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Vorher und nachher: Patricio Manuel begann seine Box-Karriere als Patricia Manuel
Vorher und nachher: Patricio Manuel begann seine Box-Karriere als Patricia Manuel © instagram.com/team_pat_manuel
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Patricio Manuel ist der erste Transgender-Boxer, der als Profi durchstartet. Bei seinem Debütsieg kassiert er Buhrufe, auf die er ganz gelassen antwortet.

Patricio Manuel hat seinen ersten Kampf als Profiboxer gewonnen. Im kalifornischen Indio besiegte er den Mexikaner Hugo Aguilar nach Punkten.

Das klingt erstmal nicht nach einer großen Nachricht und rein sportlich betrachtet wäre es auch noch keine. Aber hinter dem Premierensieg von Patricio Manuel steckt eine Geschichte, die größer ist.

Das 33 Jahre alte Superfedergewicht hieß einmal Patricia Manuel und kämpfte als Frau darum, bei den Olympischen Spielen anzutreten. Als Patricio Manuel hat er nun Geschichte geschrieben: Als erster Transgender-Boxer, der in den USA eine Profi-Karriere gestartet hat.

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Wobei er direkt auch wieder zu spüren bekam, dass nicht jedem diese Geschichte gefällt.

Patricio Manuel reagiert gelassen auf Buhrufe

Beim Sieger-Interview gab es hörbare Buhrufe einzelner Fans im Fantasy Springs Casino. Manuel nahm sie gleichmütig zur Kenntnis: "Ich höre, dass einige nicht glücklich sind. Das ist in Ordnung. Ich werde wiederkommen und sie glücklich machen."

Wer sich ein wenig beschäftigt mit Patricio Manuel, merkt schnell, dass da jemand spricht, den ein paar spontane Buhrufe nicht aus der Fassung bringen. Patricio Manuel ist ein Mensch mit einer Mission, ein heller, politischer Kopf, der sich vorgenommen hat, etwas zu bewegen, indem er seine persönliche Geschichte zu einem öffentlichen Thema macht.

"Ich glaube, gerade bei Latinos und Schwarzen genießen Boxer besonderen Respekt, gerade auch wenn es um das Thema Männlichkeit geht", sagte Manuel vor einiger Zeit dem Magazin Paper: Er fühle sich daher privilegiert etwas zu tun, "was Menschen aus ihrer Komfortzone bewegt".

"Möchte eigentlich frei von Fesseln sein"

Manuel lebte bis zum Jahr 2013 als Frau, gewann fünf Amateurtitel in ihrer Heimat, versuchte sich für Olympia in London zu qualifizieren. Letztlich brachte eine Schulterverletzung den Traum zum Platzen, ein Einschnitt, der für Manuel ein Anlass war, über das größere Ganze nachzudenken, sein Leben und seine Identität in Frage zu stellen.

Nach eigenen Angaben sah Manuel sich damals "als maskuline Person, nicht zwingend als Mann. Ich möchte eigentlich eher frei von solchen Fesseln sein. Aber wir leben in einer Welt, in der es heißt: männlich oder weiblich. Also traf ich die Entscheidung, mich zu verändern."

Manuel begann eine Hormontherapie, bekam einen Bart und eine tiefere Stimme. Seine Großmutter bezahlte ihm eine 6000 Dollar teuere Operation, in der er sich eine männlich aussehende Brust herrichten ließ. Mittlerweile ist Manuel, der mit einer Frau zusammenlebt, ein perfekt durchdefinierter Modellathlet.

Kampf gegen Vorurteile

Es dauerte dennoch Jahre, bis Manuel das neue sportliche Kapitel, für das er sich entschieden hatte, auch beginnen konnte. Der US-Verband musste die vom IOC angeregte Regel, dass Transsexuelle ohne Einschränkungen bei den Männern antreten dürfen, zunächst erst einführen. Zudem musste Manuel gemäß den damals geltenden IOC-Regularien zwei Jahre Wettkampfpause für seine Hormontherapie einlegen.

Manuel erfuhr von Familie, Freunden und Weggefährten viel Unterstützung für seinen Weg, aber keinesfalls uneingeschränkte. "Ich habe Menschen verloren, die ich als Familie betrachtet habe", berichtete er. Er sei aus Trainingshallen rausgeworfen worden, Gegner hätten Kämpfe ohne Angabe von Gründen platzen lassen, auch seinen Trainer habe er wechseln müssen.

Vorurteile seien ohnehin ständiger Begleiter gewesen, jetzt nur eben neue. "Es ist unfair. Pat ist ein Mann, der gegen Frauen antritt", hätte er früher gehört. Nun heiße es, dass er als Frau doch keine Chance gegen echte Männer hätte.

Gegner zollt Respekt

Debütgegner Aguilar zeigte keine solchen Vorurteile. "Ich habe sehr viel Respekt für das, was er getan hat", hielt er vor derm Kampf fest: "Es ändert nichts für mich: Wenn wir im Ring stehen, wollen beide den Sieg." Manuel zollte ihm hinterher für dafür Anerkennung.

Manuel, dessen Profidebüt von Oscar de la Hoyas Golden Boy Boxing promotet wurde, ist sich im Klaren, dass er noch viele weitere Siege folgen lassen muss, um sich selbst Anerkennung zu erarbeiten: "Es gibt viele Neinsager, denen ich noch beweisen muss, dass ich hierhergehöre."

Er selbst ist mit sich im Reinen und hofft, dass er damit auch anderen in seiner Situation ein Beispiel geben kann: "Es ist eine komische Sache, wenn zu einer historischen Sache wird, dass du einfach deine persönliche Wahrheit lebst."

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