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Schlotterbeck: Wen reizen die Bayern nicht?

Schlotterbeck: Wen reizen die Bayern nicht?

Nico Schlotterbeck hat sich in Freiburg einen Namen gemacht und wird sogar von Bayern-Coach Julian Nagelsmann gelobt. Der Freiburg-Verteidiger spricht bei SPORT1 über seine Entwicklung.
Nico Schlotterbeck liebäugelt mit einem Wechsel nach München. Wäre der Freiburger Abwehrchef gut genug für den Rekordmeister?
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von Thorsten Siegmund

Nico Schlotterbeck macht in dieser Saison beim SC Freiburg auf sich aufmerksam. Die starken Leistungen des Defensivspezialist, der zuletzt von Bundestrainer Hansi Flick eingeladen wurde, sind auch Bayern-Coach Julian Nagelsmann nicht verborgen geblieben.

„Dass er ein guter Verteidiger ist, das sieht jeder, und da freue ich mich für den Christian (Streich, Anm. d. Red.), weil er da auch viel Arbeit reingesteckt hat - und am Ende auch die Früchte der Klub erntet, völlig zurecht, weil er es sehr gut macht“, hatte Nagelsmann vor dem Duell gegen Freiburg (2:1) auf SPORT1-NAchfrage erklärt.

Nun spricht Schlotterbeck selbst über seine Entwicklung in Freiburg, den Anruf von Flick - und einen möglichen Wechsel zum FC Bayern.

SPORT1: Herr Schlotterbeck, um etwas bunt anzufangen: Ihr Markenzeichen sind Ihre silberblonden Haare. Wie kam es dazu?

Nico Schlotterbeck: Ich hatte in Berlin schon viele Gespräche mit meinen Jungs und wollte es dort ehrlich gesagt schon machen. Mein Friseur dort kannte sich nicht so gut aus mit Haare färben, daher habe ich das erst in Freiburg zu Beginn der Saison gemacht. Ich wollte das auch als Neuanfang nutzen, nachdem ich hier vor zwei Jahren nicht so viel gespielt hatte. Im Nachhinein hat es mir ganz gut gestanden, deswegen werde ich sie mir jetzt wahrscheinlich wieder blond färben.

SPORT1: Hat es dann auch zu dem, wie Sie gesagt haben, inhaltlichen Neuanfang beigetragen?

Schlotterbeck: Ja, absolut. Ich habe dieses Jahr viele Spiele gemacht und darum bin ich froh. Es war mein Ziel, dass ich eine Bundesligasaison verletzungsfrei durchspielen kann. Ich hoffe, dass das bis zum Ende der Saison so bleibt und wir Erfolg haben werden.

SPORT1: Bevor wir gleich auf den Sport-Club eingehen, würde ich erstmal das Jahr 2021 als Ganzes betrachten. Wie fällt der persönliche Rückblick aus sportlicher Sicht aus?

Schlotterbeck: Aus sportlicher Sicht war es das beste Jahr, das ich bisher hatte. Ich habe mit der U21 zum ersten Mal auf internationaler Ebene einen Titel gefeiert. Ich habe mit Union die Conference League erreicht, was auch ein brutales Highlight war. Jetzt habe ich in Freiburg endlich meinen Stammplatz, den ich schon seit zwei bis drei Jahren anstrebe und wurde durch meine Leistungen auch in die A-Nationalmannschaft berufen, was ein riesiger Traum für jeden Einzelnen ist. Deswegen kann man schon sagen, dass es für mich ein Top-Jahr war. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Beide Brüder im Profigeschäft? „Das war etwas Unglaubliches“

SPORT1: Ein Top-Jahr mit vielen Highlights - gibt es für Sie trotzdem einen Moment, der aus allen noch ein bisschen heraussticht?

Schlotterbeck: Ja, das erste Spiel mit meinem Bruder. An zweiter Stelle kommt der erste Anruf von Hansi Flick, weil es ein Traum von jedem Jungen ist. Nach dem Anruf bin ich nach Hause gegangen und habe mich riesig gefreut. Das war so ein Glücksmoment, den ich in meinem Leben nicht vergessen werde.

SPORT1: Sie haben das gemeinsame Spiel mit Ihrem Bruder an die erste Stelle gesetzt. Warum und wie war es?

