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Macht Kimmich sein Image kaputt?

Macht Kimmich sein Image kaputt?

Sein Impf-Geständnis rückt Joshua Kimmich unfreiwillig in den Brennpunkt. SPORT1 beleuchtet, welche Folgen dem Starspieler des FC Bayern daraus zu erwachsen drohen.
Joshua Kimmich sorgt für Wirbel. Felix Magath stellt sich vor den ungeimpften Bayern-Profi.
Christian Paschwitz
Christian Paschwitz
von Christian Paschwitz

Vollblut-Profi beim FC Bayern, verdienter Nationalspieler, Fan-Liebling und obendrein Vorbild für viele:

Das Standing von Joshua Kimmich ist enorm, auch über die Grenzen des Fußballs hinaus - zumindest war das bis zu diesem Wochenende so.

Die Aufregung darüber ist groß, die gesellschaftliche Debatte mit einem breiten Meinungsspektrum voll entbrannt - nicht zuletzt auch deshalb, weil Kimmich stets das Etikett anhaftete, Vorreiter im Kampf gegen die Pandemie zu sein.

Ist der Weltklasse-Sechser trotz seiner Impfverweigerung nach wie vor eine Identifikationsfigur, wie der frühere Bundesliga-Trainer Felix Magath im STAHLWERK Doppelpass auf SPORT1 befand? (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Oder hat Kimmich sich selbst geschadet, darüber hinaus womöglich gar den Bayern, wie andere meinen? SPORT1 beantwortet die wichtigsten Fragen zur Causa Kimmich.

Ist Kimmich ein kategorischer Impfgegner?

Er sei keineswegs „ein Corona-Leugner oder Impf-Gegner“, erklärte der Bayern-Star am Samstag nach dem 4:0 gegen die TSG Hoffenheim bei Sky.

Kimmich fügte an, es gebe „nur noch ‚geimpft‘ oder ‚nicht geimpft‘. Und ‚nicht geimpft‘ bedeutet dann oftmals gleich, dass man irgendwie Corona-Leugner oder Impf-Gegner ist.“

Er verwies dabei auf andere Menschen, die wie er „einfach ein paar Bedenken haben – was auch immer die für Gründe haben. Und ich finde, auch das sollte man respektieren.“

Seine persönlichen Bedenken stellten sich so dar, sagte Kimmich, „weil ich einfach für mich warten will, was Langzeitstudien angeht.“

Der FC Bayern trifft weiterhin wie am Fließband - bereits 33 Tore sind auf dem Konto der Münchner. Auch gegen die TSG Hoffenheim gewinnt der Rekordmeister deutlich mit 4:0.
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Im Video: Lewy-Traumtor krönt nächste Bayern-Gala

Allerdings trat er Behauptungen entgegen, „dass ich mich überhaupt nicht impfen lasse.“ Es sei „auch sehr gut möglich, dass ich mich in Zukunft impfen lasse.“

Warum konkret lässt sich Kimmich nicht impfen?

Vom Vorteil eines Vakzins vermochte Kimmich bisher offenbar selbst Prof. Dr. Roland Schmidt nicht zu überzeugen: Der Team-Internist hatte die Bayern-Stars immer wieder aufgeklärt, die Mehrheit der Mannschaft entschied sich schließlich für eine Impfung.

Kimmich wiederum soll Informationen der Bild zufolge seine Hoffnungen lieber in einen so genannten Totimpfstoff mit vermehrungsunfähigen Viren legen, an dem aktuell geforscht wird.

Angeblich soll dessen Wirksystem im Unterschied zu den mRNA- und Vektor-Impfstoffen seltener Nebenwirkungen hervorrufen.

Eine EU-Zulassung für einen solchen Totimpfstoff, der seit langem bereits gegen Grippe (Influenza), Kinderlähmung oder Tetanus eingesetzt wird, ist im Kampf gegen eine Corona-Infektion indes nicht vor dem kommenden Frühjahr zu erwarten, so dass Kimmich bis dahin möglicherweise ungeimpft bleibt.

Ist Kimmich über Corona nach wie vor schlecht informiert?

