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Mukhtar: Bitte keine Vergleiche mit Haaland!

Mukhtar: Bitte keine Vergleiche mit Haaland!

Hany Mukhtar fand in den USA sein Glück als Fußballer. Das Hertha-Talent schoss Nashville SC fast alleine in die Playoffs. Bei SPORT1 spricht er über seinen Erfolg und die Alte Dame.
Hany Mukhtar ist der Shootingstar in der MLS. Der 26-Jährige hat seinen Verein Nashville SC fast im Alleingang in die Playoffs geschossen. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über seine Erfolgsgeschichte.
Reinhard Franke
Reinhard Franke
von Reinhard Franke

Hany Mukhtar ist der Shootingstar in der amerikanischen Major League Soccer (MLS).

Der 26-Jährige hat seinen Verein Nashville SC fast im Alleingang in die Playoffs geschossen. Und der gebürtige Berliner erzielte beim 5:1-Sieg gegen Chicago Fire den frühesten Hattrick in der Liga-Historie. Mukhtar benötigte für seine drei Treffer nur sechs Minuten.

Ganz klar, Mukhtar hat in Amerika sein Glück gefunden.

Im Januar 2020 wechselte er vom dänischen Erstligisten Bröndby IF in die USA. Vorher spielte er für Red Bull Salzburg, Benfica Lissabon und seinen Jugendklub Hertha BSC.

Im SPORT1-Interview spricht Mukhtar über seinen Lauf, die MLS, den Traum Nationalmannschaft - und seinen Herzensverein.

SPORT1: Herr Mukhtar, Glückwunsch. Sie haben Ihren Klub fast im Alleingang in die Playoffs geschossen. Und Ihnen gelang der früheste Hattrick in der Liga-Historie. Wie fühlt sich das an?

Hany Mukhtar: Ich bin super glücklich momentan, es läuft sehr gut. Ich habe auch viel gearbeitet für diesen Augenblick. Wir hatten als neuer Verein eine schwierige Phase, dann kam Corona und es wurde erstmal nicht besser. Für mich war es natürlich eine riesige Umstellung auf einem anderen Kontinent. Aber ich wollte diese neue Herausforderung unbedingt annehmen. Ich bin sehr dankbar, wie alles gekommen ist.

SPORT1: Warum haben Sie sich im Januar 2020 für die MLS entscheiden?

Mukhtar: Weil es ein absolut spannendes Projekt ist. Wenn man tiefer in diese Geschichte rein hört, dann wird man mich verstehen. Als das Interesse aufkam und der Sportdirektor damals mit mir geredet hat, steckte das Projekt noch quasi in den Kinderschuhen. Den Klub gab es zu dem Zeitpunkt noch nicht in der MLS und dann gab es einen Punkt, der mir am meisten imponiert hat.

Mukhtar: „So etwas hört man im heutigen Fußball nicht oft“

SPORT1: Nämlich welchen?

Mukhtar: Man sagte mir, dass sie eine Mannschaft um mich herumbauen wollten. So etwas hört man im heutigen Fußball nicht oft, da die Teams schon existieren. Deswegen war dieses Angebot natürlich umso reizvoller für mich. Ich freue mich, dass ich mich für Nashville entschieden habe.

Hany Mukhtar (r.) gelangen drei Treffer in sechs Minuten
Hany Mukhtar (r.) gelangen drei Treffer in sechs Minuten

SPORT1: Waren Sie überrascht? Bisher ist Ihnen der ganz große Durchbruch nicht geglückt.

Mukhtar: Bei Bröndby habe ich schon gute Leistungen gezeigt. Der Schritt von Europa in die MLS war aber sicher etwas ungewöhnlich, aber mich hat das Interesse sehr gefreut und diese Aufgabe absolut gereizt. Viele haben das nicht verstanden. Ich fühle mich super wohl und habe alles richtig gemacht.

SPORT1: Nashville verbindet man immer mit Country-Songs. Wie leben Sie dort?

Mukhtar: Es war schon eine riesige Umstellung als Berliner Junge nach Nashville zu kommen. Aber ich habe mich immer besser eingelebt und inzwischen gefällt mir auch Country-Musik. Im Süden von Nashville leben viele sympathische Menschen. Ich bin alleine hier, aber ich fühle mich nicht alleine. Es gibt viele junge Leute in Nashville und es ist wirklich eine sehr coole Stadt.

Mukhtar verrät Erfolgsgeheimnis

SPORT1: Es war die fünfte Partie mit mindestens zwei Toren in dieser Saison. Das ist schon beachtlich. Verraten Sie uns doch mal Ihr Torgeheimnis.

Mukhtar: Ich spiele in der laufenden Runde mehr als Stürmer. Bei meinen anderen Vereinen war ich der Zehner. Aber wir spielen in Nashville ohne Zehner. Und meine jetzige Position gefällt mir einfach. Ich bin viel mehr in das Spiel involviert als früher und die Angriffe laufen meistens über mich. Ich würde das mit Max Kruse vergleichen, der bei Union Berlin auch hängende Spitze spielt. Ich habe auf dieser Position noch nie gespielt, aber unser Trainer hat mir das gut erklärt, vor allem, dass ich auch in die Tiefe laufen und die gegnerische Abwehr auseinander ziehen muss. Das habe ich neu gelernt.