Schlotterbeck: Wir haben als kleine Kinder oft im Garten gespielt, hatten das Ziel, Fußballprofi zu werden. So wie viele kleine Kinder, die in dem Alter Fußball spielen. Es schaffen nur ganz wenige Leute in den Profifußball und dass wir beide es geschafft haben, war etwas Unglaubliches. Als wir damals in Bremen das erste Mal eingelaufen sind - ich glaube Keven hatte sein drittes oder viertes Bundesligaspiel, ich hatte mein zweites – und meine Eltern auf der Tribüne gesehen haben, wie sie vor Stolz gestrahlt haben, als wir vor ausverkaufter Hütte eingelaufen sind: das war etwas ganz Spezielles. Das wird uns unser Leben lang verbinden. Wir haben eine super Beziehung und ich hoffe, das bleibt auch so.

SPORT1: Wie ist das, wenn man in der eigenen Mannschaft im Konkurrenzkampf miteinander ist?

Schlotterbeck: Es ist nicht so leicht. Ich sage immer offen, dass wir das eigentlich nie wollten. Aber wir müssen damit umgehen. Wir spielen dieses Jahr eine Dreierkette, da ist der Konkurrenzkampf nicht so groß. Keven hat seine Qualitäten wie ich auch und ich hoffe, dass wir die beide gemeinsam bald auf den Platz bringen können.

SPORT1: Wie war der Moment, als Sie den Anruf von Hansi Flick bekommen haben? Hat er Sie gleich erreicht?

Schlotterbeck: Er hat mich tatsächlich nicht gleich erreicht, weil hier Handy-Verbot herrscht. Er hat mich Donnerstagmorgen drei Mal angerufen. Da ich so ein Typ bin, der dann gerne zurückruft, habe ich nach dem Training auf dem Weg nach Hause zurückgerufen. Er hat sich als Hansi Flick vorgestellt, was für mich eine große Überraschung war. Ich war eigentlich der Meinung, dass der Kader schon steht, weil am Sonntag schon Treffpunkt war und am Donnerstag erst der Anruf kam. Er hat mir dann mitgeteilt, dass ich dabei bin, eine gute U21-EM gespielt habe und einen guten Saisonstart hatte und er mich sehen möchte. Wie es dann weiterläuft, wusste er auch noch nicht, aber er wollte mich einfach sehen. Da war ich natürlich überglücklich, auch wenn ich während des Gesprächs etwas nervös war. Aber im Nachhinein war ich sehr glücklich, dass er angerufen hat.

SPORT1: Wie ist es dann, wenn man im Kreise der Nationalspieler ankommt, die man ja sonst nicht jeden Tag erlebt? Wie wird man da aufgenommen?

Schlotterbeck: Ich kann nur von mir reden, aber ich wurde super aufgenommen. Es ist natürlich etwas ganz anderes, weil dort Spieler stehen, die auf internationaler und nationaler Ebene sehr viel erreicht haben, die brutal viele Titel gewonnen haben und die du normal nur aus dem Fernsehen oder von den Aufeinandertreffen in der Bundesliga kennst. Für mich war das etwas ganz Neues. Ich fand es im ersten Lehrgang dann auch noch nicht so leicht, weil jeder einen anderen Humor hat. Du musst die Jungs verstehen und umgekehrt. Aber alles in allem steht die Leistung auf dem Platz im Vordergrund. Wenn die stimmt wirst du von den Jungs respektiert. Ich hatte das Gefühl, mithalten zu können und relativ schnell von den Jungs respektiert worden zu sein. Das war für mich natürlich etwas ganz Besonderes, mit so großen Spielern zu spielen.

„Die Spieler haben sich richtig weiterentwickelt“

SPORT1: Was ist für Sie anders, seit Sie nach Freiburg zurückgekehrt sind?

Schlotterbeck: Anders ist nicht viel, weil die meisten Jungs hier geblieben sind und ich fast alle noch kenne. Ich persönlich wurde einfach ein bisschen reifer. Ich bin älter geworden, habe mehr Erfahrung in der Bundesliga und weiß, wie ich die Spiele mittlerweile angehen und was ich der Mannschaft geben kann. Ich bin einfach nur glücklich, endlich einen Stammplatz zu haben und will den so lange in diesem Verein verteidigen, wie ich hier spiele. Ich hoffe, dass das noch ganz lang der Fall sein wird.

SPORT1: Wo hat sich der Klub verändert und die größten Fortschritte gemacht?

