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Thomas Roehler holte 2016 in Rio die Goldmedaille im Speerwurf
Thomas Roehler holte 2016 in Rio die Goldmedaille im Speerwurf © Imago
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München - Trotz Corona-Maßnahmen hat Thomas Röhler in der Olympia-Vorbereitung keine Sorgen. Das Speerwurf-Ass erklärt bei SPORT1, dass es an anderer Stelle aber nicht fair abläuft.

Für Thomas Röhler war es eine Saison zum Abhaken. Der Speerwurf-Olympiasieger von 2016 wurde wie viele seiner Kollegen von der Corona-Pandemie kalt erwischt.

Weil der Thüringer aber im Juli Vater wurde, meinte das Schicksal es doch gut mit ihm - schließlich hätte er wegen der Spiele in Tokio wohl die Geburt seines Sohnes verpasst. 

Im SPORT1-Interview erklärt Röhler, warum er sich für Olympia in einer guten Ausgangsposition sieht, was er vom Thema Doping in Corona-Zeiten hält und warum es bei den aktuellen Corona-Einschränkungen "definitiv nicht fair" abläuft.

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SPORT1: Herr Röhler, Sie sind seit einigen Monaten Vater. Was hat sich seitdem in ihrem Leben verändert?

Thomas Röhler: Es ist ein wunderbarer Bestandteil, der dazu gekommen ist. Einer, der nicht planbar ist. Einer, der einen jeden Tag glücklich macht. Es ist eine ganz neue Situation. Du hast viel mehr Verantwortung, bist weniger flexibel, aber alles, was du tust, machst du auch mega gerne. Wenn du mal eine schlaflose Nacht hast, dann ist das auch okay. Das ist das Spannende und Schöne an der Situation.

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SPORT1: Hätten die Olympischen Spiele in diesem Jahr in Tokio stattgefunden, hätten Sie die Geburt oder die ersten Wochen im Leben Ihres Sohnes möglicherweise verpasst. War das vielleicht sogar eine glückliche Fügung für Sie?

Röhler: An der Stelle hat mir das Schicksal in die Karten gespielt. Das ist völlig richtig. Ich hatte Zeit für die Familie und konnte das alles genießen. Es gab die professionellen Pläne. Wir wussten, wie wir damit umgegangen wären. Aber so war es natürlich für mich persönlich und für die gesamte Familie viel schöner.

Röhler: "Extremer Talentepool, wenn wir in die Karibik schauen"

SPORT1: Wie ist gerade der Stand in der Olympia-Vorbereitung?

Röhler: Wir stecken mitten in der Vorbereitung. Wir haben ja das gesamte vergangene Jahr genutzt, um zu trainieren. In einem komplizierten Corona-Jahr war es das Trainieren, was immer richtig funktioniert hat. Das konnten wir machen. Das hat mit kurzer Unterbrechung gut funktioniert am Standort, toi toi toi. Das heißt, da gab es auch nie eine große Pause. Wo sollte man im Urlaub überhaupt hinfahren? Das meiste ist wirklich hier am Zentrum in Jena passiert. Da stecken wir gerade mitten in den Vorbereitungen. Es sieht so aus wie für jedes normale Jahr. Das heißt, wir planen eine normale Saison, die grob im Mai beginnen soll. Da stecken wir gerade drin. Ein sehr intensives Training, Cross-Fit-Einheiten, die ersten Würfe mit Bällen kommen aktuell dazu. Das ist so der Status Quo.

SPORT1: Werden die Karten im nächsten Jahr komplett neu gemischt?

Röhler: Komplett würde ich nicht sagen. Die Speerwurfwelt ist begrenzt. Aber es gibt definitiv ein paar Gegner und Länder, bei denen man sich nie sicher sein kann. Da ist ein extremer Talentepool, wenn wir in die Karibik schauen, wenn wir nach Indien schauen. All die Player, die so langsam kamen, haben wir jetzt ein Jahr lang gar nicht gesehen. Die konnten auch keine Wettkämpfe machen, aber ich bin mir sicher, dass die auch trainiert haben. Das heißt, wir werden dann auch neue Player sehen. Andererseits haben die Altbekannten auch alle trainiert und wissen, was sie tun.

SPORT1: Haben Sie die Befürchtung, dass der eine oder andere die fehlenden Dopingkontrollen ausgenutzt haben könnte?

