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Wie einer der legendärsten deutschen Fußball-Kommentatoren alles verlor

Kommentatoren-Legende packt aus

Werner Hansch zählte zu den beliebtesten Fußball-Kommentatoren Deutschlands. Nach seiner Pensionierung geriet er in die Glücksspielsucht – darüber spricht er ausführlich in SPORT1 Deep Dive.
Sportreporter-Legende Werner Hansch spricht im SPORT1-Podcast "Deep Dive" über die Spielsucht, die sein Leben komplett veränderte.
Werner Hansch zählte zu den beliebtesten Fußball-Kommentatoren Deutschlands. Nach seiner Pensionierung geriet er in die Glücksspielsucht – darüber spricht er ausführlich in SPORT1 Deep Dive.

Werner Hansch gehört zu den prägenden Stimmen des deutschen Fußballs. Von 1978 bis 2007 berichtete er als Sportreporter und Kommentator aus den Stadien des Landes und machte sich vor allem durch seine mitreißenden Radio- und Fernsehbeiträge einen bundesweiten Namen. Doch nach seinem Rückzug aus dem Berufsleben im Alter von 65 Jahren nahm Hanschs Leben eine drastische Wendung.

In der Freizeit entdeckte er die Welt der Wetten – und verlor schnell die Kontrolle. Innerhalb kurzer Zeit verzockte er mehrere hunderttausend Euro und stürzte in eine tiefe persönliche Krise. Im Podcast SPORT1 Deep Dive spricht Hansch nun ausführlich über diese dunkle Phase seines Lebens, über die Abgründe, die er durchlebte, und über den Weg, sich daraus wieder zurückzukämpfen.

„Ich hatte alles, aber genau das wurde mir zum Verhängnis“, begann der heute 87-Jährige seine Ausführungen. „Ich hatte auf einmal sehr viel Zeit und sehr viel Geld. Diese Verbindung wurde für mich zum Tor in die Sucht.“

Sportreporter-Legende Hansch spricht über Wettsucht

Was dann passiert sei, sei charakteristisch für das Leben: „Es sind kleine Zufälle: Ich kam an einem Wettladen vorbei. Es war laut und voller Rauch und ich dachte: ‚Was ist da los?’ Anstatt vorbeizugehen, ging ich hinein und hielt meinen Kopf hinein, bis einer sagte: ‚Ach, das ist doch der Futzi von ran. Komm doch mal rein.‘“

In dem Wettbüro habe eine „Riesen-Stimmung“ geherrscht, erklärte Hansch, der sich an „große Bildschirme“ an den Wänden zurückerinnert: „Da sah ich plötzlich Pferde über Gras galoppieren, da trabten welche über Sandböden.“

Irgendwann habe ihn eine Person angesprochen und gesagt: „Schau mal auf diesen Bildschirm, da kommt gleich das vierte Rennen in Paris. Da habe ich einen todsicheren Sieger, der kann gar nicht verlieren. Der beste Fahrer in Frankreich, auf den wette ich jetzt.“

Auf das Angebot, mitzuwetten, ging Hansch ein: „Ich habe ganz unbewusst in meine Arschtasche gepackt und erwische einen Zwanziger und meinte mehr oder weniger belanglos: ‚Mach mal für mich mit.‘“

„Ich bin mit einem wunderbaren Gefühl nach Hause gefahren“ 

Die Wette ging schließlich auf: „Der brauchte gar keine Peitsche, der ging locker mit vollen Händen durch das Ziel und ich bekam für meine 20 Euro dann 42 Euro zurück - das war doch schön“, berichtete Hansch und sprach von einer „sehr euphorischen“ Gemütslage.

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Er führte aus: „Dort gab es noch Menschen, die mich erkannt hatten. Das hat mir geschmeichelt – und ich hatte noch etwas Geld gewonnen. Ich bin mit einem wunderbaren Gefühl nach Hause gefahren.“

Nicht lange danach wagte sich Hansch erstmals allein an den Schalter und setzte 50 Euro auf ein Pferderennen. Sein Tipp verfehlte den Sieg nur um Haaresbreite, das Pferd kam als Zweiter ins Ziel.

