Seine Vita liest sich beeindruckend: In mehr als 40 Jahren als Spieler und Trainer im Profifußball ist der VfL Bochum bereits der 22. Klub, für den Uwe Rösler tätig ist. Nach seinem Engagement bei Fortuna Düsseldorf wirkt es nun, als sei er endgültig dort angekommen, wo ihn lange kaum jemand auf dem Schirm hatte: im deutschen Profifußball.
"Ich werde oft nicht als deutscher Trainer wahrgenommen" | Uwe Rösler im Interview
„Ich wäre gern in Manchester geblieben“
Mit Rösler zeigt die Formkurve des Revierklubs steil nach oben. Seit Anfang Oktober steht der 57-Jährige an der Bochumer Seitenlinie. Er führte das Team von Rang 17 auf Platz acht. In der internen „Rösler-Tabelle“ rangiert der VfL sogar punktgleich mit dem SV Darmstadt 98 auf dem ersten Platz der 2. Bundesliga.
Von solchen Zwischenbilanzen hält Rösler allerdings wenig. Er gilt als akribischer Arbeiter, beinahe als Workaholic – eine Haltung, die ihm auch hilft, den Fokus zu bewahren und nicht zu häufig an seine schwere Erkrankung zurückzudenken.
Im exklusiven Interview mit SPORT1 verrät Rösler, warum er hierzulande so lange unter dem Radar lief und welcher Top-Klub sein Herz erobert hat. Außerdem spricht er über das emotionale Debüt seines Sohnes, der sich mit Norwegen noch Chancen auf die WM-Teilnahme ausrechnet. Seine Art der Kommunikation hat er sich von einer deutschen Trainerlegende abgeguckt.
Strafe? „Habe mich mit unserem Kassenwart geeinigt“
SPORT1: Herr Rösler, beim Remis gegen Münster haben Sie eine Gelbe Karte gesehen. Ihre lautstarken Worte galten allerdings nicht Schiedsrichter Patrick Alt, sondern Ihrem Spieler Cajetan Lenz. Anschließend sprachen Sie sogar von einem Skandal. Ist die Strafe am Ende deshalb milder ausgefallen?
Uwe Rösler: Ich habe mich mit unserem Kassenwart geeinigt. Ich werde mir etwas für die Mannschaft einfallen lassen.
SPORT1: Gab es im Nachgang noch einen Austausch mit dem DFB?
Rösler: Das wäre ja der nächste Skandal gewesen (lacht). Wenn schon die Mannschaft – die sonst sehr darauf bedacht ist, Strafen einzufordern – sagt, dass sie das nicht nachvollziehen kann, dann spricht das doch für sich.
SPORT1: Sie sind nun seit acht Ligaspielen ungeschlagen, allerdings waren darunter auch fünf Unentschieden. Dennoch fällt auf: Es ist extrem schwer, Sie zu schlagen. Woran liegt das?
Rösler: Ich fordere von meinen Jungs, jedes Spiel gewinnen zu wollen – egal gegen wen. Und wenn wir nicht gewinnen können, müssen wir zumindest sicherstellen, dass wir nicht verlieren. Dieses Mindset haben inzwischen alle verinnerlicht. Deshalb ist es schwer, gegen uns zu spielen.
SPORT1: In der sogenannten „Rösler-Tabelle“ liegen Sie punktgleich mit Darmstadt auf Platz eins. Trotzdem können Sie dieser Statistik wenig abgewinnen. Warum?
Rösler: Dafür bin ich zu lange im Fußball. Ich weiß, wie schnell es nach oben oder unten gehen kann. Mir geht es um Konstanz und Stabilität – und die haben wir entwickelt. Wenn wir so weitermachen, die Moral hochhalten und den Konkurrenzkampf annehmen, bin ich überzeugt, dass wir uns aus dem Abstiegskampf befreien können.
Uwe Rösler: „Mein Motto ist: hart, aber fair“
SPORT1: Ihr Team steht für intensiven, körperbetonten Fußball. Mit inzwischen 68 Gelben Karten haben Sie ligaweit die meisten gesammelt. Ist das bewusst Teil Ihres Spielstils?
Rösler: Es wurden ja schon vor meiner Zeit Gelbe Karten gesammelt. Wichtig ist mir: Wir sind eine faire Mannschaft. Aber eine gewisse Aggressivität gehört zu unserem Stil dazu. Mein Motto ist: hart, aber fair. Wir wollen physischen, intensiven Fußball spielen. Dazu gehören Zweikämpfe – und da gibt es auch mal eine Verwarnung. Und manchmal muss man eine Gelbe Karte auch in Kauf nehmen.
SPORT1: Als Sie Anfang Oktober übernommen haben, stand der Verein auf Rang 17. Trotzdem haben Sie in dieser schwierigen Situation auf viele junge Spieler gesetzt. Sind Sie damit bewusst ins Risiko gegangen?
