MSV-Trainer Hirsch: „Ich war völlig leer“
MSV Duisburg - FC Viktoria Köln (Highlights)
Er trägt den MSV Duisburg nicht nur im Herzen, sondern auch unter der Haut. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht Trainer Dietmar Hirsch über sein ungewöhnliches Tattoo, einen Moment völliger Leere und seinen großen Traum mit den Zebras.
Dietmar Hirsch ist weit mehr als nur der Erfolgstrainer des MSV Duisburg. Der 54-Jährige führte den Traditionsverein 2025 zurück in den Profifußball und hat mit seinen Zebras eine neue Euphorie entfacht.
Im exklusiven SPORT1-Interview spricht er über sein ungewöhnliches Tattoo, die dunkelsten Stunden seiner Trainerkarriere und seine besondere Beziehung zum MSV.
Dietmar Hirsch: Ein Zebra für die Ewigkeit
SPORT1: Herr Hirsch, andere Trainer tragen ihren Verein im Herzen. Sie tragen den MSV sogar unter der Haut. Wie kam es dazu?
Dietmar Hirsch: Als ich hier angefangen habe, stand beim Training jemand am Rand, der sehr tätowiert war. Da ich selbst schon das eine oder andere Tattoo hatte, sind wir ins Gespräch gekommen. Es stellte sich heraus, dass er Tätowierer in Duisburg und MSV-Fan ist.
Wir haben uns am Anfang der Saison unterhalten. Es war ja so, dass noch nie ein Verein, der aus der 3. Liga in die Regionalliga West abgestiegen war, direkt wieder aufgestiegen ist. Da dachte ich: Na ja, das Risiko ist vielleicht nicht ganz so groß. (lacht) Natürlich haben wir gehofft, dass wir es schaffen. Das war auch unser Ziel.
Dann sagte er: Wenn ihr aufsteigt, steche ich dir ein Tattoo umsonst. Und ich habe gesagt: Okay, dann lasse ich mir das Zebra draufmachen. Das haben wir vor dem ersten Meisterschaftsspiel abgemacht. Dann haben wir es geschafft. Zwei Männer, ein Wort. Also haben wir es durchgezogen.
Wir wollten gar keine große Geschichte daraus machen. Aber nach dem Aufstieg wurde das Ganze natürlich größer. Ich stehe dazu, völlig okay. Ich bin jetzt hier im zehnten Jahr. Ich glaube, dann kann ich auch ein bisschen von dem Verein zeigen.
Eine Liebe, die nie ganz vorbei war
SPORT1: Sie haben schon als Spieler das MSV-Trikot getragen, damals noch im alten Wedau-Stadion. 1998 standen Sie mit Duisburg im DFB-Pokalfinale. Was verbindet Sie mit dem MSV, das Sie bei keinem anderen Verein in dieser Form erlebt haben?
Hirsch: Ich war sieben Jahre Spieler hier. Die ersten fünf Jahre, von 1995 bis 2000, waren für mich der Durchbruch als Bundesligaspieler. Ich bin hierhergekommen, dann sind wir direkt aufgestiegen. Wir waren im Pokalfinale, im UI-Cup. Das vergisst man nicht. Dann bin ich von 2003 bis 2005 noch einmal zurückgekommen. Da lief es nicht mehr so gut. Irgendwie fühlte sich das für mich nicht abgeschlossen an.
Als ich Trainer wurde, habe ich natürlich die Vereine verfolgt, bei denen ich gespielt hatte. Du hast immer eine emotionale Bindung. Aber beim MSV hatte ich ständig im Hinterkopf: Hey, du willst irgendwann noch einmal in dieses Stadion.
Natürlich nicht mehr als Spieler, sondern als Trainer. Wir hatten unseren Lebensmittelpunkt immer hier in der Nähe, am Niederrhein, 30, 40 Kilometer von Duisburg entfernt. Ich habe den Verein deshalb auch aus der Ferne immer beobachtet. Wenn man so lange bei einem Klub war, sich dort durchgesetzt und eine gewisse Wertigkeit hatte, dann bleibt diese Verbindung einfach bestehen.
SPORT1: War Ihre Rückkehr zum MSV als Trainer deshalb auch eine Herzensangelegenheit?
Hirsch: Irgendwann hat sich das über viele Umwege ergeben. In der 3. Liga hat es nie geklappt. Da hat man es mir wahrscheinlich nicht zugetraut. Dann war es wie ein Wink des Schicksals: Wir sind mit Bocholt Zweiter geworden, Duisburg ist abgestiegen. Plötzlich passte eins zum anderen. Vielleicht sollte das so sein.
