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Eine ungewöhnliche Trennung

Eine ungewöhnliche Trennung

Tomas Oral und Michael Henke verließen den FC Ingolstadt im Sommer. Bei SPORT1 erklären sie, was dahintersteckt.
Nach dem Aufstieg in die 2. Bundesliga ist nicht nur Trainer Tomas Oral weg, auch Michael Henke verlässt die Schanzer.
Reinhard Franke
von Reinhard Franke
am 24. Aug

Da steigt der FC Ingolstadt nach erfolgreicher Relegation gegen den VfL Osnabrück in die 2. Liga auf, und nur wenige Tage später ist die sportliche Leitung weg.

Trainer Tomas Oral war 14 Monate Trainer der Schanzer und der sportliche Geschäftsführer Michael Henke rund zwei Jahre im Amt - beide waren überaus erfolgreich und doch kam es nach dem Aufstieg zur überraschenden Trennung. Lange haben beide geschwiegen, jetzt aber sprechen sie erstmals ausführlich über das Aus (NEWS: Alle aktuellen Infos zur 2. Bundesliga).

“Zusammen mit Thomas Linke (ehemaliger Sportdirektor beim FCI, d. Red.) ist es mir damals gelungen, Michael Henke an meiner Seite für den FCI zu begeistern. Er hat dann aus meiner Sicht dem Verein auf unterschiedlichen Positionen - zuletzt als Sportmanager - ein professionelles Gesicht gegeben mit einer in dieser Branche nicht alltäglichen Loyalität zum Klub”, sagte Oral zu SPORT1.

“Nach meinem Wissensstand hätte die geplante sportliche Ausrichtung viele Kompromisse von ihm verlangt, die einzugehen war er nicht bereit. So bedauerlich dies für den FCI ist, so verständlich ist es aus seiner gemachten Erfahrung: Fußball und Kompromisse sind kein homogenes Paar.”

Unterschiedliche Denkweise

“Da müssen unglaubliche Dinge im Verein vorgefallen sein. So etwas hat es im deutschen Fußball noch nie gegeben”, sagte SPORT1-Experte Peter Neururer. “Das kann nur gut gehen, wenn man erfolgreich ist, also zumindest die Klasse hält.”

Gravierendes sei nichts vorgefallen, erklärte Oral, “aber im Fußball ist es ja bekannt, dass es öfters vorkommt, dass zwei Parteien unterschiedlich denken und es sich nicht mehr deckt”, findet Oral. Dann sei es “besser, getrennte Wege zu gehen”. Doch nachvollziehen konnte der Fußballlehrer dies nicht.

“Wenn es stimmt, dass die Leistungsfähigkeit eines Trainers an dem Erfolg des Trainers, eigene Krisen zu bewältigen, gemessen wird und wir die Relegationen mal als eigene Krisen bezeichnen würden, dann kann man mit Fug und Recht behaupten: In Ingolstadt ist Leistung angeboten worden und die beeindruckend nachhaltig.”

Henke sprach am Montag im Doppelpass 2. Bundesliga bei SPORT1 über die Trennung. “Es war schon sehr ungewöhnlich, dass die komplette sportliche Führungscrew, die für den Aufstieg verantwortlich war, nicht mehr da ist. Das ist ziemlich einmalig und fällt nicht so auf, weil es in Ingolstadt passiert ist.”

Sportdirektor-Job neu

Der Job des Sportdirektors war in den zurückliegenden beiden Jahren “neu” für den 64-Jährigen. “Mit dem Aufstieg konnte man sehen, dass wir es nicht so schlecht gemacht haben. Das war von vornherein das Ziel. Doch einen Tag nach dem Aufstieg stellte ich dann plötzlich fest, dass sich im Klub etwas verändert hat und neue Ideen aufgetaucht sind.”

Henke habe vorher schon “die Struktur des Klubs kritisiert”, betonte er, “weil man auf einen Haupt-Geschäftsführer gesetzt hatte, der im Profifußball keinerlei Erfahrung hat. Das passiert sonst nirgendwo, da gibt es einen sportlichen Geschäftsführer auf gleicher Höhe mit dem Finanz-Geschäftsführer (Manuel Sternisa, d. Red.).”