Rösler: Ich habe eine klare Maxime: Wenn ein erfahrener und ein junger Spieler auf gleichem Niveau sind, bekommt der Jüngere die Chance. Ist der Erfahrene besser, spielt er. Bei mir zählt das Leistungsprinzip. Wir haben viele hungrige, talentierte junge Spieler. Nach dem Abstieg und dem schwierigen Start hatte ich das Gefühl, dass viele der erfahrenen Spieler zu viel nachdenken. Die Jungen sind unbeschwert aufgetreten und haben ihre Chance genutzt. Das hat viel Energie freigesetzt. Entscheidend ist jetzt, dass sie Konstanz entwickeln. Insgesamt haben wir aber einen sehr guten Mix aus Alt und Jung – und eine richtig gute Dynamik im Kader.
SPORT1: Wie bewerten Sie die Entwicklung von Kjell Wätjen? In den vergangenen Wochen hat er deutlich weniger Einsatzzeit erhalten als noch zu Beginn Ihrer Amtszeit.
Rösler: Zu Beginn hat er regelmäßig gespielt und das auch sehr gut gemacht. Seine Rolle hat sich verändert – zunächst als falsche Neun oder Zehner, später eher auf der Außenbahn. Das kann er, aber dort braucht er noch mehr Konstanz. Wir haben auf seinen Positionen viele Alternativen, und das Leistungsprinzip gilt für alle. Er hatte eine kleine Leistungsdelle, was bei jungen Spielern völlig normal ist. Im Training ist er aber sehr engagiert. Ich habe gerade erst lange mit ihm gesprochen – mental ist er in einer guten Verfassung. Ich habe ihm gesagt: Mach weiter so, deine Chance kommt. Für mich ist er ein wichtiger Spieler, mit dem ich gerne über die Saison hinaus arbeiten würde – wenn es möglich ist.
„Über die Jahre habe ich gelernt, mehr Papa als Trainer zu sein“
SPORT1: Ihr Sohn Colin Rösler ist ebenfalls Profi und spielt als Innenverteidiger bei Malmö FF. Wie oft fragt er Sie nach Tipps?
Rösler: Wir sprechen täglich. Über die Jahre habe ich gelernt, mehr Papa als Trainer zu sein. Das war früher nicht immer einfach. Wenn er mich um Rat fragt, bekommt er meine ehrliche Meinung. Aber ich mische mich nicht ein – er hat seinen Trainer in Malmö. Ich bin aber immer für ihn da, wenn er mich braucht.
SPORT1: Im November hat er sein Debüt für die norwegische Nationalmannschaft gefeiert. Wie stolz waren Sie in diesem Moment als Vater?
Rösler: Er wurde für Haaland eingewechselt – das war natürlich besonders. Die beiden kennen sich aus gemeinsamen Nachwuchszeiten. Das war ein spezieller Moment. Für seinen Verein lief es in dieser Saison nicht ganz rund, was seine WM-Chancen vielleicht schmälert. Aber Außenseiterchancen hat er im Hinblick auf das Turnier auf jeden Fall.
SPORT1: Würden Sie Ihren Sohn gerne einmal trainieren?
Rösler: Das wäre wohl nicht ganz einfach, aber: Man sollte niemals nie sagen. (lacht)
SPORT1: Ihr ehemaliger Spieler Kenan Karaman hat gesagt, Sie würden in Deutschland ein Stück weit unter dem Radar laufen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Rösler: Ich werde oft nicht als deutscher Trainer wahrgenommen. Meine Ausbildung habe ich in Deutschland und Norwegen gemacht. In Düsseldorf bekam ich die Chance, als wir Tabellenletzter waren – wir sind abgestiegen. Im zweiten Jahr war es mit Corona und 16 Abgängen extrem schwierig, trotzdem haben wir 57 Punkte geholt und fast die Relegation erreicht. Ich hätte mir eine Vertragsverlängerung gewünscht, aber die sportliche Führung hatte eine andere Meinung. Das respektiere ich. Danach bin ich wieder ins Ausland gegangen.
„Da war immer Rock’n’Roll“
SPORT1: In rund 40 Jahren im Profifußball waren Sie bei 22 Klubs tätig – als Spieler und Trainer. Überwiegt bei dieser Zahl der Stolz auf die Erfahrung oder auch der Wunsch nach mehr Beständigkeit?
Rösler: Die Zeiten waren immer intensiv. Ich war häufig bei Vereinen, bei denen viel los war, Malmö, Brentford oder Leeds zum Beispiel – da war immer Rock’n’Roll. Das waren Schwergewichte. Es gab allerdings einen Moment, in dem ich sehr gern länger geblieben wäre.
SPORT1: Manchester City?
Rösler: Genau. Ich habe dort viereinhalb Jahre gespielt, wir hatten uns auf einen neuen Dreijahresvertrag geeinigt. Dann gab es einen Trainer- und Präsidentenwechsel – und alles war hinfällig. Das hat mich getroffen. Andererseits durfte ich anschließend unter Otto Rehhagel spielen, was ebenfalls prägend war. Trotzdem wäre ich gern in Manchester geblieben. Das fühlte sich wie Heimat an.
