So klar formuliert das Nahziel ist, so steinig ist der Weg in die Zukunft. „Wie wettbewerbsfähig der deutsche Fußball ist, das werden wir im Sommer in Amerika sehen“, sagt Andreas Rettig.
Der deutsche Fußball in der Nachwuchsfalle
Steiniger Weg aus dem Talente-Tief
Mit diesen Worten beendete der DFB-Sportgeschäftsführer am Mittwoch eine durchaus energisch geführte Diskussion auf der Hamburger SPOBIS Conference zum Thema.
Fehlende Nachwuchstalente? Krösche wird deutlich
Doch das Abschneiden der A-Nationalmannschaft im Rampenlicht bei der WM in den USA, Kanada und Mexiko ist nur die Konsequenz aus der jahrelangen Arbeit im Verborgenen, von unzähligen Sichtungen und Trainingseinheiten auf dem Weg in die absolute Weltspitze. Und genau da drückt der Schuh.
Während Oke Göttlich vom FC St. Pauli die hiesige Nachwuchsarbeit im Gespräch mit SPORT1 noch diplomatisch als „ein wenig dysfunktional“ bezeichnete, wurde Markus Krösche maximal deutlich, was das krankende System angeht: „Wir bilden einfach zu schlecht aus – das ist der Kern unseres Problems“, so der Sportvorstand von Eintracht Frankfurt.
Der Pool aus wettbewerbsfähigen Spielern sei „viel zu klein“, hinzu kämen Defizite in der Trainerausbildung.
DFL plant neue U21-Liga
Worüber die Experten sich einig sind: Es fehlt dem Nachwuchs im Übergangsbereich von Amateuren zu Profis an Einsatzminuten. Die kolportierten Zahlen, auf denen die Maßnahmen fußen, lesen sich dramatisch: In Deutschland kommen demnach nur 338 Spieler aus dem eigenen Nachwuchs, in Spanien sind es 527, in Frankreich 633 und in England sogar 641.
Abhilfe soll hier nun eine neue U21-Liga schaffen, die schon im Sommer starten soll. Das Projekt ist das erste konkrete Ergebnis der neu ins Leben gerufenen Expertengruppe um hochrangige Liga-Vertreter wie DFL-Boss Marc Lenz und weitgereiste Praktiker wie Jürgen Klopp und Sami Khedira.
Die Idee ist ein zusätzlicher Wettbewerb, um jungen Spielern mehr Spielpraxis unter Wettkampfbedingungen zu geben. Und das unter flexiblen Rahmenbedingungen, etwa kurzer Meldefrist für die Spieler und beliebig vielen Einwechslungen. Selbst die klassische Spielzeit von 90 Minuten steht offenbar zur Debatte. Zuschauer sind nicht geplant, die Logistik soll klein gehalten werden.
Kommt eine neue Liga? Die Uhr tickt
Während Göttlich die Sache im Namen des FC St. Pauli ausdrücklich begrüßt, sind andere Stimmen aus der Bundesliga noch zurückhaltender. Stuttgarts Vorstandsvorsitzender Alexander Wehrle findet die Idee, die ihm nach eigener Aussage vor einer Woche vorgestellt wurde, „prinzipiell erstmal gut.“ Der VfB-Chef sagte im Gespräch mit SPORT1 aber auch: „Wie sich der Wettbewerb genau ausgestalten lässt, das müssen wir nochmal final diskutieren. Hier ist ja noch keine Entscheidung getroffen worden.“
Doch die Uhr für den angepeilten Start tickt – und einen Fehlschlag kann man sich im Kampf um den Anschluss nicht leisten.
In einer Welt, in der schon für Talente „explodierende Preise“ (Krösche) gezahlt werden oder die Youngster unter Multi-Club-Konstrukten hin- und hergeschoben werden, muss der deutsche Fußball agieren. Kreativ und schnell agieren, um am Ball zu bleiben.
Abstimmung soll Anfang März erfolgen
Dass das ganz große Geld anderswo gezahlt wird, lassen Khedira und Co. zwar nicht als Ausrede gelten. Doch DFL-Geschäftsführer Lenz sagte auch: „Wenn wir kapitalseitig nicht mithalten können, müssen wir in der Nachwuchsentwicklung sportlich top sein.“
Und das, so die einhellige Meinung, ist aktuell nicht der Fall – unabhängig vom Abschneiden der DFB-Auswahl bei der WM.
Abgestimmt werden soll über den U21-Plan auf der Mitgliederversammlung des Ligaverbands Anfang März. Die 36 Profiklubs müssen sich jedoch nur bedingt bekennen: Die Teilnahme an der Liga soll freiwillig sein.
Ein Knackpunkt könnte sein, dass möglicherweise Vorteile für Klubs entstehen, die wie Bayer Leverkusen oder VfL Wolfsburg über keine zweite Mannschaft verfügen.