Infolge seiner Initative „WeKick Corona“ mit Teamkollege Leon Goretzka, die durch das Virus in Not geratene Menschen dank karitativer Einrichtungen und gemeinnütziger Zwecke unterstützt, erweckte Kimmich bisher stets den Anschein, sich mit der Pandemie womöglich gar intensiver auseinandergesetzt zu haben als manch anderer.

Die Spendenaktion "We Kick Corona" von Leon Goretzka und Joshua Kimmich schlägt ein. Zahlreiche Kicker folgen dem Beispiel der Bayern-Stars.
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"We kick Corona" schlägt ein - Diese Stars folgen Goretzka und Kimmich

Das darf allerdings angezweifelt werden, wenn Kimmich seine Impfverweigerung dadurch zu relativieren sucht, er sei sich „meiner Verantwortung bewusst. Ich halte mich natürlich an die Hygienemaßnahmen.“ (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Ungeimpfte Spieler im Verein wie er, wodurch Kimmich auch einen entsprechenden Bericht der Bild über weitere Impf-Skeptiker bestätigte, würden „alle zwei, drei Tage getestet.“

Nicht wirklich besser macht es der Nationalspieler mit dem finanziellen Verweis darauf, dass das „in meinem Fall zum Glück noch der FC Bayern bezahlt. Aber falls das nicht mehr so wäre, würde ich das natürlich selber zahlen.“

Überdies konterkariert Kimmich sein eigenes Initative-Credo (“Weil Gesundheit über allem steht, ist Solidarität notwendig. Im Großen und auch im Kleinen“). Die gegenwärtig vermehrten Impfdurchbrüche als Argument gegen eine Prävention durch ein Vakzin anzuführen, sorgt ebenfalls für Kopfschütteln.

Geimpfte ließen „sich natürlich nicht mehr testen. Die merken das nicht, wenn sie es in sich tragen. Und wie wir wissen, kann man es ja immer noch verbreiten“, so Kimmich.

2G für Zuschauer: Kann man Kimmich nicht zum Impfen verpflichten?

Für die Fans in den Stadien gilt vielerorts das 2G-Modell (geimpft oder genesen). Dass sich Unmut darüber regen mag, wenn Kimmich auf dem Feld dagegen ungeimpft seiner Profession nachgeht, ficht den 26-Jährigen kaum an.

Kimmich verteidigt sich: „Ich weiß jetzt nicht, wie das bei anderen Leuten ist, die ins Büro gehen. Da ist sicherlich nicht in jedem Job 2G. Hier sind wir auch noch an der frischen Luft. Da sagt man ja auch, dass die Ansteckungsgefahr geringer ist.“

Womit der Bayern-Star einen Widerspruch enttarnt, wie Prof. Dr. Karl Lauterbach einräumt. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

„Fußballer sind am Ende nichts anderes als – wenn auch gut bezahlte – Beschäftigte. Der Zuschauer muss 2G nachweisen, derjenige aber, der für das Entertainment zuständig ist, der kann zu 2G nicht gezwungen werden“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte im STAHLWERK Doppelpass. „Da ist als eine Lücke, die für den normalen Zuschauer schwer begreiflich ist.“

Karl Lauterbach gibt im STAHLWERK Doppelpass seine Meinung über den ungeimpften Joshua Kimmich kund.
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Lauterbach: Kimmich kann nicht zu 2G gezwungen werden

So oder so: Zu einer Impfung kann man Kimmich hierzulande keineswegs zwangsverpflichten. Auch Lauterbach hält es für falsch, Druck aufzubauen. Dennoch hielte er eine Impfung Kimmichs für „wertvoll, denn davon geht eine enorme Symbolwirkung aus für junge Leute, die epidemologisch ein Problem darstellen.“

Wie kommt Kimmichs Haltung bei der Mannschaft an?

