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"Lohnt sich das für diesen Zirkus noch? Boah, eher weniger!"

„Lohnt sich das für diesen Zirkus?“

Waldhof-Stürmer Terrence Boyd beendet im Sommer seine Karriere. Seine Laufbahn war geprägt von Höhen und Tiefen. In einem bemerkenswert offenen Interview mit SPORT1 blickt der US-Amerikaner zurück – und findet kritische Worte für das Geschäft Profifußball.
SV Waldhof Mannheim - 1. FC Saarbrücken: Tore und Highlights | 3. Liga
Waldhof-Stürmer Terrence Boyd beendet im Sommer seine Karriere. Seine Laufbahn war geprägt von Höhen und Tiefen. In einem bemerkenswert offenen Interview mit SPORT1 blickt der US-Amerikaner zurück – und findet kritische Worte für das Geschäft Profifußball.

Als Terrence Boyd am 2. Dezember bekanntgab, dass er nach der laufenden Saison in Diensten von Drittligist Waldhof Mannheim seine Karriere beendet, kam dies durchaus überraschend. Der 34-Jährige hatte zu diesem Zeitpunkt in den drei zurückliegenden Ligaspielen vier Treffer erzielt. Auch wenige Tage nach der Verkündung traf er im Derby gegen den 1. FC Saarbrücken entscheidend.

Seinen Entschluss hat der US-Amerikaner, der in seiner Karriere einige Höhepunkte durchlebte, aber auch bittere Rückschläge einstecken müssen, mit Bedacht gefasst. Im Vordergrund steht für ihn die Familie, wie es bereits bei vielen Entscheidungen zuvor der Fall war.

Im ausführlichen Interview mit SPORT1 spricht Boyd über Momente, in denen seine Laufbahn einen anderen Verlauf hätte nehmen können, und hadert insbesondere mit einer Phase, die für seine restliche Karriere wegweisend war.

Zudem blickt der Stürmer, der 90 Zweit- (21 Tore) und 152 Drittligaspiele (66 Tore) absolvierte, auf die Aspekte des Profifußballs, mit denen er sich niemals anfreunden können wird. Und stellt fest: Trotz allem ist er mit sich im Reinen.

„Lohnt sich das für diesen Zirkus Fußball überhaupt noch?“

SPORT1: Terrence Boyd, die Bekanntgabe, dass Sie nach der Saison Ihre Karriere beenden, liegt erst wenige Tage zurück. Gleichzeitig trafen Sie in der 3. Liga zuletzt regelmäßig. Welche Gedanken gehen Ihnen durch den Kopf?

Terrence Boyd: Dass jetzt - seit ich den Entschluss gefasst habe, aufzuhören - die Tore kommen und ich auf einmal wieder Stammspieler bin, ist natürlich irgendwie Ironie. Da kann man sich auch denken: ‘Warum war das vorher nicht so?’ Ich denke, das hängt auch damit zusammen, dass du befreiter bist und alles intensiver aufsaugst, weil du weißt, wie schnell es vorbei sein kann. Wenn ich mich heute im Training verletze und einen Monat raus bin, dann war es das fast schon. Das macht es umso schöner, weil ich diese Gedanken vorher nicht hatte. Es war ein Prozess über mehrere Monate. Sicherlich wäre es möglich gewesen, noch ein Jahr dranzuhängen, aber es ist einfach ein Zeitpunkt, der Sinn ergibt. Viele Faktoren haben dabei eine Rolle gespielt.

SPORT1: Wovon haben Sie die Entscheidung letztlich abhängig gemacht?

Terrence Boyd: Ich würde behaupten, dass ich bestimmt noch einen anderen Drittligisten im kommenden Sommer gefunden hätte. Aber will ich das überhaupt? Dann wäre ich weg von der Familie. Wir haben für uns klar gesagt, dass wir nicht mehr umziehen, sobald die große Tochter in die Schule kommt. Ich habe eine solche Erfahrung in meinem halben Jahr in Toronto gemacht (Februar-Juli 2019; Anm.d.Red.). Ich war alleine dort, das hat mich echt aufgefressen. Erst ein halbes Jahr später hätte die Familie nachziehen können. Aber dann kam das Angebot vom Halleschen FC und wir sind wieder nach Hause. Das hat mir gezeigt: Jetzt, wo Frau und Kinder dabei sind: Das schaffe ich nicht alleine! Wir wollen die Kinder nicht mehr aus ihrem Umfeld rausreißen. Wir sind jetzt zu Hause, haben unseren Lebensmittelpunkt rund um Heidelberg. Meine Frau ist von hier, Familie, Freunde. Das ist sehr, sehr wichtig. Und ein Wechsel würde bedeuten, wieder weg zu sein. Und da stelle ich mir die Frage: Lohnt sich das für diesen Zirkus Fußball überhaupt noch? Und meine Antwort war: boah, eher weniger.