Und er ergänzt mit deutlichen Worten: “Als dann auch noch die Trainerfrage ohne große Diskussionen im Raum stand, merkte ich, dass etwas auseinander läuft, weil es unterschiedliche Vorstellungen gibt. Also nicht mit mir, dachte ich, weil ich Erfolg haben will und ich bin mir ziemlich sicher, dass man so keinen Erfolg haben kann.” Er scheint recht zu behalten.

Nach vier Spielen stehen die Schanzer mit dem neuen Cheftrainer Roberto Pätzold nur einem Punkt auf dem vorletzten Platz (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der 2. Bundesliga).

Genugtuung für Oral?

Beim Blick auf die aktuelle Tabelle könnte Oral eigentlich Genugtuung verspüren, doch dem ist nicht so (DATEN: Die Tabelle der 2. Bundesliga).

“Dieser Charakterzug passt nicht zu mir, ist auch nicht vereinbar mit meiner Beziehung zum FCI. Ich wünsche mir lediglich die notwendige Ruhe im Klub und dass unser Weg nunmehr von anderen konsequent fortgeführt wird. Dann, so glaube ich, wäre der sich abzeichnende Erfolg die logische Konsequenz. Es ist doch einfach eine spannende Aufgabe, als Trainer etwas entwickeln zu können.”

Oral blickt noch mal zurück. “Wir hatten in der 3. Liga ein sportliches Konzept, das in Bezug auf die Mannschaftsstruktur für den eventuellen Aufstieg eine gesunde Basis dargestellt hat, die uns nachhaltigen Erfolg in der 2. Liga ermöglicht und im besten Fall eine hohe Identifikation mit dem Klub gewährleistet hätte”, erklärt der 48-Jährige, der mit dem FCI dreimal in Serie in der Relegation zwischen der 2. und 3. Liga stand, sein Konzept.

“Weg mit Risiken”

Der Verein verfüge über ein Nachwuchsleistungszentrum, welches die Möglichkeiten eröffnete, “diesen Anforderungen gerecht zu werden”. Oral weiß: “Obwohl dieser Weg mit Risiken behaftet ist, wie wir am sportlichen Verlauf der alten Saison gesehen haben, fühlten sich alle im Klub diesem Konzept verpflichtet. Dass dieses in der 2. Liga ohne Risiko verlaufen würde, kann man nicht erwarten.”

Und weiter: “Deshalb sollte man den Weg, den man eingeschlagen hat, auch konsequent gehen und an ihm festhalten und sich weniger mit dem aktuellen Punktestand befassen.”

Oral sieht es ganz pragmatisch. “Die Geschäftsführung beim FCI hatten ihre Vorstellungen, ich habe meine, und wer die außergewöhnliche Geschichte zwischen mir und dem FCI kennt, weiß ganz genau: Wir können uns ehrlich ins Gesicht schauen und uns frühzeitig sagen, dass sich das nicht deckt.”

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Henke ist enttäuscht

Henke ist keiner, der nachtritt, sagt aber ganz offen: “Ich bin enttäuscht, auch weil ich viel Herzblut für diesen tollen Verein entwickelt habe im Laufe der Jahre und wir sehr hart gearbeitet haben. Ich hätte grundsätzlich gerne weitergemacht. Ich hatte Ideen im Kopf, aber musste feststellen, dass nicht mehr alle an einem Strang ziehen.”

Wann sieht man ihn wieder? “Ich bin offen für alles, Hauptsache es hat mit Fußball zu tun”, meint Henke. “Egal, ob im In- oder Ausland.” Drei Amtszeiten hatte Oral als Trainer bei den Schanzern. Zu FCI-Boss Peter Jackwerth habe er nach wie vor ein “freundschaftliches Verhältnis”. Die Frage einer erneuten Rückkehr stellt sich Oral aber nicht.

“Die neuen sportlichen Verantwortlichen im Amt haben das Vertrauen der Geschäftsführung des FCI. Sie wollten dieses Risiko gehen, allen voran der neue Geschäftsführer Sternisa. An diesen Entscheidungen müssen Sie sich messen lassen.” Wie Henke ist auch Oral bereit für eine neue Aufgabe. “Bei einem Klub, dessen Ziele genauso ehrgeizig sind wie meine eigenen.”