„Es ist ein schmaler Grat, eine ethische, eine moralische Diskussion. Ich bin Impf-Freund! Und ich hoffe, dass sich die Spieler, die jetzt noch nicht geimpft sind, das noch anders überlegen und sich ein Herz fassen“, meint Thomas Müller. „Von meinem Wissensstand her ist die Impfung dafür die beste Möglichkeit.“

Der Impfstatus von Joshua Kimmich wird vor dem Spiel des FC Bayern gegen die TSG Hoffenheim zum Thema. Teamkollege Thomas Müller hat nach dem Spiel einen Rat für Kimmich parat.
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Das rät Müller Kimmich

Der Vize-Kapitän sagt aber ebenso: „Als Freund ist das eine absolut akzeptable Entscheidung. Das soll jeder für sich selbst entscheiden.“

Ähnlich formuliert es Manuel Neuer: „Ich habe mich impfen lassen und ich denke, dass es für uns auch alle unabdingbar ist, dass wir heute so viele Zuschauer in Arena hatten. Aber das ist die Sache von jedem selbst.“

Wie ist das öffentliche Echo auf Kimmich?

Die Kommentatoren sind sich ziemlich einig, äußern ihr Unverständnis über Kimmich und werfen ihm Verantwortungslosigkeit und Verharmlosung im Umgang mit Corona vor.

Häufig ist im Zusammenhang mit seiner Stiftung auch von Doppelmoral die Rede, mitunter wird gar ein Berufsverbot als Fußballer sowie ein härteres Durchgreifen von Vereinsseite gefordert. (KOMMENTAR: 2G oder Berufsverbot für Kimmich & Co.?)

„Ich hoffe, dass die Verantwortlichen des FC Bayern jetzt auf ihn Einfluss nehmen können“, sagte auch SPORT1-Experte Stefan Effenberg im STAHLWERK Doppelpass - und gab angesichts Kimmichs Verweigerung zu bedenken: „Fatal wäre es, wenn er mal ausfallen würde.“

Kimmich müsse zudem „überlegen, dass er ja auch in die Kabine geht, wenn er sagt, er übt seinen Job nur an der frischen Luft aus.“

Allerdings bekommt Kimmich auch Rückendeckung. Ex-Bundesliga-Trainer Felix Magath erklärte: „Dass er sich nicht impfen lässt, macht Kimmich nicht zu einem schlechteren Menschen.“

Für Magath ist es unverständlich, „warum wir einem Menschen nicht seine Meinung gönnen. Warum soll er denn jetzt kein Vorbild mehr sein, nur weil er seine Meinung hat?!“

Lauterbach hält indes dagegen: „Gerade die Topspieler sind Vorbild für andere.“

Julian Nagelsmann ist, trotz Impfung, an Corona erkrankt. Der Bayern-Coach äußert sich auf der virtuellen Pressekonferenz über seine ungeimpften Spieler.
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Das sagt Nagelsmann zu den ungeimpften Bayern-Spielern

Hat Kimmich nun ein (Image-)Problem?

Das ist schwer zu sagen - und wird wohl auch davon abhängen, ob Kimmich nun doch noch die Kurve kriegt.

„Ich persönlich war davon ausgegangen, dass er selbstverständlich geimpft ist“, sagt Lauterbach, der Kimmich als „ganz tollen Spieler“ schätzt, weil der Rechtsfuß „einer derjenigen“ sei, „die sich gegen Corona engagieren, er spendet für ärmere Länder.“

Doch Kimmichs Image hat nun Kratzer. „Es ist nicht gut, dass er nicht geimpft ist. Wenn er sagt, er wartet ab, dann ist das schwierig.“

Zumal Kimmich so zwangsläufig instrumentalisiert werden dürfte: „Ein großer Teil derjenigen, die sich bisher noch nicht haben impfen lassen, sind leider auch Impfgegner“, so Lauterbach.

Karl-Heinz Rummenigge rechnet bei Kimmich („Er ist ein total verantwortungsbewusster Mensch und Spieler“) jedoch mit einer baldigen Impfung - und macht ihm durchaus Druck.

„Ich bin überzeugt, das hat er ja auch angekündigt, dass er möglicherweise zeitnah sich jetzt impfen lässt“, sagte Bayerns langjähriger Vorstandsboss bei Bild-TV. „Als Vorbild, aber auch als Fakt wäre es besser, er wäre geimpft.“

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