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Seit 2017 ist Daniel Farke Trainer bei Norwich City. Bei SPORT1 spricht er über den Aufstieg in die Premier League und das Titelrennen in der Bundesliga.

Von Lena Knecht

2015 trainierte Daniel Farke noch den SV Lippstadt vor 800 Zuschauern in der Oberliga Westfalen. Über Borussia Dortmund II landete der 42-Jährige, dessen Ziel es nie war Trainer zu werden, 2017 beim englischen Zweitligisten Norwich City.

Mit den "Kanarienvögeln" schaffte er nun sensationell den Aufstieg in die Premier League. Mit einem Verein, der sich, anders als viele Kontrahenten, selbst finanziert und über keine externen Investoren verfügt. Im Gespräch mit SPORT1 beschreibt Farke das Wunder von Norwich und die Wundermacher.

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SPORT1: Herr Farke, Glückwunsch zum Aufstieg in die Premier League! Wie haben Sie gefeiert?

Daniel Farke:  Wir haben in den vergangenen Monaten Sensationelles für den Verein, die Stadt und die ganze Region geleistet. Und natürlich muss man diesen einzigartigen Erfolg auch feiern. Das haben wir gemeinsam mit unseren Fans intensiv getan. Das sind Erinnerungen die haften bleiben, die andererseits aber auch demütig machen. In diesen Momenten wird dir bewusst, wie groß die Strahlkraft dieses Vereins und damit die Verantwortung, die du in deiner Position für das Alltagsleben der Menschen trägst, wirklich ist. 

SPORT1: Können Sie in Norwich nach dieser Sensation überhaupt noch unerkannt auf die Straße gehen?

Farke:  Nein, dafür ist die Wertigkeit des Fußballs - insbesondere auf diesem Level - im Mutterland des Fußballs einfach zu hoch. Das ist in Deutschland wirklich nur mit den absoluten Topvereinen wie Bayern München oder Borussia Dortmund zu vergleichen. Der Preis dafür ist, dass man quasi kein Recht auf Privatleben hat. Deswegen bin ich auch ganz froh, mal in Deutschland durchzuschnaufen und ein relativ normales Leben führen zu können.

SPORT1: Ihr Aufstieg wird oft mit dem von Huddersfield Town 2017 verglichen, weshalb Vergleiche zwischen deren Ex-Trainer David Wagner (jetzt Schalke 04) und Ihnen naheliegen. Nervig?

Farke: Nein, gar nicht. David hat einen unfassbar tollen Job gemacht und Historisches erreicht, daher empfinde ich viel Respekt für ihn und seine Arbeit. Er hat Großartiges geleistet. Man kann die Geschichten aber nicht vergleichen. Huddersfield ist ein Verein, der in der Historie immer froh war, wenn er auf dem Niveau der Championship (2. Liga in England, d. Red.) gespielt hat. Daher war deren Premier-League-Aufstieg und darauffolgender Klassenerhalt ein unfassbarer Erfolg. Die Erwartungshaltung und die Ausgangslage sind und waren in Norwich eine ganz andere. Das hier ist eine andere Story.

SPORT1: Inwiefern?

Farke: Norwich City hat eine große Historie und auch eine lange Premier-League-Vergangenheit. Spiele wie gegen Bayern München im Europapokal vor einigen Jahren sind auch heute noch total präsent und prägen das Anspruchsdenken. Und wie das bei Traditionsvereinen immer so ist: Mit einer großen Historie ist die Erwartungshaltung unglaublich hoch. Zwar wussten alle, dass wir eine überalterte Mannschaft hatten, einen Umbruch vollziehen und dem Verein eine komplett neue Ausrichtung geben mussten. Dabei standen wir aber unter großem finanziellen Druck, mussten unsere besten Spieler verkaufen und haben einen Transferüberschuss von mehr als 50 Millionen Pfund in den letzten 24 Monaten erzielt. Kein anderer Verein in ganz England hat diese Bilanz vorzuweisen.

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SPORT1: Der englische Fußball ist das Maß der Dinge. Vier Mannschaften aus der Premier League stehen im Finale der Champions und Europa League. 

Farke: Das ist ein kein Zufall. Natürlich gibt es Vorteile durch die Fernsehgelder und die finanziellen Möglichkeiten, keine Frage. Aber ich glaube, dass die Engländer auch im Nachwuchsbereich extrem viel richtig gemacht haben in den letzten Jahren. Es ist kein Glück, dass die englische Nationalmannschaft bei der letzten WM so top dastand, denn seit Jahren sind die Jugendmannschaften extrem erfolgreich und haben Titel gewonnen. Nach so einer Entwicklung zieht die Nationalmannschaft in der Regel immer nach. Ich hoffe und glaube, dass wir in Deutschland die richtigen Lehren daraus ziehen. Dann wird es auch wieder eine Gegenbewegung geben.

SPORT1: Wie sehen Sie die englischen Ligen im internationalen Vergleich?

Farke: Wenn man alleine die Qualität der Championship sieht, welche Spieler und Trainer dort aktiv sind, das nochmal verstärkt ganz oben, dann muss man ganz ehrlich sagen: Die Premier League ist die beste Liga und die Championship ohne Zweifel die härteste Liga der Welt. 

SPORT1: Ihr Spielstil hat aber weniger mit dem typisch-englischen Tempofußball zu tun.

