Bert Trautmann (Jahrgang 1923) musste, wie so viele seiner Generation, als Fallschirmjäger in den Krieg ziehen und geriet 1945 auf deutschem Boden in englische Gefangenschaft. Er wurde im „Camp 50“ bei Wigan interniert. Der Alltag bestand aus harter Arbeit, einmal etwa gehörte er einem Bombenräumkommando an, aber es gab auch Momente der Freizeit und die vertrieben sich die Männer gern mit Fußball und Handball.
Der Deutsche, der in England zum Idol wurde
Ein Genickbruch machte ihn zur Legende
Sein Talent fiel auf und 1948 startete er seine englische Vereinskarriere beim örtlichen St. Helens Town und wurde dabei von einem Späher von Manchester City entdeckt. Es wurde der Klub seines Lebens, für den er von 1949 bis 1964 in 590 Partien spielte. Meist in der ersten Division, der Betriebsunfall des Abstiegs 1951 wurde schnell repariert.
Englische Fans wüten gegen „Traut the Kraut“
Sein Engagement schlug damals hohe Wellen: Zahlreiche wütende Fans gaben ihre Dauerkarten zurück und 20.000 sollen auf die Straße gegangen sein, um gegen „Traut the Kraut“ zu protestieren. „Es gab aber auch Vernünftige, die sich darüber freuten, daß englische Sportler so großzügig waren, mit einem früheren Kriegsgegner in einer Mannschaft zu stehen“, hieß es im März 1952 im Kicker.
Bernd, den die Engländer Bert nannten, wurde schnell populär, „nach wenigen Spielen waren alle häßlichen Zwischenrufe verstummt“. Die Kraft des Sports im Allgemeinen und des Fußballs im Besonderen baute eine stabile Brücke zwischen Menschen, die einst gezwungen waren, aufeinander zu schießen. Das taten sie nun nur noch mit dem Lederball.
Trautmann erwarb sich einen Ruf als Elfmeterkiller, hielt allein 1951/52 zwölf von 14 Elfmetern. Auch war seine Art, sich breit zu machen, wenn Stürmer auf ihn zukamen, statt sich auf Verdacht zu hechten, revolutionär. Dass er eine Engländerin heiratete und mit ihr eine Familie gründete, trug zu seiner Popularität gewiss bei, „auch mit seinen Schwiegereltern lebt er in bester Gemeinschaft“, hieß es im Kicker-Porträt.
Im Pokalfinale: Trautmann bricht sich Genick
1955 war Manchester City schon ins FA-Cup-Finale eingezogen, aber Newcastle 1:3 unterlegen. Doch im Fußball gibt es oft noch eine zweite Chance und sie kam schon im nächsten Jahr – am 5. Mai 1956 gegen Topfavorit Birmingham City. Weniger der Sieg des Außenseiters als die Rolle seines Torwarts machte dieses 75. Finale, das genau heute vor 70 Jahren stattfand, legendär. Eine Viertelstunde vor Schluss stand das Endergebnis bereits auf der Anzeigetafel (3:1), aber noch tobte der Kampf heftig. Dann krachte es!
Trautmann erzählte dem Kicker damals selbst: „Birmingham hatte noch nicht resigniert, stürmte an. Da kam eine Flanke von rechts. Ihr Mittelstürmer sprang höher als unser Stopper und köpfte den Ball vor des Halblinken Schußbein. Ich raus, hechte nach vorn, fasse den Ball gerade noch ab, stürze.“
Mit dem Nacken sei er dann „auf das durchschwingende Schußbein Murphys“ gefallen. „Und im Nackenmuskel hatte ich mir doch vor zwei Wochen bis kurz vor dem Anpfiff behandelte Zerrung zugezogen. Die erneute Verletzung schmerzte fürchterlich. Aber wichtiger noch, daß ich Birminghams Anschlußtor vereitelt hatte.“
So Trautmanns sachliches Statement nach dem Spiel, das der Dramatik der Situation nicht annähernd gerecht wurde. In der allgemeinen Freude gingen Einzelschicksale unter und sie waren ihm ja nicht mal selbst bewusst. So sprach er gegenüber dem Kicker „vom schönsten Tag meines Lebens“ und schrieb das sogar auf eine Grußkarte an die Leser. Dabei hätte es der Letzte sein können.
Trautmann beim DFB außen vor
Denn drei Tage später ergab die Röntgenaufnahme: Genickbruch und fünf Halswirbel ausgerenkt. Unter Umständen hätte diese Verletzung tödlich enden können, einen weiteren Zusammenprall hätte er vielleicht nicht überlebt. Er hätte sofort vom Platz gemusst, doch Auswechseln war noch verboten. Wie schwer die Verletzung war, zeigte sich daran, dass er fünf Monate lang den Hals in Gips trug.
Er war gerade entlassen worden und auf Einladung des DFB unterwegs zum Länderspiel gegen England in Berlin, als er erfuhr, dass sein kleiner Sohn von einem Lastwagen überfahren worden sei. Alle Welt trauerte mit dem Mann, welche Volten das Schicksal binnen weniger Tage für ihn parat hatte.
Nun aber war er ein Idol. Für die Engländer etwas mehr als für die Deutschen, deren Tor er entgegen seines sehnlichen Wunsches nie hüten durfte. Auch im englischen Tor stand er nie, er hatte ja seine Staatsbürgerschaft behalten. Immerhin: Die Queen verlieh ihm 2004 ob seiner Verdienste um die deutsch-britischen Beziehungen einen Orden („Honorary Officer of the Most Excellent Order of the British Empire“).
Etwas später erfolgte auch hierzulande eine große Anerkennung. Sein außergewöhnliches Leben wurde 2018 verfilmt und kam in die deutschen Kinos. Seit 2023 ist er in der „Hall of Fame“ des deutschen Fußballs. Das hat Bernhard Carl Trautmann, den alle „Bert“ nannten, nicht mehr erlebt. Er verstarb 2013 im Alter von 89 Jahren.