Der Sommer 2026 wird bei vielen griechischen Fans lange in Erinnerung bleiben. Gleich zwei der größten griechischen Talente unserer Zeit – Konstantinos Karetsas (18 Jahre) und Giannis Konstantelias (23) – wechselten für über 60 Millionen Euro zum BVB.
BVB-Juwele und mehr: Ist das Griechenlands goldene Generation?
Griechenlands goldene Generation?
Außerdem sicherte sich der englische Meister FC Arsenal für 40 Millionen Euro die Rechte des Ex-Düsseldorfers Christos Tzolis (24). Junge Griechen waren plötzlich sehr gefragt.
Karetsas und Konstantelias wirbeln beim BVB – Tzolis punktet bei Arsenal
Karetsas steuerte in seinem ersten Bundesligaspiel direkt eine Vorlage bei und Konstantelias schoss beim 2:0-Sieg gegen den HSV sein erstes Tor. Einen großen Dämpfer in der griechischen Euphorie mussten die Fans jedoch auch hinnehmen. Konstantelias zog sich bei seinem Bundesligadebüt einen Kreuzbandriss zu und fällt mehrere Monate aus.
Auch Tzolis rückte bei den Gunners direkt in die Startelf von Mikel Arteta und konnte im Community Shield gegen Manchester City bereits mit zwei Vorlagen überzeugen.
EM-Coup 2004, dann lange nichts – ist Griechenland wieder da?
Die neue Welle an vielversprechenden griechischen Fußballern mag sehr plötzlich erscheinen, sie bahnte sich aber schon seit geraumer Zeit an. Erst letztes Jahr zahlte Brighton Hove & Albion 60 Millionen Euro für die zwei Youngster Charalampos „Babis“ Kostoulas und Stefanos Tzimas. Letzterer hatte sich in der 2. Bundesliga schon in die Herzen der Nürnberg-Fans geschossen. Ist das also der Beginn einer neuen goldenen Generation?
Nach dem sensationellen Triumph bei der Europameisterschaft 2004 fielen weitere griechische Erfolge aus. Seit 2014 waren die Griechen überhaupt nicht mehr bei einer WM oder EM dabei. Höchste Zeit also für die junge Garde, die Durststrecke zu beenden.
Amanatidis sieht Griechenland jetzt auf gutem Weg
Ioannis Amanatidis – griechischer Rekordspieler in der Bundesliga – freut sich im Interview mit SPORT1 über die Entwicklungen in Griechenland: „Es ist gut um den griechischen Fußball bestellt in den nächsten Jahren“. Der frühere Stürmer von Eintracht Frankfurt sieht die Lage äußerst positiv, denn „man merkt die steigende Qualität im griechischen Fußball“. Damit bezieht sich der gebürtige Stuttgarter hauptsächlich auf die verbesserte Jugendarbeit, die bei den griechischen Top-Klubs seit einigen Jahren enorm angekurbelt wurde.
Tatsächlich hat sich sowohl der griechische Vereinsfußball als auch der nationale Fußballverband Griechenlands (kurz: EPO) in den letzten zehn Jahren gewaltig umorientieren müssen. Denn nicht nur das Nationalteam erlebt spätestens seit 2014 eine enorme Durststrecke, sondern auch die Top-Klubs AEK Athen, Olympiakos Piräus, Panathinaikos Athen und PAOK Saloniki verloren immer mehr den Anschluss an den Rest Europas. Zwischenzeitlich rutsche Griechenland in der Fünfjahreswertung der UEFA sogar auf Platz 20 ab.
„Die griechischen Klubs haben vermehrt gemerkt, dass sie bei der Jugendarbeit und beim Scouting meilenweit hinterherhinken“, berichtete Amanatidis, der in Zukunft ebenfalls für den griechischen Fußballverband arbeiten wird.
Millionenregen für Eigengewächse
Diese Umorientierung hat nun Früchte getragen. Vor allem PAOK Saloniki und Olympiakos Piräus haben in der jungen Vergangenheit zahlreiche Talente ausgebildet und an europäische Top-Vereine verkauft.
Kostas Tsimikas ging 2020 zum FC Liverpool und markierte gewissermaßen den Startpunkt der Shopping-Tour in Griechenland. Konstantinos Koulierakis ging 2024 für 13 Millionen aus Saloniki zum VfL Wolfsburg und spielt nun bei der AS Roma. Tzolis und Tzimas stammen ebenfalls aus Thessaloniki. Konstantinos Tzolakis wechselte im Sommer vom griechischen Rekordmeister zu Hull City und hielt am 1. Spieltag gegen Manchester United direkt die Null.
