Irgendwie hat alles mit Almuth Schult angefangen.
Frauen im Fußball und Führungspositionen: Irritiert über das Maß an Widerstand - Podcast Flutlicht an!
Irritiert über das Maß an Widerstand
Als die Torhüterin sich eines Tages bei Katja Kraus, ebenfalls einst Nationalspielerin im Tor, meldet, und dieser von ihren alltäglichen Erfahrungen im Fußball erzählt, fällt Kraus fast hinten runter. „Ich war konsterniert und dachte, sie erzählt mir Geschichten, die waren zehn oder zwanzig Jahre zurückgelegen.“
Irgendwie hat alles mit Claudia Neumann angefangen. Als die Journalistin einen Film macht darüber, wie es Frauen heute im Fußball ergeht, spricht sie dafür auch mit Kraus. Der klingeln die Ohren, als sie die verschiedenen Geschichten hört – und sie kann nicht glauben, dass sich für Frauen im Fußball so wenig geändert hat seit ihrer aktiven Spielerinnenzeit.
- „Flutlicht an. Im Gespräch mit der Wortpiratin“, der Podcast auf SPORT1, in dem Journalistin und Autorin Mara Pfeiffer Menschen in den Mittelpunkt stellt, die im schnelllebigen und lauten Fußballgeschäft oft zu wenig im Rampenlicht stehen.
Irgendwie hat alles mit Helen Breit angefangen. Der Fanvertreterin, die Kraus auf der Suche nach einer Stimme aus diesem Bereich anspricht. Und irgendwie mit Sandra Schwedler, die als Aufsichtsratsvorsitzende des FC St. Pauli wie Kraus in Hamburg ist.
Angefangen hat es auch mit Katharina Kiel, der ehemaligen Spielerin, die ein Start-up gegründet hat. Mit Bibiana Steinhaus, der ersten und bislang einzigen Schiedsrichterin in der 1. Bundesliga der Männer.
Kraus: Führungsebenen sind Männerdomänen
Mit Gaby Papenburg, die damals für den Vorsitz des Berliner Fußball-Verbandes kandidiert. Und mit Jana Bernhard, die als Geschäftsführerin der „S20″ auch die Seite der Sponsor*innen kennt. Irgendwie hat es mit jeder einzelnen von ihnen angefangen – und mit allen zusammen. Denn gemeinsam sind die neun „Fußball kann mehr“, und gekommen, um den Sport nachhaltig zu verändern.
„Wann immer man in Führungsebenen kommt und wo immer, kommt man in Männerdomänen“, sagt Kraus. Damit wollen sich diese Frauen nicht mehr zufriedengeben.
Im Mai 2021 gehen sie mit ihrer Initiative zum ersten Mal an die Öffentlichkeit. Sie geraten so zufällig in die Phase eines Machtvakuums beim DFB und werden schnell als Antagonistinnen zum Chaos des Verbandes wahrgenommen. „Das war nicht unser Motiv, um anzutreten“, stellt Kraus klar.
Die Öffentlichkeit, die ihre Initiative dadurch bekommt, nutzen sie aber klug. Kraus betont: „Für uns war immer klar, wir wollen nicht nur eine Stimme sein, wir wollen konkrete Veränderungen herbeiführen.“ Es geht darum, als Fußballfrau nicht immer „die eine“ zu sein.
Kraus findet, der „Mythos der Geheimwissenschaft Fußball“ habe „total verfangen“. Männer, die in diesem Sport unter sich bleiben wollten, vermittelten den Eindruck, Fußball sei für sich genommen komplexer als jedes andere Thema - und nur von einigen wenigen zu bewältigen. Natürlich treten längst unzählige Frauen jeden Tag den Gegenbeweis an, sind aber insgesamt noch weniger gut vernetzt, auch untereinander. Da setzt die Initiative unter anderem an.
Kraus „Irritiert über das Maß an Widerstand“
Mittlerweile hat man sich als gGmbH ausgegründet, im Beirat sitzen bekannte Namen aus dem Fußball sowohl der Männer als auch der Frauen und dem Sport allgemein. Die ersten Kooperationen mit Vereinen – Eintracht Frankfurt, Hertha BSC Berlin, VfB Stuttgart, Eintracht Frankfurt – sind inspirierend für beide Seiten, die Kontakte intensivieren sich.
Kraus gerät ob der guten Teamkommunikation sogar ein wenig ins Schwärmen und sagt: „Irgendwie ist der Mannschaftssport nochmal auf die bestmögliche Art zu mir zurückgekommen.“
Sie schöpft in diesen Aufgaben auch aus ihrer eigenen Erfahrung, nicht nur der als Spielerin, die ihr die Überzeugung eingebracht hat, die Sportlerinnen von heute müssten noch deutlich lauter und klarer für ihre eigenen Bedürfnisse einstehen.
Auch die Zeit danach hat Kraus geprägt, beispielsweise die Phase als Pressesprecherin bei Eintracht Frankfurt. „Irritiert über das Maß an Widerstand“, sei sie gewesen, als eine, die sich selbst doch ganz klar auch dem Fußball zuordnete. Wieso wurde sie, als ehemalige Nationalspielerin, so nicht gesehen?
„Ich habe ganz viel gearbeitet, um Angriffsfläche zu vermeiden“, erinnert sie sich. Die Zeit als Vorstandsmitglied beim HSV sei in der eigenen Wahrnehmung schon eine andere gewesen, aber: „Jeder fußballinteressierte Hamburger war der Meinung, dass er an meiner statt diesen Job machen sollte.“
Diese Widerstände im System lassen sich am besten im Team überwinden, davon ist Kraus überzeugt und ihre Mitstreiterinnen sind es auch. Mit „Fußball kann mehr“ haben sie den Fragezeichen auf Seiten vieler Männer in diesem Sport ein Ausrufezeichen entgegengesetzt.
Gemeinsam haben sie mit ihrer Initiative im Fußball noch sehr viel vor.