Vom Abstieg zur neuen Euphorie
SPORT1: Aus dieser besonderen Verbindung ist inzwischen eine außergewöhnliche Erfolgsgeschichte geworden. Der Aufstieg aus der Regionalliga, diese wunderbaren Bilder aus Mönchengladbach, als das Stadion praktisch zu einer Zebra-Arena wurde. Haben Sie manchmal selbst Schwierigkeiten zu begreifen, was Sie mit Ihrer Mannschaft bis heute geleistet haben?
Hirsch: Nö, ich genieße das einfach. Ich weiß, dass es im Fußball ganz schnell andersherum gehen kann. Aber so erfolgreich zu sein mit allen, die daran beteiligt sind, ist schon außergewöhnlich. Wir arbeiten allerdings auch hart und gut. Nur Leute nett zu behandeln, reicht nicht.
Wir haben ein sehr gutes Team drumherum, in allen Bereichen des Vereins. Jeder hat seinen Anteil an diesem Erfolg, ob auf dem Platz oder auf der Geschäftsstelle. Es ist nie einer alleine. Ich finde, man sollte nicht zu viel nachdenken. Wenn man in einer Abwärtsspirale steckt, muss man versuchen, sie schnell zu durchbrechen.
Und wenn man erfolgreich ist, sollte man einfach weitermachen wie bisher. Gleich bleiben, nicht durchdrehen, auf dem Boden bleiben, fleißig bleiben. Das kriegen wir ganz gut hin. Und die Jungs setzen das Woche für Woche auf dem Platz um.
„Ich habe noch geatmet, sonst nichts mehr wahrgenommen“
SPORT1: Zu dieser Erfolgsgeschichte gehören allerdings auch schmerzhafte Momente. Wenn Sie heute an den dramatischen letzten Spieltag der vergangenen Saison zurückdenken: Welche Bilder haben sich bei Ihnen eingebrannt, welche Gefühle kommen dabei noch hoch?
Hirsch: Gefühle kommen gar nicht mehr hoch. Aber ich kann mich natürlich noch an den Pfostenschuss kurz vor Schluss erinnern. Als das Spiel zu Ende war, war ich so leer wie wahrscheinlich noch nie im Sport. Das war gefühlt sogar schlimmer als damals im DFB-Pokalfinale gegen Bayern (1997/98, mit Hirsch als MSV-Spieler, Anm. d. Red.). Da hatten wir alles gegeben. Irgendwann fiel das 2:1 für Bayern, dann sind wir hinterhergelaufen, und schließlich kam der Abpfiff.
Man hat relativ schnell realisiert, dass es ein geiles Finale war, das wir leider verloren hatten. Aber man konnte es akzeptieren. Diesmal war es anders. Wir gehen nach jedem Spiel mit den Jungs in den Kreis. Aber zunächst saß ich einfach nur auf der Bank. Ich habe noch geatmet, sonst aber nichts mehr um mich herum wahrgenommen. Dann sind wir in den Kreis gegangen. Das war das erste Mal, dass ich gesagt habe: Jungs, ich kann heute nichts sagen. Ich war selber völlig leer. Ich glaube, den anderen ging es genauso.
SPORT1: Nach einer solchen Enttäuschung muss es unglaublich schwer gewesen sein, die Mannschaft wieder aufzurichten.
Hirsch: Relativ schnell waren wir auch stolz darauf, eine so geile Saison gespielt zu haben. Man musste das Ergebnis akzeptieren. Ich sage immer: Die Tabelle lügt nie. Wir waren Vierter, also war das auch gerecht. Die anderen standen zu Recht vor uns. Eine Woche später hatten wir noch das Pokalfinale. Für den DFB-Pokal waren wir als Tabellenvierter schon qualifiziert, aber wir wollten unbedingt diesen Titel, weil wir im Jahr davor das Finale verloren hatten.
Wir haben mit den Jungs gesprochen, versucht, alles schnell aufzuarbeiten, und dann das Pokalfinale vor noch einmal über 20.000 Fans gegen einen Oberligisten gewonnen. Danach hatten wir Urlaub und sind wieder neu gestartet. Wahrscheinlich hat uns diese Enttäuschung eher stärker gemacht. In der Vorbereitung war das überhaupt kein Thema mehr, obwohl viele Spieler dabei waren, die alles miterlebt hatten. Von Anfang an hatten wir eine Top-Stimmung, gute Laune und haben hart gearbeitet. Man muss so etwas akzeptieren, das Krönchen zurechtrücken und weitermachen.
Hirsch: Man kann nicht von jedem gemocht werden
SPORT1: Gerade in solchen schwierigen Momenten kommt es auch auf den Umgang mit den Spielern an. Was ist Ihnen dabei wichtiger: dass sie Sie respektieren, dass sie Ihnen vertrauen oder dass sie Sie mögen?
