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Torwart-Experte: „Wird heftig für ter Stegen“

Torwart-Experte: „Wird heftig für ter Stegen“

Noch ist Manuel Neuer vom FC Bayern unantastbar im deutschen Tor. Doch was passiert in der Zukunft? Bei SPORT1 macht sich ein Torwart-Experte seine Gedanken.
Seit 2014 spielt Marc-André ter Stegen für Barca und er hat seinen Vertrag um weitere vier Jahre verlängert. Im SPORT1-Interview erklärt der Keeper, weshalb er trotz Krise bleibt.
Reinhard Franke
von Reinhard Franke
vor 4 Tagen

Im deutschen Fußball gab es in der Vergangenheit vor allem eine Konstante: die Torhüter. Auf dieser Position bestand so gut wie nie ein Grund zur Sorge. Doch bleibt das auch so?

SPORT1 berichtete kürzlich von einer Untersuchung der DFB-Akademie, wonach Deutschland 2028 keinen Weltklasse-Torwart mehr hat.

Aktuell gibt es nur einen deutschen Bundesliga-Stammtorwart, der jünger als 25 Jahre ist: Florian Müller (23) vom VfB Stuttgart.

Die Frage, die sich aufdrängt: Bekommt Deutschland also ein Torwart-Problem?

Einer, der es wissen muss, ist der frühere Bundesliga-Torwart Jörg Daniel, der zum Abschluss seiner Karriere von 1976 bis 1981 für Fortuna Düsseldorf spielte und mit den Rheinländern 1979 im Pokal der Pokalsieger das Finale gegen den FC Barcelona unglücklich mit 3:4 nach Verlängerung verlor.

Von Juli 1999 bis Ende 2016 gehörte er zum Trainerstab des DFB, wo er bereits die Junioren-Nationalmannschaften von der U15 bis zur U17 betreute und als Vertreter Sepp Maiers das Torwart-Training der A-Nationalmannschaft leitete. Außerdem war er in dieser Zeit Koordinator und Sportlicher Leiter des DFB-Talentförderprogramms. Seit 2017 ist Daniel freier Mitarbeiter beim DFB und für die Ausbildung der Torwarttrainer zuständig.

Daniel: „Nicht mehr so oft ins Stadion“

„Ich gehe nicht mehr so oft ins Stadion, sondern schaue mir die Torhüter im Fernsehen oder auf Videos an. Ich bekomme Szenen zusammen geschnitten“, sagt der 70-Jährige im Gespräch mit SPORT1.

„Es gibt eine Reihe guter und sehr guter Torhüter, aber ich sehe keinen, der herausragt. Ich finde das nicht zu hart bewertet, denn die Nationalmannschaft wird nicht am Torwart scheitern. Wenn Manuel Neuer nicht spielt, dann kann Marc-Andre ter Stegen spielen oder Kevin Trapp oder auch Bernd Leno. Es kommen zudem einige junge Torhüter nach, wie zum Beispiel Robin Zentner von Mainz 05.“ Der Torwart der Rheinhessen feiert demnächst seinen 27. Geburtstag.

Leno sei aktuell zwar „nicht so angesagt bei Arsenal“, aber er habe seine Klasse auch schon bewiesen.

Für die beiden WM-Qualifikationsspiele gegen Rumänien (2:1) und Nordmazedonien (4:0) nominierte der neue Bundestrainer Hansi Flick neben Neuer als etatmäßige Nummer 1 noch ter Stegen und Leno. Trapp wurde nicht in den Kader berufen.

Manuel Neuer will noch lange in München bleiben
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Daniel: „Davon muss immer einer ins Gras beißen“

Es gibt die Vierer-Gruppe mit Neuer, ter Stegen, Leno und Trapp. „Davon muss immer einer ins Gras beißen. Dieses Mal war es Trapp“, erklärt Daniel.

Er hat die Torhüter in den Profiligen genau auf dem Schirm und bringt einen Namen ins Spiel, der in der Vergangenheit bei der Nationalmannschaft nur einmal im Kader war, im September 2020 berücksichtigt wurde.

„Ich würde Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim nehmen, er gefällt mir schon seit Jahren gut. Leider war er immer außen vor. Jogi Löw hat seine Gruppe an Torleuten gehabt. Er hat die nominiert, die er kannte.“ Baumann sei einer, „der sehr gut ist“, aber aufgrund seiner ruhigen Art keiner, „bei dem man sagt ‚Wow!‘“ Baumann ist allerdings auch schon 31 Jahre.

