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Sebastian Vettel und Ferrari gehen nach der Saison 2020 getrennte Wege
Sebastian Vettel sieht in der Coronakrise auch das Gute © Getty Images
Lesedauer: 8 Minuten
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München - Sebastian Vettel kann sein Training auch zu Hause absolvieren, doch die Formel 1 fehlt ihm. Der Deutsche sieht aber auch eine Chance in der Coronakrise.

Private Einblicke gewährt Sebastian Vettel selten. Doch derzeit kommt auch der Ferrari-Star nicht umhin.

Es herrscht Stillstand in der Königsklasse – und Pressegespräche finden mittlerweile virtuell statt. Vettel meldete sich gestern also via Ferrari-Videokonferenz aus seinem Haus in Ellighausen.

Man sah dicke Balken der ehemaligen Mühle, in der er wohnt, Bilder eines unbekannten Künstlers an der Wand – und einen Rennfahrer, der in seinem Ferrari-Shirt gute Laune hatte. Die meisten Journalisten hatten beim Start der Presserunde um 8.25 Uhr noch müde Augen. Vettel nicht. Er war schon zwei Stunden wach. Aus einfachem Grund: "Ich starte meine Tage früh, damit ich viel Zeit zum Trainieren habe."

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Vettel über das Leben während Corona

"Lange im Bett liegen? Das gibt's nicht mit den drei Kids. Es ist den ganzen Tag Programm. Wir hatten bisher viel Glück, dass das Wetter mitspielt, was mir die Gelegenheit gegeben hat, aufs Haus zu schauen und Dinge im Garten zu erledigen, die vorher liegengeblieben waren. Wir gehen zum Einkaufen, ansonsten bleiben wir zu Hause. Und haben Zeit, auch mal andere Dinge zu machen."

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Und weiter: "Zum Glück bin ich nicht abhängig von einem Fitnessstudio, sondern habe alle Geräte zu Hause, sodass ich problemlos weiter trainieren kann. Aber, ja, es fängt schon an zu kribbeln, das Fahren fehlt mir."

Welche Gedanken sich Vettel im Moment macht

"Die Situation ist ernst. Es ist schwierig, geduldig zu bleiben. Wir haben ja gesehen, dass die Kanzlerin, die Regierung und die Länder die Zügel etwas gelockert haben, aber wir müssen uns weiter verantwortungsvoll benehmen. Es ist aber auch eine große Möglichkeit, viele Dinge auf Neustart zu setzen."

Es ist eine besinnliche Zeit und ich hoffe, dass man die Wertschätzung für die scheinbar unwichtigen Dinge beibehält, auch wenn wir alle schnellstmöglich zurück wollen ins normale Leben. Das ist eine Chance für uns alle, den Reset-Knopf zu drücken und herauszufinden, was wichtig ist in unserem Leben. Und hoffentlich sind die Schlussfolgerungen, die jeder für sich zieht, auch entsprechend haltbar.

Gerade die Bilder aus Italien sind schrecklich und prägend. Manche Teammitglieder sind mehr betroffen, bei denen beispielsweise die Großeltern im Krankenhaus liegen. Im direkten Umfeld von mir gab es keine schlimmen Meldungen. Wichtig ist: Alle, denen es gut geht, sollten sich vor jetzt Augen führen, dass es Menschen gibt, denen es derzeit nicht gut geht. Deshalb sollten wir uns alle an die Einschränkungen halten."

Vettels wichtigste Aussagen im Überblick:

...über Gehaltsverzicht während Coronakrise:

"Das bespreche ich mit dem Team. Wir wissen ja noch gar nicht, wie die Saison aussehen wird. Solche Entscheidungen habe ich bislang immer privat gehalten und ich werde das Thema auch jetzt nicht nutzen, um mein Image aufzupolieren."

...über die Saison, von der noch keiner weiß, wie sie aussehen wird:

"Im Moment weiß noch keiner, was wir von diesem Jahr zu erwarten haben. Wir müssen geduldig bleiben. Zehn, 15 oder 25 Rennen – eine Saison ist eine Saison und du musst immer noch derjenige sein, der konstant die beste Leistung bringt, um Weltmeister zu werden."