SPORT1: Wie verliefen dann die Gespräche mit Waldhof Mannheim?

Boyd: Die haben locker angefangen. Es ging darum, ob sich der Verein vorstellen kann, dass ich im Nachwuchs eingebunden werde. Seit ich hier spiele, bin ich einmal in der Woche als Co-Trainer bei der U 17 und es macht eine Menge Spaß. Du siehst dich selbst in den Jungs und ich weiß, dass ich denen viel mitgeben kann. Ich weiß selbst, dass ich noch nicht das Gelbe vom Ei bin, was das Trainerdasein angeht, aber ich bin hungrig darauf zu lernen. Ich habe mit der Zeit gemerkt, dass es mir Spaß macht, die Jungs zu begleiten und ihnen Dampf unterm Hintern zu machen. Gleichwohl bin ich eigentlich fertig mit dem Geschäft. Das Geschäft ist leider viermal so schlimm, wie der Fußball schön ist. Es ist hinterfotzig, du bist nur eine Nummer, es gibt sehr viel Druck und viele Dinge sind ungerecht. Ich könnte mir zum Beispiel niemals vorstellen, als Berater zu arbeiten. Das bin nicht ich. Aber trotzdem will ich das machen – als Trainer in der Jugend arbeiten und zusätzlich als Stürmertrainer bei den Profis. Das ist eine Win-Win-Situation; ich kann weiterhin zuhause wohnen, meine Erfahrung weitergeben und mich selbst finden als Trainer. Dann werde ich in ein paar Jahren wissen: A: Kann ich das überhaupt gut? Und B: Will ich das auch überhaupt machen? Das werde ich erst wissen, wenn ich wirklich mal Cheftrainer in der Jugend bin. Das ist mit der B-Lizenz derzeit noch nicht möglich. Eine Sache muss ich zu meinem Karriereende noch loswerden.

SPORT1: Und zwar?

Boyd: Als klar war, dass im Sommer Schluss ist, da war mein erster Gedanke: ‘Geil, dann bin ich fertig.’ Da habe ich mich selbst erschrocken, wie sehr ich mich darauf gefreut habe, loslassen zu können und dann raus zu sein. Das war ganz komisch. Obwohl ich ja das Fußballspielen liebe, das Tore schießen liebe. Ich liebe auch den Druck auf dem Platz. Aber dieses ‘Dann bin ich fertig’ - das war sehr erlösend. Dazu kam: Ich habe ein paar Weggefährten, denen das Karriereende genommen wurde. Die keinen neuen Vertrag bekommen. Ich kann hingegen selbst entscheiden.

SPORT1: Also wäre es theoretisch auch eine Option gewesen, beim Waldhof noch ein Jahr dranzuhängen?

Boyd: Darüber haben wir gar nicht geredet. Sie wussten sicher auch, dass ich woanders noch spielen könnte. Aber als ich den Weg mit der Verhandlung mit Mannheim eingeschlagen habe, ging es auch wirklich nur um den Trainerjob. Jetzt haben wir spaßeshalber gesagt: Sollte ich noch 15-20 Tore schießen, dann müssen wir echt nochmal überlegen, ob wir nicht vielleicht doch noch ein Jahr als Standby-Profi dranhängen. Sollte es wirklich so kommen, können wir in einem halben Jahr nochmal drüber reden. Dann wäre ich bestimmt nicht abgeneigt. Aber prinzipiell bin ich gerade sehr fein mit meiner Situation.

„Ich war größtenteils glücklich in so einem ekligen Geschäft“

SPORT1: Sie klingen so, als wären Sie mit sich im Reinen, wenn Sie auf Ihre Karriere zurückblicken ...