Schlotterbeck: Ich glaube, die Spieler haben sich richtig weiterentwickelt. Wenn ich jetzt einen Luki (Lucas Höler, Anm. d. Red.) , der bisher eine unglaubliche Saison spielt, was er für einen Entwicklungsschritt gemacht hat! Vince, Günni (Vincenzo Grifo und Christian Günter, Anm. d. Red) haben auch nochmal einen Entwicklungsschritt gemacht, obwohl sie schon eine der besten linken Seiten in der Bundesliga sind. Leni (Philipp Lienhart, Anm. d. Red.) hat einen großen Schritt gemacht, mein Bruder genauso, Flekki (Mark Flekken, Anm. d. Red.) ist mittlerweile Stammspieler, da kannst du also viele aufzählen. Das zeichnet die Leute hier in Freiburg so aus. Dass du in Ruhe arbeiten kannst und sich die Arbeit des Trainers nach einigen Jahren, in denen du da bist, auch auszahlt und die Jungs immer besser werden. Ich merke das an mir selbst, dass ich vor zwei oder drei Jahren noch nicht so weit war wie jetzt und ich auch den nächsten Schritt gegangen bin. Die Mannschaft ist zusammen geblieben, wie sie letztes Jahr war und deswegen sind wir derzeit so erfolgreich.

SPORT1: Warum war das Duell mit dem BVB und Erling Haaland so speziell für Sie?

Schlotterbeck: Weil das mein erstes Duell mit ihm war und ich das erste Mal gegen einen Stürmer gespielt habe, der zu den Top 3 gehört. Für mich war es etwas Besonderes, weil ich endlich wusste, wo ich stehe und wo ich hinkommen kann. Dazu hatten wir einen ganz guten Tag, standen ein bisschen tiefer und haben ihm nicht so viel Raum gegeben, aber er hatte trotzdem seine ein, zwei Chancen, bei denen er ein Tor machen kann. Er hat in dem Spiel nicht getroffen, deswegen war es für mich ein ganz guter Tag, für ihn eher nicht. Aber was er an Körperlichkeit und Qualität mitbringt, ist brutal, da musst du immer auf der Hut sein. Deswegen war es so ein Moment, in dem ich gemerkt habe, dass ich mit solchen Weltklasse-Stürmern mithalten kann. Es war ein Schlüsselerlebnis.

SPORT1: Kann man sich auf ein Duell mit so einem Spieler vorbereiten?

Schlotterbeck: Nein, vorbereiten kann man sich nicht. Du kannst versuchen, seinen linken Fuß zuzustellen, aber auf seine tiefen Läufe kannst du dich nicht vorbereiten, weil du nie weißt, wann und wie er tief geht und wann ihn die anderen in Szene setzen. Vor allem nicht, wenn Marco Reus auf der zehn spielt, weil die sich blind verstehen. Du kannst dich vorbereiten, indem du weißt, es kommt ein Wahnsinns-Stürmer auf dich zu und du musst extrem fokussiert sein – nicht nur über 88 Minuten, sondern über 90, 95. Das ist schwer und macht einen mental sehr müde. Da musst du ganz zum Schluss noch sehr fokussiert sein.

SPORT1: Die ersten zehn Spiele gingen ohne Niederlage durch, jetzt haben Sie zuletzt drei kassiert. Wie erklären Sie sich diese kleine Delle?

Schlotterbeck: Sie ist normal, weil du als ‚kleiner‘ oder mittelmäßiger Klub in der Bundesliga, der sich lange etabliert hat, immer mal drei Spiele verlierst. Von den drei Spielen war eins gegen Bayern. Danach zwei Spiele gegen Frankfurt und Bochum, als wir eigentlich relativ gut gespielt haben – gegen Bochum viel besser als gegen Frankfurt – und da dann das Matchglück fehlt. Wir haben in den ersten Spielen so gut vorgearbeitet, dass wir jetzt nach drei verlorenen Spielen immer noch ganz gut dastehen und wir uns nicht verrückt machen lassen müssen. Ich hoffe, wir können gegen Mönchengladbach wieder an die Leistungen aus den ersten zehn Spielen und gegen Bochum wieder anknüpfen. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

SPORT1: Wagen Sie eine Prognose, wohin der Weg des SC Freiburg führen kann?

Schlotterbeck: Prognose nicht, aber ich weiß, dass wir eine sehr gute Mannschaft sind, die jedes Spiel gewinnen will. Wir haben uns aus den ersten zehn Spielen so ein gutes Polster geschaffen, dass wir einen sehr guten Saisonstart hatten. Wenn du einmal oben bist, sagst du nach drei Niederlagen nicht, dass du jetzt wieder im Mittelmaß bist, sondern willst dran bleiben. Wir wollen so viele Punkte wie möglich sammeln und wenn das am Schluss für den Europapokal reicht, dann ist das super. Wenn es nur für Platz acht oder neun reicht, ist es für Freiburg auch super.