Hany Mukhtar im Trikot der deutschen Junioren-Nationalmannschaft
Hany Mukhtar im Trikot der deutschen Junioren-Nationalmannschaft

SPORT1: Früher galt die MLS als eine Liga, in die man als Fußballer erst zum Ende der Karriere hin wechselt. Auch ein Zlatan Ibrahimovic entschied sich erst mit 37 für einen Wechsel in die MLS. Wie sehen Sie es?

Mukhtar: Es stimmt, dass früher die älteren Spieler zum Ende ihrer Karriere in die MLS wechselten. David Beckham oder Bastian Schweinsteiger waren die besten Beispiele. Doch mittlerweile ist die MLS eine sehr interessante Liga. Viele haben die Liga wegen der Zeitumstellung nicht so auf dem Schirm, aber es spielen viele südamerikanische Talente dort. Viele amerikanische Talente wechseln nach Europa, viele landen direkt in der Bundesliga. Die MLS wird nur noch besser, weil sie immer professioneller wird. Mir macht es Riesenspaß, ich finde Amerika generell toll. In der MLS wollen die Spieler die Fans wirklich unterhalten.

Mukhtar mit der einen oder anderen Delle

SPORT1: Bei Instagram haben Sie in der vergangenen Woche gepostet: „Du kannst das Licht schätzen, aber vorher musst du die Dunkelheit kennen“. Welche dunklen Momente haben Sie als Fußballer erlebt?

Mukhtar: Meine Karriere verlief nicht steil bergauf. Ich hatte mir auch die eine oder andere Delle zugezogen. Da habe ich gelernt, worauf es wirklich ankommt im Leben, was ich besser machen muss, damit ich weiter an mich glaube. Gerade in Momenten, in denen es nicht so läuft. Ich habe auch nicht so schöne Augenblicke in meiner Karriere gehabt. Wenn es gut läuft, dann solltest du es schätzen, was es für ein Segen ist Fußballprofi zu sein.

SPORT1: Gab es einen dunkelsten Moment in Ihrer Karriere?

Mukhtar: Ja, als ich zu Benfica Lissabon gewechselt bin, habe ich natürlich von der Champions League geträumt. Ein Jahr später wurde mir bewusst, dass ich nach Dänemark gehe. Bei Benfica war alles sehr professionell und bei Bröndby eher eine Nummer kleiner. Da musste ich ehrlich zu mir selber sein, dass das nicht das war, was ich mir vorgestellt hatte. Das war schon ein dunkler Moment in meiner Karriere, aber ich habe viel daraus gelernt. Solche Situationen machen einen nur stärker. Jeder geht seinen eigenen Weg und man muss auch glücklich sein mit dem Weg. Dieses Glück habe ich in Nashville gefunden. Ich setze mir jeden Tag neue Ziele, um noch besser zu werden.

SPORT1: Sie sind einer der Kandidaten bei der Wahl zum wertvollsten Spieler der Saison. Wie stolz macht Sie das?

Mukhtar: Sehr stolz. Das ist eine Ehre. Aber ich muss auch sagen, dass das sicher ein geiler Award ist, aber im Endeffekt will ich mit meinem Team etwas gewinnen. Ich kann diesen persönlichen Titel nur dann erhalten, wenn wir als Mannschaft erfolgreich sind. So schön solche Auszeichnungen auch klingen, so sehr ist mir bewusst, dass ich ohne meine Jungs in der Mannschaft nichts bin. Ich weiß meinen Stellenwert in Nashville sehr zu schätzen.

Mukhtar: „Will mich nicht mit Haaland vergleichen“

SPORT1: Von Ihrer Torquote her könnten Sie sich auch mit dem Dortmunder Erling Haaland vergleichen, oder?

Mukhtar: Nein. Ich will mich nicht mit Haaland vergleichen, denn ich habe meinen eigenen Stil. Ich sage immer wieder zu mir ‚Wie weit kannst du mit deinem Talent kommen?‘ Jeder Spieler hat seine ganz eigene Situation. Ich gucke deshalb nur auf mich. Ich gönne Haaland und jedem anderen Kollegen den maximalen Erfolg, aber Vergleiche helfen mir wenig, weil es um meine Karriere geht.

SPORT1: Sie haben in Nashville mit der Hälfte der Spiele schon fast so viele Tore gemacht wie in Ihrer Zeit bei Bröndby.

Mukhtar: Das ist schon ein Wahnsinn. Aber ich habe viel an mir gearbeitet. Ich war früher wie gesagt Zehner, aber den klassischen Zehner gibt es im europäischen Fußball nicht mehr. Mesut Özil war noch einer. Oder in meiner Jugend wollte jeder die Zehn auf dem Trikot haben. Mein Vorbild bei der Hertha war damals auf dieser Position Marcelinho. Für viele Jugendliche in Bremen war es Diego. In jeder Mannschaft wollte einer immer der Kreative Spieler sein. Heute aber geht viel über die Athletik und die Taktik. Deswegen habe ich mich selber gefragt, wie ich mein Spiel verändern kann. Auch in Nashville gab es keinen Zehner, da wurde das Spiel um mich herum gebaut.