Boyd: Das bin ich auf jeden Fall. Ich kann mit Stolz zurückblicken als Junge aus Bremen-Nord, den früher im Werder-Nachwuchs nie jemand zur Kenntnis genommen hat, obwohl er immer rein wollte. Und als ich dann entdeckt und von der halben Nachwuchs-Bundesliga gejagt wurde, da wollte Werder auch. Aber für mich ging die Reise los. Eigentlich finde ich es auch romantischer, immer beim selben Klub zu spielen. Aber die Umstände in diesem Geschäft machen das schwer. Da spielen immer mehrere Parteien rein. Wenn du einen vermeintlich falschen Karriereschritt gehst, wirst du schnell verteufelt von den Fans, dass ein Spieler nicht loyal ist. Aber wenn andersrum ein verdienter Spieler keinen neuen Vertrag kriegt, obwohl er es eigentlich verdient hätte, da sagt keiner etwas. Du musst sehr viel schlucken. Natürlich findet man immer Situationen, denen man nachtrauert. So ist ein Mensch nun einmal gepolt. Aber ich kann in den Spiegel schauen und war größtenteils glücklich in so einem – wie bereits gesagt – ekligen Geschäft. Das ist nicht so einfach, dass du jedem in diesem Business in die Augen schauen kannst. Ich bin immer gerade gewesen, das finde ich sehr wichtig. Es gibt allerdings schon den einen Moment, in dem mehr drin gewesen wäre, was Geld verdienen und das Spielen auf einem höheren Niveau angeht ...

SPORT1: Sie denken an Ihre Zeit bei RB Leipzig?

Boyd: Genau. Da nahm meine Karriere gerade so richtig Fahrt auf. Ich war Nationalspieler und habe knapp die WM 2014 verpasst.

SPORT1: Auch die Entwicklung rund um diese WM verlief sehr bitter ...

Boyd: Ich staple in der Regel tief und rede mich schlecht, aber da hätte ich eigentlich dabei sein müssen. Ich habe in der Europa League getroffen, bin im Sommer für zwei Millionen Euro gewechselt. Und stattdessen wurde ein 35-jähriger Stürmer aus der MLS mitgenommen, der dann beim Aus im Achtelfinale gegen Belgien kurz vor Schluss aus drei Metern das leere Tor nicht getroffen hat. Da dachte ich mir: ‘Gut, das hätte ich auch noch hingekriegt.’ (lacht)

„Dafür bin ich Jürgen Klinsmann sehr, sehr dankbar“

SPORT1: Sie haben zwischen 2012 und 2016 insgesamt 14 Länderspiele für die US-Nationalmannschaft bestritten. Das Debüt unter Jürgen Klinsmann war kurios.

Boyd: Auf jeden Fall! Wenn du dein Nationalmannschaftsdebüt vor deinem ersten Profispiel gibst, ist das schon lustig. Ich konnte es nicht wirklich glauben. Matthias Hamann, damals US-Scout und Bruder von Didi Hamann, meinte, dass ich anfangen soll, Italienisch zu lernen, weil ich wahrscheinlich in Italien dabei sein werde. Meine erste Reaktion war: ‘Bei aller Liebe. Ich habe noch nicht einmal einen Probevertrag und spiele bei den Dortmunder Amateuren in der Regionalliga.’ Aber es kam wirklich so und dafür bin ich Jürgen Klinsmann sehr, sehr dankbar. Aber diese Anekdote passt zu meinem Werdegang. Ich habe schließlich nicht die normale Karriere eingeschlagen als Jungprofi bei einem Bundesligisten. Und dann stehst du auf einmal gegen Chiellini und Pirlo auf dem Platz. Das hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht ausmalen können.

SPORT1: Das letzte Spiel für die USA absolvierten Sie im November 2016 ...

Boyd: Es hörte eigentlich komplett auf mit der Entlassung von Klinsmann. Danach kam Bruce Arena. Der hatte auch mal in einem Interview erzählt, dass er eigentlich keine Lust hat auf Spieler, die nicht in den USA aufgewachsen sind. Als er Trainer war, hatte er sich einmal kurz gemeldet und wollte mit mir reden, hat es aber letztlich doch nicht gemacht. Zu der Zeit war ich bei Darmstadt, hatte gerade mein erstes Bundesligator geschossen und vom Stürmerranking her hätte ich das nächste Mal auf jeden Fall dabei sein müssen. Dazu kam es aber nicht und da dachte ich mir schon, dass das Kapitel wahrscheinlich beendet ist. So ist das Geschäft. Du musst einfach Glück haben, dass jemand Bock auf dich hat. Umso mehr bin ich stolz auf die 14 Länderspiele und die Erfahrungen, die ich da sammeln durfte.

SPORT1: Springen wir nochmal zwei Jahre zurück: Bei Leipzig hatte Sie eine Verletzung zwei Jahre außer Gefecht gesetzt.

