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„Schaden durch Kimmichs Verhalten groß“

„Schaden durch Kimmichs Verhalten groß“

Das Spitzenspiel zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern steht bevor. Michael Henke, der zu beiden Klubs eine besondere Beziehung hat, äußert sich im SPORT1-Interview zum Duell.
Julian Nagelsmann weiß genau worauf es im Klassiker zwischen dem BVB und Bayern ankommt und hat einen genauen Plan um Superstürmer Erling Haaland zu stoppen.
Reinhard Franke
Reinhard Franke
von Reinhard Franke

Die Vorfreude auf den deutschen Klassiker zwischen Borussia Dortmund und dem FC Bayern scheint wegen der spannenden Tabellenkonstellation so groß wie selten zu sein. (Bundesliga: BVB - FC Bayern, Samstag ab 18.30 Uhr im LIVETICKER).

Michael Henke hat zu beiden Klubs eine besondere Beziehung. Von 1989 bis 1998 arbeitete er bei den Schwarz-Gelben als Assistenztrainer, von 1998 bis 2004 war er bei den Bayern Co-Trainer.

Im SPORT1-Interview spricht der 64-Jährige über das Gipfeltreffen - und benennt die Probleme beider Teams.. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Herr Henke, man hat das Gefühl, dass der Klassiker dieses Mal wirklich etwas Besonderes ist, oder?

Michael Henke: Auf jeden Fall. Jeder Fußballfan wünscht sich eine spannende Bundesliga. Bei allem Respekt vor dem FC Bayern. Jetzt hat man wirklich dieses Gefühl, dass für den BVB eine große Chance da ist, weil die Bayern auch einige Probleme haben. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Henke: „Bayern hat ein paar Probleme mehr“

SPORT1: Beide Teams müssen auf Leistungsträger verzichten, bei den Bayern wiegt das Fehlen von Joshua Kimmich schwer. Auch personell sind beide Teams gebeutelt.

Henke: Ja, das stimmt. Aber Bayern hat ein paar Probleme mehr. Allerdings haben sie diese Probleme in der Vergangenheit besser kompensiert, als das teilweise der Borussia gelingt. Wenn ein Haaland ausfallen würde, wäre das schwieriger, als wenn Lewandowski mal ausfallen würde. Der große Unterschied ist, dass die Bayern mit Personalsorgen besser umgehen können.

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SPORT1: Haaland soll wohl doch spielen. Er ist natürlich die große Hoffnung der Dortmunder.

Henke: Die Dortmunder tun sich schwer, zentrale Spieler wie auch Hummels zu ersetzen. Wobei bei Haaland kommt ja hinzu, dass er der Motor der Mannschaft ist. Er macht nicht nur die Tore, sondern man hat den Eindruck, wenn er spielt, dass die Mannschaft dann von der Mentalität ein paar Prozent mehr bringt.

SPORT1: Seit November 2018 ist dem BVB kein Sieg mehr gegen die Bayern gelungen. Warum könnte es dieses Mal klappen? (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Henke: Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich sagen, dass ich mir auch eine spannende Liga wünsche. Kimmich und womöglich auch Goretzka zu ersetzen, wird aber alles andere als leicht. Irgendwann hört es auch bei Bayern auf. Aber ich glaube dennoch, dass die Bayern wieder auf den Punkt genau da sein werden.

SPORT1: Für wen schlägt Ihr Herz eigentlich mehr?

Henke: Ich bin hin und her gerissen. Da ich sehr lange im Süden war, bin ich schon eng mit den Bayern verbunden, habe auch noch viele Freunde dort. Aber ich bin Ostwestfale, bin da oben geboren, habe in Bochum studiert und finde die Ruhrgebiets-Mentalität einschließlich ihrer Klubs einfach klasse. Das ist für mich das Herz des Fußballs.

„FC Bayern hat mehr finanzielle Potenz“

SPORT1: Was fehlt dem BVB zu den Bayern?

Henke: Das ist relativ klar. Wenn die Bayern Leistungsträger haben, sind sie auch in der Lage, diese lange halten zu können. Das gelingt dem BVB nicht so sehr. So eine Diskussion wie bei Haaland würde es bei Lewandowski nicht geben, er bleibt halt in München. Und Haaland nach dem Aus in der Champions League halten zu können, da habe ich meine Zweifel. Die Bayern haben nun mal noch mehr finanzielle Potenz. Das ist der größte Unterschied zwischen dem BVB und Bayern.

SPORT1: Wird der BVB in zehn Jahren wieder nicht Meister?

Henke: Das hoffe ich nicht, weil das nicht gut sein kann für den deutschen Fußball. Wenn es einen richtigen Meister neben den Bayern gibt, dann ist das für mich Borussia Dortmund. Der BVB wäre ein würdiger Meister und man wäre einfach mal wieder dran.

SPORT1: Wie sehen Sie die Fan-Situation beim BVB? Der Klub hatte zunächst alle bereits verkauften Tickets für das Topspiel am Samstag storniert. Das waren immerhin 67.000 Tickets.

Henke: Das ist Wahnsinn. Auch das tut den Dortmundern jetzt mehr weh als den Bayern. Bei dem Spiel wären die Zuschauer für den BVB ein großes Pfund gewesen. Das ganze Chaos verstehe ich nicht so ganz, weil ich finde, dass es bei aller Notwendigkeit nur ein politisches Signal ist. Aber die Zahlen sagen leider etwas anderes. Beim Fußball infiziert sich normalerweise keiner und deshalb würde ich mir wünschen, dass ein Teil der Zuschauer zugelassen wird.