Farke:  Das stimmt. Unser Fußball wird eher mit dem spanischen Spielstil verglichen, weil wir extrem auf Ballbesitzfußball setzen. Dennoch sind Tempo und Intensität auch für unser Spiel wesentliche Elemente. Generell lässt sich der Fußball aber immer weniger in nationale Grenzen oder Schubladen einordnen, sondern ist immer abhängig von den handelnden Personen und deren Ideen. Auch hier in England gibt es ganz unterschiedliche Ansätze und Einflüsse. Insgesamt sind Intensität und Tempo der Spiele aber extrem hoch und deswegen auch sehr attraktiv und spannend anzuschauen.  

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SPORT1: Wie viel Sensation trauen Sie Ihrer Mannschaft in der ersten Liga zu?

Farke: Wir müssen auf jeden Fall Respekt haben. Wenn man den nicht hat, kann man auch nicht top sein in seinen Leistungen. Wir wissen das schon richtig einzuschätzen. Was die finanziellen Möglichkeiten in puncto Etat, Transferausgaben und Spielergehälter angeht, liegen wir definitiv auf Platz 20 der Premier League. 

SPORT1: Können Sie das bitte genauer erklären?

Farke: Wir sind ein Verein, der sich selbst finanziert und keine externen Investoren hat, die ohne Ende Geld in den Verein pumpen. Der finanzielle Druck, unter dem wir die letzten Jahre gearbeitet haben, war außerordentlich hoch. Wir müssen auch für einige "Sünden" der Vergangenheit noch den Preis zahlen. Jetzt müssen wir dringend in die Infrastruktur investieren, in den Nachwuchsbereich und unsere Academy. Das werden wir auch tun. Dieser Weg ist für uns alternativlos und wir sind da auch realistisch.

SPORT1: Wie werden Sie es sportlich mit der Mannschaft angehen?

Farke: Wir brauchen wieder eine klare Spielidee, Flexibilität in der Umsetzung und eine Geisteshaltung die uns trägt. Wir haben ja schon in der Championship mit der wohl jüngsten Viererkette in ganz Europa gearbeitet und eine unfassbar junge und entwicklungsfähige Mannschaft. Wir werden jedenfalls nicht die weiße Flagge hissen und ängstlich sein, sondern mit unseren Mitteln kämpfen. Wir sind gierig und haben nach dem gewonnenen Titel auch allen Grund dazu, selbstbewusst in die Premier League zu gehen. Trotzdem sind wir nicht naiv. Wir wissen, dass es dieses Jahr eine Sensation war. Genauso wäre es im nächsten Jahr dann auch eine absolute Sensation, wenn wir die Liga halten würden.

SPORT1: Kommen wir zu Ihnen. Wie sieht ein normaler Arbeitstag im Leben des Daniel Farke aus?

Farke:  Einen normalen Arbeitstag gibt es nicht: Mit mehr als 50 Pflichtspielen verbringst Du natürlich viel Zeit auf Reisen und in Hotels. Ansonsten ist es häufig ein langer Arbeitstag am Trainingsgelände, gespickt mit extrem viel Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Man darf sich das Leben als Premier-League-Trainer nicht so glamourös vorstellen. Es ist viel mehr sehr anspruchsvolle und zehrende Arbeit. Aber eben auch ein Job, der unheimlich erfüllend sein und großen Spaß machen kann. Du musst bereit sein, auf absolutem Topniveau zu arbeiten, ansonsten hast Du keine Chance.

SPORT1: Schauen Sie sich eigentlich auch andere Sportarten an?

Farke: Also ehrlich gesagt bleibt wenig Zeit, aber natürlich bin ich auch an anderen Sportarten interessiert: In England ist Golf total populär, dabei kann ich gut abschalten und entspannen. Aber auch Tennis und Basketball sind ein Thema. Im Winter aber vor allem Biathlon. Darin bin ich Experte und kann dazu alles herunterbeten (lacht). Allerdings bin ich dabei eher auf deutsche TV-Bilder angewiesen.

SPORT1: Können Sie sich vorstellen, irgendwann beruflich nach Deutschland zurückzukommen?

Farke: Ich arbeite jetzt in der besten Liga der Welt. Ich habe auch das Gefühl, dass meine Zeit in Norwich noch nicht zu Ende ist, weshalb ich erst vor kurzem meinen Vertrag verlängert habe (bis 2022, d. Red.). Grundsätzlich fühle ich mich in England momentan extrem wohl. Hier herrscht zwar ein großer Druck und im Trainerbereich eine hohe Fluktuation. Die englische Presse und die Fans können auch streng und fordernd sein. Mir gefällt aber die Wertigkeit und der Respekt, der dem Trainerberuf in England entgegengebracht wird. Der Umgang hier ist sehr respektvoll. Und du arbeitest hier auf absolutem Topniveau und misst Dich mit den Besten der Welt. Das ist insgesamt sehr reizvoll.

SPORT1: Abschlussfrage: Wer wird Deutscher Meister?

Farke: Borussia Dortmund ist ein toller Club und immer zu allem fähig. Dennoch glaube ich, dass der FC Bayern seinen Vorsprung auch ins Ziel bringen wird. Das wäre auch ein perfektes Ende für Spieler wie Franck Ribéry und Arjen Robben die eine Ära geprägt haben. Aber noch ist alles möglich. 

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