Röhler: Wir haben das Thema in der IHF-Athletenkommission viel besprochen und haben da auch wirklich ernsthafte Gespräche geführt. Ich muss sagen, die konnten mich überzeugen, dass das Anti-Doping-Thema sogar ziemlich solide gelaufen ist. Im Rahmen dessen, was möglich und erlaubt war in den einzelnen Ländern. Wir müssen jetzt keine Diskussion anfangen. Schlupflöcher wird es immer geben und der, der betrügen möchte, wird das auch tun. Egal, ob Corona oder nicht. Ich appelliere da einfach an den sauberen Sport und ich hoffe und bin guter Dinge, dass sich da jetzt keiner neu motiviert gefühlt hat, weil er dachte, er sei unbeobachtet aufgrund der Pandemie. Das wäre schon höchstkriminell an der Stelle.

"Olympia-Gold ist das Größte, was du erreichen kannst"

SPORT1: Sie gehen wahrscheinlich mit dem Ziel in die Saison, ein zweites Mal Olympiasieger zu werden, oder?

Röhler: Ja, definitiv. Olympisches Gold ist das Größte, was du erreichen kannst. Ich habe das einmal geschafft, gehe aber trotzdem ohne Druck in die Saison. Ich sehe mich in einer guten Ausgangsposition. Ich bin gesund, habe gut trainiert. Ich weiß aber auch, dass da weltweit sehr viele sind, die Olympiasieger werden möchten. Mir hat es bisher immer gut getan, die Ziele hochzustecken und genauso gehe ich auch ins nächste Jahr.

SPORT1: Ist Johannes Vetter ihr größter Konkurrent, gerade nach der vergangenen Saison?

Röhler: Rein nach Zahlen und, wenn man die Corona-Saison 2020 anschaut, ist er DER Werfer gewesen. Fakt ist aber auch, dass wir sehr viele der altbekannten Konkurrenten überhaupt nicht gesehen haben. Dementsprechend möchte ich gar nicht sagen, gegen wen ich am meisten werfen werde. Weil häufig kommen gerade bei großen Meisterschaften die Überraschungen ins Spiel. Wer hätte denn 2019 gedacht, dass jemand aus Grenada Weltmeister wird?

SPORT1: Sind Sie denn guter Dinge, dass die Olympischen Spiele überhaupt stattfinden werden?

Röhler: Ich bin schon ziemlich sicher, dass die Spiele stattfinden. Was für mich noch sehr offen ist, ist in welche Form und wie das Ganze aussehen wird.

"Komplett fair läuft es definitiv nicht" 

SPORT1: Die aktuelle Corona-Situation schränkt den Sportbetrieb wieder massiv ein. Sind Sie einverstanden mit den aktuellen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie?

Röhler: Das ist sehr, sehr schwierig. Das ist eine Frage, die ich als einzelner Sportler eigentlich überhaupt nicht beurteilen kann. Dass an der Stelle viel abgewogen wird, viel politisch entschieden wird, das ist jedem klar. Ob fair, ob unfair, das verwischt aktuell ein Stück weit. Ich beobachte das. Komplett fair und komplett gleich läuft es definitiv nicht an vielen Stellen, und ich weiß auch, dass viele meiner Kollegen aus anderen Sportarten aktuell sehr sauer sind. Wir Leichtathleten sind da in einer Komfortlage. Ich muss aber auch betonen: Nicht alle. Zum Glück wurden wir überhaupt als Leistungssportler und Profis deklariert. Das stand auch lange zur Debatte. Viele unserer Nachwuchssportler dürfen noch immer nicht trainieren. Der ganze Breitensport steht still.

SPORT1: Was raten Sie den Menschen, und vor allem den Sportlern, in der aktuellen Situation?

Röhler: Ich kann nur die Aussage treffen: Wir müssen alles tun, um die Pandemie aufzuhalten, sodass wir schnellstmöglich wieder in einen geregelten Ablauf kommen. In der vergangenen Woche gab es durch den Impfstoff viel Hoffnungsmacherei. Fakt ist: Wir als Sportfamilie müssen einfach zusammenstehen und da gemeinsam durch. Ich glaube, da sollte sich keiner rausnehmen zu sagen, ich bin der, der darf und ich bin der, der nicht darf. Ich glaube, da kommen wir nur mit viel Konsens weiter.

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