SPORT1: In Manchester gelten Sie als Legende und sind in der Hall of Fame verewigt. Der Klub hat sich wirtschaftlich und sportlich stark verändert. Bleibt es dennoch eine Herzensangelegenheit?
Rösler: Haben Sie die letzten Spiele gesehen?
SPORT1: Sie meinen die Siege gegen Liverpool und Fulham?
Rösler: Ich sage nur: The blue moon is rising again. Wenn sie zweimal im Jahr Liverpool schlagen, nur noch vier Punkte Rückstand haben und ein Heimspiel gegen Arsenal vor der Brust steht, ist noch alles möglich.
SPORT1: Also ist Manchester City weiterhin Ihr Herzensverein?
Rösler: Bei meiner Vorgeschichte, die Sie ja auch erwähnt haben? Da bin ich ein „Blauer“, ganz klar.
Otto Rehhagel? „Er ist ein Phänomen“
SPORT1: Sie haben von Otto Rehhagel gesprochen. Wie wichtig war er für Ihre Entwicklung als Trainer und Mensch?
Rösler: Er ist ein Phänomen. Von ihm habe ich gelernt, in Bildern zu sprechen. Er hat mit einer besonderen Lyrik über scheinbar andere Dinge gesprochen – und wir wussten genau, worum es geht. Das war einzigartig. Außerdem hat er nicht nur die Startelf gemanagt, sondern die gesamte Mannschaft – immer menschlich, mit großem Feingefühl. In Sachen Menschenführung habe ich enorm viel von ihm gelernt.
SPORT1: Denken Sie in bestimmten Situationen bewusst daran, wie er gehandelt hätte?
Rösler: Nicht täglich. Aber wenn ich selbst versuche, in Bildern zu sprechen, muss ich manchmal schmunzeln. Das habe ich definitiv von ihm gelernt.
SPORT1: Im Jahr 2003 erhielten Sie eine Krebsdiagnose, Ihre Überlebenschance lag damals bei nur etwa fünf Prozent. Wie oft denken Sie daran zurück?
Rösler: Deshalb arbeite ich so viel – damit ich nicht ständig daran denken muss.
SPORT1: Ist die Arbeit für Sie also auch eine Form der Ablenkung?
Rösler: Absolut. Und das ist gut so. Meine Frau ist aber auch happy, dass ich so viel arbeite. Und ich bin happy, dass sie das alles so mitmacht und mich überall unterstützt. Das ist im Fußballgeschäft nicht selbstverständlich. Dafür bin ich ihr sehr dankbar. Sie weiß genau, wie viel mir die Arbeit bedeutet.
SPORT1: Hat Ihre Frau sich nie gewünscht, dass Sie einmal länger bei einem Verein bleiben?
Rösler: Das liegt nicht immer nur an mir, sondern auch an den Vereinen. Zwei oder drei Jahre sind im heutigen Trainergeschäft schon eine beachtliche Zeit.
„Ich bin und bleibe ein riesiger Olympia-Fan“
SPORT1: Am Sonntag treffen Sie auf den Tabellendritten Paderborn. Was macht diesen Gegner besonders gefährlich?
Rösler: Das wird ein richtiges Brett. Sie stehen absolut verdient dort oben. Sie verfolgen einen ganz anderen Ansatz als Münster oder Schalke – und genau das macht diese Liga so spannend. Man muss sich jede Woche neu einstellen, ohne die eigenen Prinzipien zu verlieren. Wenn wir so mutig auftreten wie zuletzt gegen Münster, können wir jedem Gegner Probleme bereiten.
SPORT1: Welche mittel- und langfristigen Ziele verfolgen Sie mit dem Verein?
Rösler: Wir müssen erst den ersten Schritt vor dem zweiten machen. Wichtig ist, so schnell wie möglich die 40-Punkte-Marke zu erreichen. Je früher wir das schaffen, desto früher können wir die nächste Saison planen. Klar ist auch: Wegen vieler Leihspieler wird es im Sommer einen größeren Umbruch geben. Aber unser voller Fokus liegt auf diesen 40 Punkten.
SPORT1: Sie sind ein großer Wintersport-Fan. Wie viel Zeit bleibt Ihnen aktuell, um Olympia zu verfolgen?
Rösler: Das stimmt. Eishockey und Biathlon verfolge ich besonders gern. Viel Zeit bleibt allerdings gerade nicht. Wenn ich nach Hause komme, bin ich oft so erschöpft, dass es nur für Zusammenfassungen reicht. Früher habe ich deutlich mehr geschaut. Aber ich kann mir ja auch nicht jeden Tag freinehmen (lacht). Trotzdem: Ich bin und bleibe ein riesiger Olympia-Fan.