SPORT1: Was macht aus Ihrer Sicht Christian Streich so speziell?

Schlotterbeck: Zunächst, dass er den Verein extrem lange kennt. Du hast bei ihm Abläufe, die du seit Jahren kennst. Du weißt, was du nach einer Niederlage, einem Sieg oder einem Unentschieden von ihm kriegst. Er arbeitet sehr fokussiert, zielstrebig und ist mit seinem Trainerteam sehr detailliert und das macht ihn aus, dass er jahrelang hier Erfolg hat. Er hatte eine Delle mit dem Abstieg (2014/2015, Anm. d. Red.) aber ist direkt wieder aufgestiegen und davor muss man den Hut ziehen. Er bring seit Jahren Leistung im Verein, davor muss man Respekt haben.

„Es gibt wohl kaum einen Spieler, den der FC Bayern nicht reizt“

SPORT1: Was kriegt man nach einem Sieg? Und was nach einer Niederlage?

Schlotterbeck: Entweder einen gut- oder einen schlecht gelaunten Trainer (lacht).

SPORT1: Wie macht sich das dann bemerkbar?

Schlotterbeck: Es ist bei Spielern ja genauso. Wenn du verlierst, bist du nicht so gut gelaunt, hast vielleicht ein bisschen mehr Videoanalyse als nach Siegen. Aber am Ende hat er sich über die Jahre auch entwickelt und weiß, wie er uns nach dem Spiel anpacken soll. Deswegen sind wir ganz glücklich, ihn zu haben. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

SPORT1: Was macht den Reiz der Bundesliga im Vergleich zu den anderen Top-Ligen aus?

Schlotterbeck: Dass ich hier aufgewachsen bin und als Kind ein Ziel verfolgt habe: Die Bundesliga. Du hast Samstagmittag immer die Konferenz geschaut und darauf hast du gefühlt die ganze Woche hin gefiebert. Wenn du jetzt selber in der Konferenz spielen kannst, ist das was ganz Besonderes. Ich hatte bisher nicht das Verlangen, ins Ausland zu gehen, weil ich mich in Deutschland pudelwohl fühle. Hier stimmen die Fankultur und die Fanbase, fast jedes Spiel ist ausverkauft und das ist etwas ganz Besonderes, das sehe ich in anderen Ländern nicht so. Mir gefällt es in der Bundesliga, du hast tolle Spieler und Mannschaften und du kannst dich mit den Besten messen. Ob du das jetzt in England, in Spanien oder in Deutschland machen kannst, ist egal – wenn du aus Deutschland kommst, dann willst du in der deutschen Bundesliga spielen.

SPORT1: Reizt Sie auch der FC Bayern?

Schlotterbeck: Es gibt wohl kaum einen Spieler, den der FC Bayern nicht reizt. Aber ich bin jetzt erstmal beim SC Freiburg und konzentriere mich bis zum Ende auf die Saison, dann schaue ich, was die Zukunft bringt.

SPORT1: Wollen Sie mit dem nächsten Schritt bis zu Ihrem Vertragsende 2023 warten oder wollen Sie ihn schon früher wagen?

Schlotterbeck: Ich habe im Sommer auch schon mal gesagt, dass ich schauen muss, wo der nächste Schritt ist. Jetzt habe ich mich für den nächsten Schritt in Freiburg entschieden, und wenn ich merke, dass ich dieses Gefühl auch in den nächsten ein, zwei Jahren habe, weil ich mich hier weiterentwickeln kann, dann bleibe ich in Freiburg. Wenn ich irgendwann merke, der nächste Schritt ist woanders, dann muss man sich vielleicht nach anderen Dingen umschauen.

SPORT1: Wo sehen Sie sich in Ihrer Entwicklung in Ihrem dritten Jahr als Profi?

Schlotterbeck: Ich sehe mich als guten Bundesligaverteidiger, der sich leider über einen ganz langen Zeitraum nicht stabilisiert hat. Ich möchte jetzt erst einmal ein Jahr lang verletzungsfrei bleiben, durch spielen und in der Bundesliga Woche für Woche Leistung bringen. Dann schauen wir, wohin der Weg für mich und für den SC Freiburg hinführt.

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