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Toto Wolff, Jean Todt und Sebastian Vettel (von links) sind Hauptdarsteller im Kampf um die Zukunft der Formel 1
Toto Wolff, Sebastian Vettel, Jean Todt (v.l.) sind Hauptdarsteller im Kampf um die Zukunft der Formel 1 © SPORT1-Montage/Getty Images/Imago
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München - Die Formel 1 ist nach Meinung vieler zu einseitig geworden. Um dem entgegenzuwirken, wird aktuell über eine neues Reglement ab dem Jahr 2021 diskutiert.

Mercedes rast über die Ziellinie, gefolgt von Ferrari und Red Bull. Die Reihenfolge kann beliebig getauscht werden - am Ende läuft es immer auf das eine hinaus: Auf die grenzenlose Dominanz der drei Teams in der Formel 1.

Dass kein Fahrer dieser drei Rennställe ganz oben auf dem Podium stand, gab es zuletzt am 17. März 2013. An jenem fernen, kaum vorstellbaren Tag siegte Kimi Räikkönen im Lotus-Renault vor Fernando Alonso im Ferrari und Sebastian Vettel im Red Bull.

Dass Fans und Zuschauer sich daher ein wenig mehr Spannung erhoffen, ist schon lange kein Geheimnis mehr, sondern ein Fakt. Die Sache ist derart deutlich, dass auch die Macher, Architekten und Verantwortlichen der Formel 1 nicht mehr länger die Augen verschließen können - und bereit sind, Veränderung herbeizuführen.

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Brawn sieht Formel 1 auf "keinem guten Weg"

"Die Formel 1 ist auf keinem guten Weg, dafür gibt es viele Gründe." Es gebe kein "weiter so" sagte Ross Brawn, Sportdirektor der Motorsport-Königsklasse. 

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Und dafür wurden bereits Maßnahmen ergriffen. Ab 2021 gibt es ein neues Reglement, offen ist nur, wann dieses offiziell verabschiedet wird. Zunächst war Juni geplant, dieser Termin konnte jedoch nicht eingehalten werden, weshalb man sich auf Oktober einigte.

Doch was steckt genau hinter den anvisierten Regeländerungen? SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen.

Welche Regeln oder Grundsätze sollen geändert werden?

- Aerodynamik

Die Formel 1 ist daran interessiert, den Kampf an der Spitze wieder aufregender zu machen. Um das zu ermöglichen, soll wieder mehr Racing stattfinden, das sich jenseits der Technik bewegt.

Ein wichtiger Punkt ist dabei die Aerodynamik, also die bestmögliche Nutzung des Luftstroms während der Fahrt. Aktuell sind die Autos so entwickelt, dass sie auf freier Strecke die höchstmögliche Geschwindigkeit erreichen. Da das Überholen so aber immer schwieriger geworden ist, will die FIA die Aerodynamik an den Fahrzeugen einschränken.

Nicholas Tombazis, Technischer Direktor bei der FIA, hat deutlich angesprochen, dass dies geändert werden müsse.

- Reifen

Ein weiterer Punkt sind die Reifen. Hersteller Pirelli soll künftig Reifen entwickeln, die länger halten. Auf diese Weise soll vermieden werden, dass Teams ihre Reifen zu lange schonen. Die Macher erhoffen sich dadurch, dass die Fahrer wieder richtig aufs Gas drücken und für heißes Racing und Überholmanöver sorgen.

- Präzises technisches Reglement

Der wohl wichtigste Punkt dreht sich darum, das Feld wieder enger zusammenrücken zu lassen. Der Letzte darf nicht mehr derart große Abstände zum Ersten haben. Dafür will man ein sehr präzises Reglement verfassen, das verhindert, dass die großen Teams zu viele Schlupflöcher finden.

Die Ideen der Rennställe sollen in technische Vorgaben umgekehrt werden. Damit dreht sich der Spieß. Zuvor wurden die technischen Vorgaben in Ideen umgewandelt. Ideen, die zwar Freiheit bedeuten, aber jenen Teams mit mehr Budget größere Möglichkeiten lassen.

Diskutiert wird aktuell zudem noch intensiv über das mögliche Nachtanken sowie über das Gewicht der Boliden.

