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München - Mitverantwortlich für den Erfolg von Konstanze Klosterhalfen ist das Nike Oregon Project. SPORT1 stellt das Konzept vor und erklärt, warum es so umstritten ist.

Nike Oregon Project: Hinter diesen drei Worten verbirgt sich schon seit 18 Jahren eine echte Revolution in der Leichtathletik.

Jüngstes Aushängeschild des Projekts in den USA ist Konstanze Klosterhalfen. Die deutsche Läuferin pulverisierte am Wochenende in Berlin den deutschen Rekord über 5.000 Meter und verbesserte ihre Bestmarke über diese Distanz um 25 Sekunden.

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Schnell kamen Fragen auf, ob diese Leistung mit rechten Mitteln zustande gekommen sei - und wie beim Nike Oregon Project (NOP) gearbeitet wird, dass solch enormen Leistungssteigerungen zustande kommen.

"Die Bedingungen sind sehr professionell. Dort am Haupt-Campus haben sie noch einmal andere Möglichkeiten, vor allem auf die Regenerationsmaßnahmen bezogen", erklärte Klosterhalfen bei SPORT1 über die Vorzüge des NOP. "Dort dreht sich alles nur ums Laufen. Alles ist danach ausgerichtet - das ist vielleicht der größte Unterschied." 

Nike unterstützt Projekt von Alberto Salazar

Was aber genau zeichnet das NOP aus?

Der Campus befindet sich auf dem Hauptgelände des Sportartikelherstellers Nike, der das Projekt finanziell großzügig unterstützt. Die treibende Kraft hinter dem NOP ist der dreimalige Sieger des New-York-Marathons Alberto Salazar, der 2001 gemeinsam mit dem Sportgiganten den Campus gründete. Das Ziel: Die Vormachtstellung der Afrikaner über die langen Distanzen zu durchbrechen.

Mit der Nike-Unterstützung wurden dort die professionellsten Bedingungen der Welt für das Langstrecken-Training geschaffen. 

Die Athleten leben teilweise in sauerstoffreduzierter Luft, um die Höhenluft zu simulieren. Es gibt Unterwasser- und Antischwerkraft-Laufbänder, worauf trainiert werden kann, ohne den stark beanspruchten Bewegungsapparat weiter zu belasten. Außerdem kommt eine Cyrosauna zum Einsatz, die mit einer Temperatur von bis zu minus 120 Grad Celsius den Körper kurzzeitig schockt und zu Anpassungen zwingt.

Zudem setzt Salazar im Training auch auf Sportarten, die auf den ersten Blick keine Verbindung mit der Leichtathletik haben. Boxen, so verriet es "Koko" nach ihrem Rekordlauf in Berlin, sei sogar ein zentraler Teil ihres Trainings. "So richtig mit Schlagen, das macht super Spaß! Meine Finger waren mal richtig blau danach."

Auch als Gewichtheberin muss sich Klosterhalfen regelmäßig beweisen. Und: Bei allen Belastungen wird die Herzfrequenz jederzeit kontrolliert, um die optimale Trainingsbelastung bestimmen zu können.

Klosterhalfens Fazit nach neun Monaten Oregon: "Es ist wie jeden Tag Trainingslager. Sie helfen mir super, auf einem neuen Level zu trainieren", erzählte sie unlängst in der Süddeutschen Zeitung.

Riesige Umfänge im Training

Aber natürlich geht es hauptsächlich ums Laufen. Und das in gewaltigen Dimensionen.

So sollen 1500-Meter-Läufer 145 bis 160 Kilometer pro Woche laufen, während die Läufer der langen Distanzen zwischen 175 und 210 Kilometer pro Woche abspulen sollen. Dabei sind verschiedene Übungsformen wie Sprints oder Tempoläufe Pflicht, die Muskelfasern trainieren, die sonst im Langstreckenlauf zu kurz kommen. Dadurch wird die Spurtfähigkeit verbessert und der Schritt flüssiger.

Zusätzlich sollen weitere Kilometer auf einer Unterwasser- oder Schwerelosigkeitslaufbahn absolviert werden. Zwei Krafteinheiten pro Woche sind ebenfalls vorgesehen. Zur Entspannung sind immerhin auch ein bis zwei Massagen in der Woche vorgesehen.

