf uns", hätten ihm verzweifelte Fans auf dem Platz zugerufen. "Sie haben nach mir geschrien", erzählte er einmal, "es war fürchterlich."

Nachdem er sich an eine Polizistin gewandt hatte und diese ihm gesagt habe, sie könne nichts tun, machte er den Schiedsrichter auf die Geschehnisse aufmerksam. Dieser brach das Spiel in der sechsten Minute ab.

Überlebende sprechen noch heute von der Hölle auf Erden, die auch nach sich zog, dass in englischen Stadien die Stehplätze abgeschafft wurden.

Versagen der Polizei

An jenem Frühlingstag, einem Samstag, sollte das Spiel um 15 Uhr beginnen. Doch tausende Fans des FC Liverpool standen kurz vor dem Anpfiff noch vor den wenigen Eingängen. Eine Anfrage der Polizei, ob das Spiel später angepfiffen werden könne, wurde abgewiesen. Wegen des immensen Gedränges an den Eingängen traf Duckenfield, der damalige Einsatzleiter der Polizei, die folgenschwere Entscheidung, ein sogenanntes Fluchttor öffnen zu lassen.

Tausende Menschen drängten danach in jenen Tribünenbereich, der ohnehin schon voll besetzt war. Die Katastrophe nahm ihren Lauf. Das lag auch daran, dass die Polizei die Fluchttore zum Innenraum des Stadions zunächst nicht öffnen ließ und die auf der Tribüne und am Zaun eingequetschten Menschen nicht auf den Platz entkommen konnten.

Auch die ärztliche Versorgung der Opfer soll die Polizei mit schweren Versäumnissen massiv behindert haben.

Viele Unwahrheiten

Bei den vielen Schuldzuweisungen, die danach folgten, spielte das Boulevardblatt The Sun eine besonders unrühmliche Rolle, indem es die Liverpooler Fans mit groben Unwahrheiten für die Katastrophe verantwortlich machte.

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Noch heute wird die Zeitung in Liverpool vielerorts boykottiert. Das Magazin 11 Freunde schrieb einmal zu den vielen Lügen, die damals auch von Politikern und Polizisten gestreut wurden: "Im Krieg, so heißt es, stirbt die Wahrheit zuerst. In Hillsborough war sie das 97. Opfer."

Erst am 26. April 2016 kam ein Geschworenengericht in Warrington zu dem Schluss, dass kein Unfall zu der Katastrophe geführt habe, sondern die 96 Opfer "rechtswidrig" getötet worden seien und die Polizei durch ihr Fehlverhalten erheblich dazu beigetragen habe. Sechs mutmaßlich Verantwortliche wurden daraufhin angeklagt, darunter Mackrell und Duckenfield.

Knapp drei Jahre später wird nun wieder an die Katastrophe vor drei Jahrzehnten erinnert. Beim Spiel zwischen dem FC Liverpool gegen den FC Chelsea gab es am Sonntag eine Schweigeminute.

In der Stadt Liverpool sind für diesen Montag mehrere Gedenkaktionen geplant, begleitet von 96 Glockenschlägen und einer Schweigeminute um 15.06 Uhr. Zu jenem Zeitpunkt also, als das Spiel vor 30 Jahren in Sheffield abgebrochen wurde. Der Rechtsstreit dauert noch immer an.

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