Hirsch: (lacht) Mögen ist wahrscheinlich das Unwichtigste. Natürlich möchte jeder Mensch gemocht werden. Aber wir sind hier, wenn man es hart sagt, eine Zweckgemeinschaft auf Zeit. Das muss man einfach so sehen. Ich habe zu einigen wenigen Spielern aus meinen früheren Vereinen noch Kontakt. Aber das ist nicht die Masse. Irgendwann zieht jeder weiter. Auch der Trainer geht irgendwann zu einem anderen Verein. Das ist alles zeitlich begrenzt.
Ich muss dafür sorgen, dass ganz viele Ich-AGs gemeinsam auf dem Platz stehen und ein gemeinsames Ziel verfolgen. Jeder muss wissen, dass er vom anderen abhängig ist. Man braucht sich gegenseitig und muss sich unterstützen. Respekt ist mir sehr wichtig. Der hat auch damit zu tun, wie ich als Trainer mit den Spielern umgehe. Dass man Respekt voreinander hat und füreinander da ist, ist mir das Wichtigste.
Der große Traum von der 2. Bundesliga
SPORT1: Dürfen Ihre Spieler den Traum vom Aufstieg genauso offen aussprechen wie die Anhänger?
Hirsch: Na klar. Man muss doch einen Traum haben! Ziel, Traum, Vision – es ist doch völlig egal, wie man das nennt. Wir spielen in erster Linie um die Tabelle. Wir sind letztes Jahr Vierter geworden. Natürlich haben wir da schon geträumt. Und jetzt träumen wir auch. Aber um so ein Ziel zu erreichen, musst du im Sport alles dafür tun. Du bekommst nichts geschenkt.
Du musst fleißig sein und mehr machen als die anderen. Wir sind letztes Jahr relativ schnell nach oben gekommen und Vierter geworden. Die Qualität meiner Mannschaft besteht im Moment darin, sich oben zu halten und diese Position immer wieder zu verteidigen.
SPORT1: Ist es eigentlich schwieriger, nach oben zu kommen, oder sich dort dauerhaft zu behaupten?
Hirsch: Aktuell sieht es sogar noch ein bisschen positiver aus. Aber du bist der Gejagte. Da deinen Mann zu stehen, mit der Verantwortung und dem Druck umzugehen und immer Topleistungen zu bringen, das ist schon cool. Das musst du durchziehen. Dann darf jeder träumen. Wir träumen ja auch davon, um Gottes willen! Es wäre doch schlimm, wenn ich nicht die Idee hätte, in die 2. Liga zu gehen, speziell als Trainer. Und im Optimalfall natürlich mit dem MSV. Das ist doch klar.
Hirsch: „Wenn ich verliere, bin ich unausstehlich“
SPORT1: Wie lange dauert es nach einem Spiel, wenn Sie abends nach Hause kommen, bis Sie wieder einfach der Didi sind und nicht mehr der Trainer des MSV Duisburg?
Hirsch: Das hört wahrscheinlich 24/7 nicht auf. Ich bin immer Trainer und habe immer irgendetwas im Kopf. Ich werde auch nachts oft wach. Wenn ich verloren habe, ist es schlimmer. Dann bin ich unausstehlich. Unsere Kinder sind zum Glück groß und aus dem Haus. Meine Frau kriegt es dann alleine ab. (lacht) Sie weiß auch, dass ich überhaupt nicht verlieren kann. Egal wobei, egal, worum es im Leben geht.
Ich bin aber schon ein besserer Verlierer geworden. Ich kann jetzt zum Beispiel nach einer Niederlage meinem Trainerkollegen die Hand geben und gratulieren. Das ist schon ein Anfang für mich. (lacht) Es ist ganz einfach: Wenn ich gewinne, ist die ganze Woche gut. Wenn ich verliere, sind die ersten zwei, drei Tage richtig scheiße.
SPORT1: Wenn eines Tages alles vorbei ist – nicht das Leben, sondern Ihre Trainerkarriere –, was wäre Ihnen wichtiger? Dass die Menschen sagen: Der Didi war ein großartiger Trainer? Oder dass sie sagen: Er war einfach ein großartiger Mensch?
Hirsch: Das gehört wieder zusammen. Ich glaube, ein großartiger Trainer wird nicht nur an Erfolgen und blanken Ergebnissen gemessen. Wie ich gesagt habe: Du musst die Leute begeistern. Das heißt, du musst auch ein ganz guter Mensch sein. Ich möchte einfach, dass sich die Leute positiv an mich erinnern.
Egal, was irgendwann passiert, ob ich gehe, weil ich so erfolgreich bin, oder weil es vielleicht eine Durststrecke gibt: Ich möchte, dass man sich positiv an die Zeit hier erinnert. Wenn ich irgendwann noch einmal ins Stadion komme, möchte ich, dass man über diese Zeit spricht und würdigt, dass wir den Spielverein mit mir als Cheftrainer wieder zum Leben erweckt haben.