Daniel sieht noch keinen Grund zur Sorge. „Neuer ist nach wie vor ein klasse Torwart. Die Italiener haben Gianluigi Donnarumma, der eine Riesen-EM spielte. Neuer zu seinen besten Zeiten war auch ein Überflieger. Sein Höhepunkt war die Zeit von 2010 bis zur WM 2014. Vielleicht bis 2016 noch“, meint Daniel. „Danach kamen einige Verletzungen dazu und hier und da mal Leistungen, die nicht optimal waren.“

Neuers Persönlichkeit auf dem Platz und innerhalb der Truppe sei nach wie vor „sehr wichtig“. Daniel ist sich sicher: „Noch führt kein Weg an Neuer vorbei.“

René Adler verletzte sich vor der WM 2010
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Neuers Entwicklung „hochinteressant“

Daniel erinnert sich an die Anfänge des Bayern-Torhüters. „Seine Entwicklung war ja hochinteressant. Die Nationalmannschaft fuhr 2010 auch wegen der guten Leistungen von Rene Adler nach Südafrika. Löw hat ihn damals als Nummer 1 gesehen. Dann hat er sich verletzt und es schlug die Stunde von Neuer. Adler war einer der besten Torwarttechniker, die wir hatten. Ich fand ihn immer gut.“

Und wie sieht der Torwart-Experte Trapp? „Er ist einer der guten bis sehr guten Torhüter, die ihre Leistung abliefern, aber er sah vor den Quali-Spielen auch mal nicht so gut aus. Ich glaube nicht, dass Flick sich den Kopf darüber zerbricht, wen er hinter Neuer nominieren soll. Das ist egal.“

Dass Deutschland ein echtes Torwart-Problem bekommt, sieht Daniel nicht. Wenngleich er einen Punkt anführt. „Vor einigen Jahren dachte ich mir, dass es zu wenig deutsche Torhüter in den Profi-Ligen gibt.“ In der ersten Liga sind sieben von 18 nicht deutsch, in der 2. Liga vier von 18 und in der 3. Liga kommt ein Torwart nicht aus Deutschland.

Auch an der Erkenntnis der DFB-Akademie hat Daniel so seine Zweifel. „Vielleicht entwickelt sich einer zum Weltklasse-Torwart.“

Bleibt Marc-André ter Stegen die ewige Nummer 2?
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„Trainieren und pflegen“

Und er begründet seine Hoffnung auch gleich: „Ich bin für die Ausbildung der Torwarttrainer verantwortlich, da sind so gute Jungs am Werk, die ihre Torhüter trainieren und pflegen.“ Doch er räumt ein: „Ob wir demnächst den Über-Weltklasse-Torwart bekommen, weiß ich nicht. Aber klasse Torhüter werden wir immer haben.“

Dass gerade nur ein Torwart unter 25 in der Bundesliga Stamm-Keeper ist, will Daniel ebenfalls nicht überbewerten. „Man müsste mal zurückschauen, ob es in der Vergangenheit auch Torhüter gab, die ganz jung dabei waren. Ter Stegen war einer, er wurde in Gladbach mit 19 reingeworfen. Es gibt wenige ganz junge Torhüter, die schon auf ganz hohem Niveau spielen können.“

Im Gegensatz zu früher würden die Torhüter heutzutage höchst professionell trainieren. Der große Unterschied: Heute gibt es hauptamtliche Torwarttrainer. „Ich hatte früher nie einen Torwarttrainer“ sagt Daniel. „Sepp Maier war der Erste, der nach seiner Karriere damit anfing. Zu meiner Zeit haben die Mannschaftskollegen auf das Tor geschossen und ich musste alles intuitiv oder autodidaktisch regeln.“

Das Wichtigste ist für ihn immer noch, „dass der Torwart Bälle fängt und Tore verhindert“. Natürlich gehöre auch das Spiel mit dem Fuß dazu, „aber die Towarttechnik ist komplexer“.

Hat ter Stegen die Geduld?

Was die derzeitige Konstellation im deutschen Tor angeht, sieht Daniel nur eine Problematik: „Wenn man alles genau beobachtet, müsste ter Stegen Neuers Nachfolger werden. Er spielt schon lange auf hohem Niveau, ich weiß nur nicht, ob er die Geduld hat. Wenn Neuer bis zur EM 2024 spielen will, wird das heftig für ter Stegen.“

Eine Ära werde der Barca-Keeper nach Neuer aber nicht mehr prägen können.

„Der Über-Überflieger ist nicht da. Die Spitze der Torhüter ist breiter geworden“, so Daniel weiter, der das landläufige Bild vom Torhüter als bekloppten Typen bestätigt. „Ein gewisses Maß an Wahnsinn gehört dazu, weil er immer auf einem schmalen Grat wandelt. Da gibt es keine Grauzone, entweder ist es richtig oder falsch, was er macht.“