Der wohl größte Nachweis der erfolgreichen griechischen Jugendarbeit ist der Gewinn der UEFA Youth League 2024 durch die U21 von Olympiakos. Unter den damaligen Gewinnern war neben Kostoulas auch Christos Mouzakitis. Der 19-Jährige ist im defensiven Mittelfeld zuhause und für seine Ruhe am Ball und seine Passsicherheit bekannt. Auch in der Champions League durfte er schon Minuten sammeln.
Am Deadline Day schlug dann Hull City zu und zahlte 15 Millionen für Mouzakitis. Ein weiterer Grieche in der Premier League.
Neue Regeln: Vereine werden gezwungen, auf junge Griechen zu setzen
Aber auch kleinere Vereine Griechenlands haben gemerkt, wie wichtig und gewinnbringend die eigene Jugendarbeit und die Investition in griechische Spieler sein kann. Das zeigt sich am Beispiel OFI Kreta. Der Klub holte in der letzten Saison nach 39 Jahren Dürre wieder den griechischen Pokal. In den Europa-League-Playoffs gegen ZSKA Sofia (3:0 und 2:0) standen in den beiden Partien acht bzw. sieben Griechen in der Startelf. Eine Zahl, die bei griechischen Top-Vereinen eine Rarität darstellt.
Die EPO ging zum Start der neuen Saison noch einen Schritt weiter. In jedem Pokalspiel müssen künftig jeweils zwei griechische Spieler, die jünger als 23 sind, über die gesamte Spielzeit auf dem Platz stehen. Die neue Regelung stieß bei den einigen Vereinen auf Unmut, zeigt aber, wie ernst es die griechische Fußballwelt mit der Entwicklung von hauseigenen Talenten meint.
Griechen im Ausland als Verstärkung für die Nationalmannschaft
Nicht umsonst redet man in Griechenland jetzt schon von einer goldenen Generation. „Wir leben in einem goldenen Zeitalter und jeder Schritt, den sie machen, ist ein Aufstieg für die griechische Nationalmannschaft“, schrieb die griechische Sportzeitung Gazzetta im Zusammenhang mit den zwei Neuzugängen des BVB.
Bei der Nationalmannschaft hat man sich nach je drei verpassten Welt- und Europameisterschaften ebenfalls viele Gedanken gemacht, wie man das Ruder herumreißen kann. Und so begann die große Jagd auf griechische Staatsbürger im Ausland.
„Kosta“ Karetsas etwa gilt in Griechenland als Jahrhunderttalent. Geboren, aufgewachsen und ausgebildet wurde er aber in Belgien. Die Gespräche mit Griechenland-Coach Ivan Jovanovic sollen ausschlaggebend gewesen sein.
Der Serbe, der selbst lange in Griechenland und in Zypern tätig war, kennt sich bestens mit der griechischen Fußballkultur aus und hilft maßgeblich bei der Integration neuer Figuren in die Nationalmannschaft.
Seitdem hat der griechische Fußballverband weitere Fußballer mit griechischen Wurzeln „gescoutet“. Christos Zafeiris – ein klassischer Box-to-Box-Spieler – spielte in seiner gesamten Jugend für Norwegen und entschied sich 2024 für Griechenland. Der 2024 mit 31 Jahren verstorbene George Baldock verbrachte sein gesamtes Leben in England ehe er mit dem Versprechen auf Spielminuten von der EPO gelockt wurde.
Vangelis Pavlidis dürfte auch für so manche deutsche Fans ein bekannter Name sein. Er begann seine Karriere beim VfL Bochum und durchlebte eine kurze Station beim BVB. So richtig schlug er aber erst beim AZ Alkmaar ein, wo er Torschützenkönig in der Eredivisie wurde. So verdiente er sich einen Wechsel zum Benfica Lissabon. Beim neuen Klub von Bayern-Flop Joao Palhinha hat Pavlidis in den ersten acht Pflichtspielen dieser Saison bereits elf Tore erzielt.
Deutschland trifft mit Klopp auf das neue Griechenland
Die A-Nationalmannschaft durfte sich inzwischen auch schon wieder über erste kleine Erfolge freuen. In der Nations League arbeitete sich das Team nach sehr soliden Auftritten – inklusive eines Sieges gegen England – in die Liga A nach oben. Dort geht es am 27. September gegen die neuformierte DFB-Elf unter Bundestrainer Jürgen Klopp.
Durch bessere Leistungen in der Nations League darf Griechenland auch auf leichtere Losgruppen für die Quali hoffen, was wiederum vielversprechend mit Blick auf die EM-Qualifikation 2028 ist. Eine Teilnahme an der nächsten EM in Großbritannien und Irland soll das große Ziel sein. Das Teilnehmerfeld mit 24 Nationen sollte diese Aufgabe erleichtern.
Einen ersten Vorgeschmack auf den griechischen Aufschwung durfte der deutsche Nachwuchs bereits kosten, als die U21 in der Qualifikation für die kommende Europameisterschaft im letzten Oktober den Griechen mit 2:3 unterlag.