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...über seinen momentanen Zustand und den seines Autos:

"Ich wäre bereit und bin körperlich jetzt noch besser vorbereitet als im März. Das Auto wird zwar nicht weiterentwickelt, aber natürlich steht der Kopf nicht still. Wenn es noch Geistesblitze von den Testfahrten gibt, leitet man die weiter oder ruft schnell an. Wenn die Fabrik wieder geöffnet wird, haben sich hoffentlich so viele gute Ideen gesammelt, dass wir unser Auto auch verbessern können. Gedanken sind ja erlaubt. Einerseits ist es natürlich ein Risiko, die anderen haben die Geistesblitze ja auch. Aber ich sehe die Pause für uns als Chance, denn beim Testen hatten wir ja noch ein wenig das Nachsehen. Wenn alles wieder aufgesperrt ist, heißt das allerdings nicht, dass neue Teile gleich aus dem 3D-Drucker flutschen. Das dauert dann schon noch."

...über die ausgefallenen Rennen:

"Am meisten fehlt mir Hockenheim, aber dieses Rennen war eh nicht im Kalender. Melbourne, Monaco, Montreal werden mir fehlen, ganz hart wird es, wenn auch noch Suzuka ausfallen würde."

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...über mögliche Geisterrennen:

"Niemand mag vor leeren Tribünen fahren. Das fühlt sich komisch an. In Österreich würde man aber sagen: fad. Andererseits könnte ein Geisterrennen natürlich früher ausgetragen werden als eines mit Zuschauern. Man muss abwägen zwischen dem wirtschaftlichen Aspekt der Formel 1, dass Teams und Serie überleben, und dem Bild des Sports. Deshalb sollte man keine Schnellschüsse machen, sondern lieber warten und keine Geisterrennen austragen. Ich glaube, es wäre auch am Fernsehen nicht das gleiche, wenn man vor leeren Rängen fährt."

...über e-Racing:

"Ich hatte bis vor kurzem gar keinen Simulator, hatte also keine Chance mitzumachen. Ich habe mir jetzt einen besorgt, muss ihn aber noch aufbauen. Ich bin ja irgendwie schon mit Videospielen aufgewachsen. Mehr und mehr Freunde haben jetzt Druck aufgebaut, dass ich mal mit ihnen fahren soll. Ich muss das Teil jetzt mal installieren. Blamieren will ich mich ja auch nicht. Ich strebe aber keine virtuelle Karriere an. Schön für Charles (Leclerc, Anm. d. Red.), dass er das virtuelle F1-Rennen gewonnen hat, aber für mich ist das eher eine Spaßveranstaltung. Mein Fokus liegt auf der Realität."

...über das umstrittene aber 2020 noch legale DAS-Dystem von Mercedes:

"Ich denke nicht, dass DAS darüber entscheidet, ob Mercedes Rennen gewinnt oder nicht. Wie viel es bringt, weiß Mercedes am besten. Man muss fair zugeben: In der Formel 1 geht es um Details und das ist ein solches Detail. Aber wir haben auch einiges an unserem Auto, was den Unterschied machen könnte."

...über das Skandal-Abkommen zwischen der FIA und Ferrari:

"Was ich weiß, ist klar: Die FIA und Ferrari haben eine Übereinkunft über das Thema gefunden und wie ich schon in Australien gesagt habe: Wir vertrauen alle der FIA, welche die Teams beäugt, damit diese nichts Illegales machen. Wäre das der Fall gewesen, wären wir disqualifiziert worden."

...über seinen Ferrari-Vertrag, der dieses Jahr ausläuft:

"Erstmal waren die Vertragsverhandlungen natürlich wie alles andere auf Stopp. Priorität hat derzeit die Gesundheit und der Kampf gegen das Virus. Wir haben also jetzt noch etwas mehr Zeit bei diesem Thema. Es gibt derzeit auch keinen Zeitplan dafür. Die Verträge, die ich in der Vergangenheit hatte, waren alle Dreijahres-Deals. Ich bin einer der erfahrensten Fahrer in der Formel 1, aber nicht der älteste. Es gibt in dieser Hinsicht keine Altersgrenze." 

...über die neuen Regeln, die jetzt erst 2022 in Kraft treten:

"Da bin ich gespalten. Ich habe mich einerseits auf die neuen Autos gefreut, andererseits sind die aktuellen Autos schneller und das wird nun auch nächstes Jahr so bleiben. Schneller heißt auch aufregender, andererseits sollen die Rennen an sich durch die neuen Regeln ja spannender werden. Beides hat also Vor- und Nachteile."

...über weitere Budgetbeschränkungen für die Teams ab 2021:

"Wenn diese spezielle Situation dem Sport hilft, dass die Schere zwischen großen und kleinen Teams kleiner wird und wir besseres Racing bekommen, wäre das ein schöner Nebeneffekt. Als Formel-1-Familie sollten wir definitiv auch auf die kleinen Teams schauen, deren Existenz jetzt bedroht ist."

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