Hany Mukhtar (vorne) im Training von Benfica Lissabon
Hany Mukhtar (vorne) im Training von Benfica Lissabon

SPORT1: Warum haben Sie sich als Berliner Junge bei der Hertha damals ihren Platz nicht erkämpfen können?

Mukhtar: Ich war zu ungeduldig und habe mir selber nicht die Zeit gegeben. Klar, ich hatte viel Selbstvertrauen, hatte mit der U19 die EM gewonnen, war im Aufschwung und wollte, dass alles jetzt passiert. Ich wollte nicht warten. Michael Preetz (damaliger Hertha-Manager, d. Red.) und der Trainer (Jos Luhukay, d. Red.) sagten damals zu mir, dass ich meine Chance kriegen werde, aber das braucht Zeit. und das habe ich damals nicht verstanden. Darum gelang mir bei der Hertha nicht der Durchbruch.

SPORT1: Hat Union der Hertha den Rang abgelaufen?

Mukhtar: Nein. Als Herthaner tut mir das im Herzen weh, dass das Derby gegen Union verloren wurde. Hertha ist und bleibt die Nummer eins in Berlin.

SPORT1: Warum kriegt es die Hertha nicht hin eine bessere Rolle in der Liga zu spielen?

Mukhtar: Das ist eine gute Frage. Die Ansprüche waren in den vergangenen Jahren immer sehr hoch und viele Transfers sind nicht so eingeschlagen wie man sich das erhofft hatte. Ich hoffe, dass sich das noch bessert, weil da wirklich gute Jungs im Kader sind. Ich hoffe, dass es bald klick macht bei der Hertha.

Mukhtar: „Das ist so ein Berliner Ding“

SPORT1: Ist man bei der Hertha zu ungeduldig und will zu schnell zu viel?

Mukhtar: Das ist so ein Berliner Ding, das man relativ schnell zu viel will. Aber im Endeffekt sollte man mit den Möglichkeiten, die die Hertha hat, auch keine kleinen Ziele haben. Diese sind berechtigt. Berlin braucht unbedingt einen Klub in Europa. Und ich hoffe so sehr, dass die Hertha in den nächsten Jahren wieder international spielen wird.

Verbissener Zweikampf: Hany Mukhtar (l.) im Trikot von Hertha BSC im Duell mit Philipp Lahm.
Verbissener Zweikampf: Hany Mukhtar (l.) im Trikot von Hertha BSC im Duell mit Philipp Lahm.

SPORT1: Können Sie sich eine Rückkehr zur Hertha oder generell in die Bundesliga vorstellen?

Mukhtar: Die Bundesliga ist sehr interessant für mich. Da will ich mich nicht nur auf die Hertha festlegen. Die Alte Dame wird immer in meinem Herzen sein. Das ist mein Jugendverein und da bin ich groß geworden. Aber das Gefühl, dass ich bei der Hertha noch mal zeigen muss, was ich drauf habe, empfinde ich nicht. Ich fühle mich gerade pudelwohl in Nashville. Ich habe ohnehin noch einen gültigen Vertrag. Alles andere wird man sehen.

SPORT1: Wie ist Ihre Meinung zum Thema Corona und Impfen?

Mukhtar: Leider gibt es auch bei uns das Virus. Wir haben Protokolle, die wir befolgen müssen und werden täglich getestet. Die meisten Spieler, sind geimpft, ich auch. Das Thema sollte man nicht auf die leichte Schulter nehmen.

Aus der MLS in die Nationalmannschaft? „Eher unrealistisch“

SPORT1: Wie es einige Bayern-Spieler zuletzt getan haben?

Mukhtar: Schwieriges Thema. Ich wünsche Joshua Kimmich und Eric-Maxim Choupo-Moting, dass sie schnell wieder auf dem Platz stehen können. Die Gesundheit der Menschen ist das Wichtigste, was wir haben. Wenn man etwas machen kann, damit es den Menschen besser geht, also wie in dem Fall sich impfen zu lassen, dann sollte man das machen. Aber ich respektiere jeden, der eine andere Meinung hat. Nur mit der Impfung können wir zur Normalität zurück.

SPORT1: Thema Nationalmannschaft. Wie denken Sie da?

Mukhtar: Das ist der Traum von jedem Jungen den Anruf des Bundestrainers zu erhalten. Ich glaube es ist eher unrealistisch, dass Herr Flick einen Spieler aus der MLS holt. Aber ich werde weiter Gas geben und meine Tore machen. Wenn der Anruf kommen sollte, würde mich das sehr glücklich machen. Mein Kumpel Sandro Wagner wurde sehr spät Nationalspieler. Also werde ich nicht aufhören davon zu träumen.