„So ein Unglück“, habe er gedacht, „aber so kannst du jetzt nicht nach Hause fahren.“ Hansch kehrte also zurück – und kam fortan jeden Tag in denselben Laden. Aus dem einmaligen Versuch wurde eine Gewohnheit, aus der Hoffnung auf den großen Gewinn schließlich eine Glücksspielsucht. Im Ruhestand verlor er mit Pferdewetten mehr als eine halbe Million Euro.

Ans Aufhören konnte Hansch lange nicht denken

Ans Aufhören konnte Hansch dennoch lange nicht denken – selbst als seine Situation längst gefährliche Züge annahm. „Es war alles weg: mein Geld, mein Haus, meine Lebensgefährtin“, schilderte er: „Und ich sage dir, ich saß mit dem Rücken an einer Wand und nicht viel hätte gefehlt, vielleicht hat mir der entscheidende Mut dazu gefehlt, und ich hätte mir etwas angetan. Ich weiß heute, dass es etliche Fälle gibt, die so geendet sind”, erzählte er.

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Anmerkung der Redaktion: Wenn Sie sich selbst von Depressionen und Suizidgedanken betroffen fühlen, kontaktieren Sie bitte umgehend die Telefonseelsorge (http://www.telefonseelsorge.de). Unter der kostenlosen Hotline 0800-1110111 oder 0800-1110222 erhalten Sie Hilfe von Beratern, die schon in zahlreichen Fällen Auswege aus schwierigen Situationen aufzeigen konnten.

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Erstmals öffentlich sprach Hansch dann 2020 in der Reality-Show „Promi Big Brother“ über seine Sucht. „Ziemlich am Anfang kam gleich die Frage: Sag mir, weshalb bist du hier? Das war ein Moment äußerster Herausforderung für mich“, blickte Hansch zurück. „Erzähle ich jetzt eine Geschichte oder habe ich endlich die Kraft, die Hose runterzulassen?“

Denn die Scham sei bei dieser Krankheit das Hauptproblem: „Ich kenne heute auch viele, die alle rauswollen, aber die haben Scham. Wir wissen doch alle: Spielsucht ist im Katalog der gesellschaftlichen Werte ganz unten. Fast noch schlimmer als Saufen“, erklärte Hansch. „Deshalb versuchen so viele - wie auch ich - diese Krankheit so lange wie möglich unterm Teppich zu halten, wie es überhaupt nur geht.“

Hansch: „Bis auf die unterste Stufe bin ich gefallen“

Doch im Bewusstsein, dass die Sendung jeden Abend mehr als eine Million Zuschauer hatte, kam es zu einem entscheidenden Moment für Hansch: Er habe auf einmal die Kraft gehabt, über seine Sucht zu reden.

„Es war unterirdisch, was ich gemacht hatte. Schlimmer geht’s doch nicht. Ich habe Menschen angelogen und betrogen. Bis auf die unterste Stufe bin ich gefallen. Ich war am Ende eine Fleischhülle. Alles, was mich an inneren Werten mal ausgezeichnet hatte, war weg. Das war das Schlimmste“, verdeutlichte Hansch.

Dass er am Ende sogar Sieger der Reality-Show „Promi Big Brother“ wurde, sei „ganz entscheidend für ein neues Leben“ gewesen: „Weil ich mit dem gewonnenen Geld viele Schlaglöcher, die ich aufgerissen hatte, begradigen konnte.“

Bei der Überwindung der Sucht half ihm neben „ärztlicher Therapie“ auch der Besuch einer Selbsthilfegruppe. „Da entfällt das Problem der Scham. Da sitzen alle Menschen, die das gleiche Problem haben“, erklärte Hansch, „das ist das Entscheidende.“

Um Menschen zu helfen, denen Ähnliches wie Hansch widerfahren ist, hat er 2023 gemeinsam mit Rechtsanwalt Marc Ellerbrock das Startup „Zockerhelden“ gegründet. Das Portal unterstützt Betroffene, Glücksspielverluste von Online-Casinos, -Sportwetten- und -Pokeranbietern zurückzufordern.