Kein Verständnis für Kimmich

SPORT1: Bei den Bayern gab es auch eine Corona-Thematik, allerdings betraf diese die Spieler. Stichwort Gehaltskürzungen. Finden Sie das richtig?

Henke: Für mich ist das Thema klar. Ich verstehe nicht, wenn sich einer nicht impfen lässt. Der Schaden durch Kimmichs Verhalten ist jetzt schon groß. Sowohl in den vergangenen Wochen wie auch jetzt am Samstag, wo er fehlen wird. Da würde ich mir eine andere Verantwortlichkeit wünschen. Ich finde es gut, dass vom Verein dann auch Klartext kam. Da geht es auch um Solidarität mit der Mannschaft.

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SPORT1: Hätten Sie Kimmich früher und härter bestraft?

Henke: Ich hätte mir bei der ganzen Debatte deutlichere Ansagen gewünscht. Gerade in einem Berufsfeld wie dem Fußball, wo es viel Kontakt zu anderen Menschen gibt, sollte man von einer Impfpflicht ausgehen. Das wäre sinnvoll, wenn es rechtlich wohl auch nicht umsetzbar ist. Die Fußballer müssen einfach mit gutem Beispiel vorangehen.

SPORT1: Wie stehen Sie zu der ganzen Katar-Thematik beim FC Bayern?

Henke: Ich habe auch da eine klare Meinung. Ein Vorstand oder ein Aufsichtsrat wird für eine gewisse Periode demokratisch gewählt. In dieser Zeit bestimmen diese Herren das Management des Klubs und schließen auch solche Verträge zum Wohle des Vereins ab. Wenn man damit nicht einverstanden ist, muss man demokratisch diskutieren und den Vorstand, der das zu verantworten hatte, bei der nächsten Wahl abwählen. Diese Schreierei kann ich nicht nachvollziehen. Zumal man bei einem Klub, bei dem seit Jahrzehnten wirtschaftlich wie sportlich eine top Arbeit abgeliefert wird, sachlicher diskutieren können müsste. Ich würde den Verein handeln lassen. Der FC Bayern sollte etwas geschickter mit den Fans kommunizieren.

Rose und Terzic: „Zwei klasse Trainer“

SPORT1: Finden Sie, dass Oliver Kahn zu ruhig ist? Er hat lediglich via Twitter kommuniziert, mehr kam nicht von ihm.

Henke: So wie ich Olli kenne, wirkt er vor allem nach innen und ist jetzt nicht dafür bekannt, dass er der Lautsprecher ist, zum richtigen Zeitpunkt etwas raushaut und groß nach außen hin auftritt. Das wird er schon auch mal machen, da hat er auch keine Scheu. Ich finde sein Vorgehen sehr gut. Er bewahrt Ruhe, spricht Dinge an und geht dann auch damit an die Öffentlichkeit. Aber er muss seine Arbeit nicht permanent nach außen tragen.

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SPORT1: Wir werden wieder sportlich. Vergleichen Sie doch mal Marco Rose und Edin Terzic...

Henke: Das sind zwei klasse Trainer, die sehr jung sind und dynamisch und innovativ arbeiten. Beide passen sehr gut zum BVB. Ich fand auch die Entscheidung von Terzic im Sommer richtig, dass er nicht als Co-Trainer mit ins Roses Team gegangen ist. Er wird seine Karriere so oder so machen, davon bin ich fest überzeugt. Ich finde beide Trainer sehr interessant, beide sind sich in einem Punkt auch ähnlich, nämlich, dass sie einen guten Draht zum Team haben. Es ist wichtig, die Mannschaftsführung zu beherrschen. Das ist bei beiden der Fall. Sonst hätte Terzic die Mannschaft nicht so schnell hinter sich gekriegt. Und bei Rose ist es ähnlich.

SPORT1: Könnte es am Samstagabend bei einer Niederlage nicht doch auch eng werden für Rose?

Henke: Das glaube ich nicht. Das wäre auch das falsche Signal. Insgesamt ist seine Arbeit gut. Die Probleme hängen eher mit dem Kader und verletzten Spielern zusammen. Die Arbeit von Rose mit dem Team bereitet gar keine Probleme.

Haaland-Verbleib beim BVB? „Das glaube ich nicht“

SPORT1: Und wie beurteilen Sie Nagelsmanns Arbeit?

Henke: Man kann ihn gar nicht genug loben. Er gefällt mir sowieso bei seinen Statements vor der Kamera - auch wenn er über Probleme im Klub sprechen muss. Das wirkt nie aufgesetzt, sondern immer ehrlich, gerade heraus und souverän. Und es gab ja einige Problemchen. Die Ausgeglichenheit zwischen Offensive und Defensive ist noch nicht so gelungen, aber Julian betont ja auch immer, dass es ein Entwicklungsprozess ist. Ich finde, er passt sehr gut zum FC Bayern. Und er ist noch ein sehr junger Trainer.

SPORT1: Kann es überhaupt gelingen, dass der BVB Erling Haaland über die Saison hinaus halten kann? (Zorc im SPORT1-Interview: So wollen wir Haaland überzeugen)

Henke: Das glaube ich nicht. Dazu ist er mit diesen 70 oder 75 Millionen Euro zu günstig. So bescheuert sich das auch anhört. Aber das früher Aus in der Champions League trägt dazu bei, dass es unwahrscheinlicher wird, den Jungen halten zu können.

SPORT1: Was tippen Sie für Samstag?

Henke: 2:1 für die Bayern.

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