Olympiasieger Mo Farah steigt aus

Die harte Arbeit in Oregon hat sich in der Vergangenheit für einige Athleten längst ausgezahlt. Aushängeschild war der viermalige Olympiasieger Mo Farah, der bei Olympia 2012 und 2016 jeweils die Goldmedaille über 5.000 Meter und 10.000 Meter holte.

Da der Brite inzwischen aber das Projekt verlassen hat, ist der US-Amerikaner Galen Rupp, Silbermedaillengewinner von 2012, das heißeste Eisen im Männer-Bereich. Bei den Frauen sticht neben Klosterhalfen vor allem die Niederländerin Sifan Hassan hervor, die bereits seit Ende 2016 unter Salazar trainiert und seit kurzem den Weltrekord über die Meile und den Europarekord über 5.000 Meter hält.

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Das NOP beherbergt also inzwischen einige der weltbesten Läufer auf der Mittel- und Langstrecke außerhalb Afrikas. Dadurch herrscht bereits im Training ein enorm hohes Niveau, das die Athleten auch im knallharten und taktischen Duell auf der Bahn weiterbringt. Zusätzlich arbeitet Salazar auch im mentalen Bereich. Mit Hilfe von Psychologen hat er seinen Schützlingen eingeimpft, dass die "unantastbaren" Äthiopier und Kenianer zu schlagen sind.

Anklage gegen Salazar

Trotz aller Erfolge von Salazar und den NOP-Athleten liegen jedoch auch Schatten über dem Projekt.

Ehemalige Trainer und Athleten, wie die Läuferin Kara Goucher, berichteten vor drei Jahren, der Chef-Coach würde Sportler dazu drängen, leistungsfördernde Medikamente zu nehmen. Seit einigen Jahren läuft eine Untersuchung der US-Anti-Doping-Behörde USADA gegen den 61-Jährigen. 

Vor Klosterhalfens Einstieg im November 2018 sorgte auch eine angebliche Schilddrüsen-Unterfunktion bei mehreren NOP-Athleten für Wirbel. Diejenigen, die über diese Symptome klagten, bekamen jeweils vom selben Arzt eine Hormon-Substitution verschrieben.

Don Catlin, US-Pionier im Anti-Doping-Kampf, sagte in einem Interview über das Präparat: "Ich gehe davon aus, dass einige Athleten diese Medikamente nehmen, um eine Leistungssteigerung zu erreichen. Wenn du es nimmst und es eigentlich nicht brauchst, hat es eine stimulierende Wirkung." Nach Auffassung des IOC führen die Medikamente aber eher zu einer Leistungseinbuße.

In einem Zwischenbericht der amerikanischen Anti-Doping-Agentur wird Salazar außerdem attestiert, mit "Nötigung und Äbhängkeiten" zu arbeiten, zudem habe Nike die Ermittlungen behindert, was der Konzern dementierte. Der Coach und seine Schützlinge wiesen die Vorwürfe ebenfalls zurück. Nachgewiesen wurde dem gebürtigen Kubaner bisher nichts.

Klosterhalfen lässt Kritik abprallen

Dennoch: "Mir war schon bewusst, dass es sicher auch kritisch gesehen wird", sagte Klosterhalfen über ihren Schritt zum NOP im vergangenen November.  Bundestrainer Sebastian Weiß, der sie bis zum Wechsel in die USA auch als Heimttainer begleitete, hat jedoch keinerlei Bedenken über ihre Integrität.

"Sie ist eine mündige Athletin, sie ist den Schritt gegangen und wusste, dass diese Kritik auf sie zukommen wird. Konstanze ist weiterhin im Anti-Doping-Pool, wird regelmäßig kontrolliert und auch bei Rekorden, wie jetzt in Berlin, muss sie direkt eine Dopingkontrolle absolvieren", verteidigte Lauf-Bundestrainer Sebastian Weiß Klosterhalfens Vorgehen bei SPORT1.

Nun aber muss Klosterhalfen mit diesen Zweifeln leben. "Man bekommt das mit und ist im ersten Moment auch nicht glücklich darüber. Aber ich gehe nicht darauf ein und lasse es so gut es geht an mir abprallen. Ich weiß inzwischen, wie viel hier gearbeitet wird, wir Athleten trainieren superhart und die Leute hier kitzeln jede Kleinigkeit heraus", sagte sie. 

Dennoch: Zweifel am Millionenprojekt von Salazar und Nike werden auch künftig über dem Campus liegen - zumindest solange, bis die USADA die Ermittlungen eingestellt hat.

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