Boyd: Ich habe mir das Kreuzband angerissen, kam zurück und dann hat es das Kreuzband so richtig weggehauen. Und dann hatte ich das Pech, dass ich nach der OP eine Baker-Zyste bekommen habe. Die hat man nicht mehr in den Griff bekommen. Es folgten drei weitere OPs. Wenn die letzte nicht erfolgreich gewesen wäre, hätte ich mit 24 aufhören müssen. Das ist ein Moment, in dem du als Spieler auch nicht stecken willst. 24, das erste Kind ist auf dem Weg und es kann sein, dass du aufhören musst. Mir wurde aber von Leipzig gleich gesagt, dass ich mir keine Sorgen machen muss, wenn das so sein sollte. Ich könnte mir einen Job aussuchen und werde nicht fallen gelassen. Das ist nicht selbstverständlich und dafür bin ich insbesondere Ralf Rangnick sehr dankbar. Fairerweise muss ich sagen, dass ich danach zwei Jahre nicht der Alte war. Ich habe mich nicht wohlgefühlt. Und was auch noch keiner weiß ...

„Der Kreuzbandriss hat sehr viel kaputt gemacht“

SPORT1: Ja?

Boyd: Vor Darmstadt hätte ich eigentlich zu Huddersfield wechseln sollen - zu David Wagner, meinem ehemaligen Trainer von den Dortmunder Amateuren. Ich war schon zweimal da, der Vertrag war fertig. Ich sollte mir schon Haus und Wohnung aussuchen. Aber dann musste ich wegen des Knies nochmal zur MRT und der Arzt hat kein grünes Licht gegeben, weil er meinte, dass mein Knie die vielen Spiele in der Championship nicht schafft. Und ein halbes Jahr später sind sie in die Premier League aufgestiegen. Den Vertrag habe ich immer noch zu Hause liegen. Solche Erfahrungen tun schon weh. Der Kreuzbandriss hat sehr viel kaputt gemacht.

SPORT1: Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich wieder zu 100 Prozent wohl gefühlt haben?

Boyd: Das war erst 2019 in Halle. Das halbe Jahr zuvor in Toronto war auch nichts.

Ich war einfach noch nicht der Alte. Du hast keine Geduld mit dir selbst und die Leistung passt nicht zu dem, was eigentlich in dir steckt. Das war eine Art Reset mit Halle: 3. Liga, kein Druck und auf einmal kamen die Tore und die Form wieder. Das war schön, dass ich dadurch nochmal einen zweiten Frühling erleben durfte.

SPORT1: Nach dem Wechsel zum 1. FC Kaiserslautern im Januar 2022 gelang wenige Monate später der Aufstieg in die 2. Liga ...

Boyd: Das war eine sehr intensive und tolle Zeit, mit einem solchen Klub etwas Großes geschafft zu haben. Es ging für mich in den letzten Jahren einfach darum, es mir nochmal zu beweisen. ‘Du hast es doch drauf, du kannst auch in der 2. Liga kicken.’ Wir sind aufgestiegen und in der ersten Saison habe ich 13 Tore gemacht. Das sind Erinnerungen in deinem Leben, die du nicht missen willst. Natürlich weiß ich, dass der Wechsel zu Waldhof Mannheim für viele fragwürdig war, aber ich gehe damit ganz offen um. Es ist kein Geheimnis, wo ich die Jahre zuvor war, und genauso schätze ich es hier und bin dankbar, ein Zuhause gefunden zu haben. Und auch die Fans konnten nach anfänglichen Problemen größtenteils über die Rivalität hinwegsehen. Es wurde erkannt: ‘Der Boyd war zwar beim Rivalen, aber der reißt sich für uns den Arsch auf.’ Der Wechsel war die Entscheidung eines Familienvaters.

SPORT1: Die Entscheidung hat auch im FCK-Umfeld mit ein wenig Abstand wenig verbrannte Erde hinterlassen ...

Boyd: Das finde ich auch schön. Ich will die Zeit auch nicht verdrängen, weil ich sehr stolz drauf bin. Ich habe ein Lautern-Tattoo, deshalb muss ich mir oft genug noch was anhören. Und ich habe auch kein Problem, irgendwann noch ein Waldhof-Tattoo zu machen, wenn es einen Grund zum Feiern gibt. Es muss aber was ganz Prägendes sein. Dass mich nicht jeder Waldhöfer lieben wird, weiß ich auch. Das respektiere ich auch vollkommen. Aber ich denke, dass mich die meisten akzeptieren.