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München - Sebastian Vettel steht am Scheideweg. Sein Vertrag läuft aus, sein Status bei Ferrari als Nummer eins ist weg. Welche Optionen hat der viermalige Weltmeister?

Zeit zum Nachdenken hat Sebastian Vettel derzeit reichlich.

Die Coronakrise macht auch dem Formel-1-Zirkus einen gewaltigen Strich durch die Rechnung. Am vergangenen Wochenende sollte mit dem Großen Preis von Bahrain ursprünglich der zweite Grand Prix des Jahres stattfinden, doch die Pandemie macht die Ausübung vieler Sportarten derzeit unmöglich. Mit dem Großen Preis von Aserbaidschan, eigentlich für den 7. Juni geplant, wurde bereits das achte Rennen entweder verschoben oder abgesagt.

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Vettels Vertrag läuft Ende 2020 aus

Doch bis wieder gefahren werden darf, bleibt den Fahrern und Teams derzeit nur das Warten. Für Vettel kommt die Zwangspause womöglich genau richtig, sich in Ruhe mit seiner Zukunft auseinanderzusetzen. Denn der Vertrag des 32 Jahre alten Heppenheimers bei der Scuderia Ferrari läuft Ende 2020 aus, eine Verlängerung ist ungewiss.

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Vettel hat in der vergangenen Saison den Status der klaren Nummer eins eingebüßt, musste dem jungen Charles Leclerc in vielen Rennen und in der Fahrerwertung den Vortritt lassen. Vom Ziel des ersten WM-Titels mit Ferrari ist Vettel nach dem fünften Jahr bei den Roten weiter denn je entfernt.

Auch in 2020 scheint der Ferrari, so zumindest die Eindrücke der Testfahrten zu Beginn des Jahres, kein ernsthafter Anwärter zu sein, die Phalanx von Mercedes zu durchbrechen. Hinzu kommt: Aufgrund der Coronakrise einigten sich die Teams, die eigentlich für 2021 angedachte große Regelreform um ein Jahr zu verschieben.

In der kommenden Saison soll dann, um Geld zu sparen, mit den größtenteils gleichen Autos wie in diesem Jahr gefahren werden. Somit wäre auch 2021 ein Ferrari-Titel, sofern Vettel ein Roter bliebe, eher unwahrscheinlich.

Oder beendet Vettel bereits nach diesem Jahr seine Karriere? Vor einigen Tagen sprach der viermalige Weltmeister offen über ein mögliches Karriereende. "Natürlich denke ich darüber nach. Realistisch betrachtet werde ich in zehn Jahren nicht mehr hier sein", sagte Vettel im Interview mit motorsport-total.com.

Vettel beklagt "verwöhnten Zirkus"

Auch die Coronakrise scheint Vettel zum Nachdenken angeregt zu haben. "Zu denken, dass die Formel 1 das Zentrum des Universums ist, wäre ignorant. Es dreht sich nicht alles um die Formel 1", erklärte er. In die gleiche Kerbe schlug auch folgende Aussage. "Die Formel 1 ist ein Zirkus, manchmal ein verwöhnter Zirkus. Hier geht's um so viel Geld, und Geld verdirbt bei einigen den Charakter. Im Großen und Ganzen kann man das schon so sagen."

Des Geldes wegen sitzt Vettel nicht am Steuer, zumindest nicht nur. Im Laufe seiner Karriere dürfte er bereits mehr als 200 Millionen Euro verdient haben.

Pedro de la Rosa könnte sich ein Karriereende Vettels Ende 2020 vorstellen. "Er hat einen super Fahrer neben sich, damit muss er fertig werden", erklärte der ehemalige F1-Pilot im Podcast Beyond the Grid: "Wenn er geschlagen wird, dann wird er wohl nicht weitermachen wollen."

De la Rosa kennt das Gefühl, vom eigenen Teamkollegen geschlagen zu werden. "Da fühlt man sich sehr klein. Es macht auch keinen Unterschied, ob man vierfacher Weltmeister ist oder nicht". Ein Karriereende sei laut dem ehemaligen Ferrari-Testfahrer allerdings nicht die einzige Option. "Vielleicht geht er dann auch zu einem anderen Team", mutmaßte de la Rosa.

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Auch Timo Glock kann sich einen Abschied Vettels bei Ferrari vorstellen. Allerdings aus einem anderen Grund. Die Schummelvorwürfe aus der vergangenen Saison und der umstrittenene Deal mit der FIA lassen Ferrari in keinem guten Licht dastehen. "Ich könnte mir vorstellen, dass das für ihn ein Grund sein könnte zu sagen: 'Das war es jetzt hier'", spekulierte Glock bei ran.

Doch tut sich Vettel auf seine alten Tage wirklich noch ein kleineres Team an? Renault und McLaren wird Interesse nachgesagt. "Ich weiß es nicht. Ehrliche Antwort. Ich weiß es wirklich nicht", entgegnete Vettel bei motorsport-total.com auf die Frage, ob ein Wechsel zu einem Mittelfeld-Team in Frage käme.

McLaren-Wechsel als Überraschungscoup?

Zumal nicht jeder für den Schritt zurück gemacht sei. "Wenn du anfängst, sind Top-10-Plätze super, Top-5-Plätze unglaublich. Wenn du zehn Jahre in den Top 5 warst, dann fühlt sich ein 15. Platz aber plötzlich ganz anders an", gibt Vettel zu.

Ein Schritt zurück wäre ein Wechsel zu McLaren auf den ersten Blick sicherlich. Allerdings befanden sich die Briten zuletzt wieder im Aufschwung, etablierten sich unter dem Deutschen Teamchef Andreas Seidl in der vergangenen Saison auf Platz vier in der Konstrukteurs-WM.

Ab der Saison 2021 wird McLaren wieder mit Mercedes-Motoren an den Start gehen. Eine Rückkehr zu den glorreichen Zeiten des Traditionsrennstall scheint nicht unmöglich, zumal die Karten ab 2022 neu gemischt werden. Womöglich mit Vettel?

Natürlich ist auch ein Verbleib bei der Scuderia nicht völlig ausgeschlossen. Doch den Status der Nummer eins bei den Roten aus Maranello ist der Deutsche los. Ob er sich die Konkurrenz aus dem eigenen Stall mittelfristig antun will, darüber sollte er in Ruhe nachdenken.

Zeit dazu hat er aktuell jedenfalls.

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