- Budget

Wie beinahe überall gilt auch in der Formel 1: Wer das größte Budget vorweisen kann, hat den größten Vorteil. Daher möchten die Beteiligten auch hier Änderungen vornehmen - und zwar mit einer finanziellen Obergrenze. So könnten mächtige Rennställe wie Mercedes oder Ferrari nicht mehr endlos Geld in Fahrer und Boliden stecken.

Zudem will man einheitliche Bauteile für die Autos einführen und damit einen Wettbewerbsvorsprung vereiteln. Die Änderung soll auch die Mitarbeiter betreffen, die innerhalb eines Teams arbeiten. Statt wie bisher so viele wie möglich zuzulassen, soll hier eine Grenze eingeführt werden.

Wer bestimmt über die Änderungen?

Alle, die an der Formel 1 partizipieren, sind in den Prozess der Regeländerungen involviert. Dies sind der Weltverband um Brawn selbst, Liberty Media als Hauptgesellschafter der Formel 1, der Weltverband FIA, die Teams und ihre Bosse sowie sämtliche Fahrer.

Wann soll das neue Reglement verabschiedet werden?

Die Verabschiedung des Reglements war ursprünglich bereits für Juni 2019 vorgesehen. Nachdem viele der Beteiligten jedoch ihre Bedenken geäußert hatten, dass dies zu früh komme, wurde der Termin auf Oktober vertagt.

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Ab wann wird das neue Formel-1-Reglement greifen?

Der Grundlagenvertrag der gegenwärtigen Regeln läuft 2020 aus, also zum Ende der nächsten Saison. Das neue Reglement soll dann ab 2021 gelten.

Wie sehen die Teams die Neuerungen?

"Es ist wichtig, dass wir die kommenden drei Monate nutzen, um sicherzugehen, dass sich die Regeln in die richtige Richtung entwickeln", sagte Horner. "Es wird bis dahin viele Treffen geben, wo die Ziele besprochen werden. Außerdem muss geschaut werden, ob die Änderungen das Erreichen der Ziele auch sicherstellen."

In die gleiche Richtung wie Horner schlug auch Mattia Binotto, Teamchef von Ferrari, ein. "Die Liste der offenen Themen ist noch lang und es ist nicht mehr viel Zeit bis Oktober. Wichtig ist aber, dass die Diskussion fortgesetzt wird. Es wäre viel schlimmer, wenn nicht mehr miteinander gesprochen werden würde und einer für alle die Entscheidung trifft."

Der 49-Jährige beharrt darauf, dass man nicht zu viel verändern müsse: "Brauchen wir überhaupt eine bessere Show? Wenn ich mir die letzten Rennen anschaue, haben wir eine gute Show geliefert. Wir haben von Anfang an immer gesagt, dass wir gegen Standardisierung sind. Und ich habe den Eindruck, dass wir zu sehr in diese Richtung gehen."

McLaren will schnelle Verabschiedung

Andere Teams wie McLaren, die mit den aktuellen Verhältnissen zu kämpfen haben, setzen sich indes für eine schnelle Verabschiedung des neuen Reglements ein. 

"Wir müssen endlich aufhören, zu diskutieren", sagte Teamchef Andreas Seidl. "Wir haben alle unseren Input geliefert. Wir machen das seit zwei Jahren, alle Teams. Die FIA und die Formel 1 haben eine klare Idee, was sie machen wollen, und das haben sie uns vor zwei Wochen präsentiert. Jetzt wollen wir endlich Taten sehen, damit wir weitermachen können."

Dem hält Binotto entgegen: "Wir glauben, dass es viele unbeabsichtigte Konsequenzen geben könnte, wenn man bei den Regeln komplett von vorne anfängt. Das Risiko ist sehr groß."

F1-Fahrer wollen weniger Technik

Auch die Fahrer melden sich immer häufiger kritisch zu Wort. So forderte Lewis Hamilton unlängst eine Rückkehr zu normal angetriebenen Motoren und manuellen Getrieben: "Es sollte körperlicher sein, nicht mehr so viel Servolenkung zum Beispiel. Tennisspieler sind am Ende des Spiels auch fertig, Radfahrer müssen nach der Tour de France tot sein. So sollte das sein."

Auch andere Fahrer kritisieren zu viel Technik und weniger Einfluss des Piloten. Die Formel 1 steht auch im Hinblick auf den Klimawandel vor einer existenziellen Entscheidung.

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