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Hertha: Wie Magath - Lattek, Stevens und Rehhagel mit Coemback nach Ruhestand

Die Retter aus der Rente

Felix Magath ist nicht der erste Trainer, der nach langer Abwesenheit zum Feuerwehrmann wird. Magaths Vorgänger waren nicht immer erfolgreich, aber des Öfteren amüsant.
Tayfun Korkut wurde als Trainer bei Hertha BSC entlassen. Felix Magath übernimmt das Traineramt bei der Alten Dame bis Saisonende und soll die Mannschaft vor dem Abstieg bewahren.
Felix Magath ist nicht der erste Trainer, der nach langer Abwesenheit zum Feuerwehrmann wird. Magaths Vorgänger waren nicht immer erfolgreich, aber des Öfteren amüsant.

In Berlin sollten mit dem Wechsel von Fredi Bobic zu Michael Preetz auf der Sportvorstandsebene neue Zeiten anbrechen. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Nach weniger als einem Jahr darf man sagen: das ist misslungen. Und der Nachfolger verfällt in höchster Abstiegsnot in alte Muster. Fast genau zehn Jahre, nachdem Preetz im Abstiegskampf 2012 den damals 73-jährigen Otto Rehhagel aus dem Ruhestand holte, engagierte Bobic nun den Alt-Meister Felix Magath (68).

Die Retter aus dem Ruhestand gab es schon öfter in fast 60 Jahren Bundesliga. Es ist ein Rezept, das nichts garantiert. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Die Magaths von früher:

Fred Schulz (Werder Bremen): 1978 half der heute weithin unbekannte Fred Schulz bei Werder Bremen aus und avancierte damit zum ältesten Trainer der Bundesliga. Schulz, Jahrgang 1903, hatte 20 Jahre keinen Klub trainiert, aber noch eine Lizenz und weiterhin stets Fortbildungslehrgänge besucht.

In den Zeitungen wurde er zum „Trainer-Opa“, das kränkte ihn: „Ich bin zwar Großvater, aber unter Opa stelle ich mir einen alten Mann mit Krückstock vor.“ Bei Werder saß er bis zum Comeback immer in der Ehrenloge, ehe ihn Manager Rudi Assauer auf die Bank holte. (DATEN: Die Tabelle der Bundesliga)

Der 74-jährige Strohmann bewirkte allerlei Wirbel, aber keinen Motivationsschub. Er verlor die ersten vier Pflichtspiele und übergab das Zepter nach sechs Partien ganz an Assauer. Nun saß er wieder auf der Tribüne, von wo er ohnehin besser sehen konnte, wie er gestand.

Trainer aus der ersten Bundesligastunde

Fritz Langner (Werder Bremen): Er gehörte zu den Trainern der ersten Bundesligastunde (Schalke 04), hatte einen Schleiferruf als „der eiserne Fritz“ und galt als etwas schrullig. Berühmt sein Spruch: „Ihr Fünf spielt jetzt vier gegen drei“. All das schreckte Werder im Abstiegskampf 1980 nicht ab, ihn „nach fünf Jahren Bettruhe“ (Zitat Langner) mit 67 noch mal zu reaktivieren.

Erst nach Vorlage eines ärztlichen Attests durfte er einsteigen. Er litt unter zu hohem Blutdruck, den der Vereinsarzt bei den Spielen kontrollierte. Die Episode senkte seinen Blutdruck nicht, Langner verlor fünf von 14 Spielen und ging als erster Bremer Abstiegstrainer in die Annalen ein.

Max Merkel (Karlsruhe): Es war die Sensation der Saison 1981/82. Im November entließ der KSC auf Platz 12 den bei den Fans beliebten Aufstiegstrainer Manfred Krafft und holte zwei Tage vor dem Heimspiel gegen Köln den 61-jährigen Max Merkel.

Der Wiener war zwar schon zweimal Deutscher Meister geworden, aber wegen seiner Schleifermethoden und seines Zynismus berüchtigt, außerdem wegen seiner Kolumnen in der Bild-Zeitung bei den Kollegen als Lästermaul unbeliebt.

Merkel: „Was heißt hier alt?“

Als Bayern ihn 1979 holen wollte, gab es eine Spielerrevolte. In Karlsruhe rebellierten nur die Fans, auf Spruchbändern standen Nettigkeiten wie „Merkel go home“. Fünf Jahre hatte er keinen Trainerjob mehr gehabt, sein Selbstbewusstsein blieb unerschütterlich.

Sein Einstandsspruch: „Was heißt hier alt? Mein Nachbar ist 72 und hat sich gerade verlobt.“ Immerhin erreichte er das Saisonziel Klassenerhalt, dann ging er wieder, zur Erleichterung seiner Spieler.

Udo Lattek (Dortmund): Im Frühjahr 2000 hatte der BVB schon zwei Trainer verschlissen und stand immer noch im Abstiegskampf. Da zog Präsident Gerd Niebaum erneut die Reißleine und holte seinen alten Freund Udo Lattek zurück nach Dortmund, wo er von 1979 bis 1981 tätig war, und ins Geschäft. Längst war er raus gewesen, wollte sich schon 1993 „den Hintern nicht mehr nass regnen lassen“.

Nach sieben Jahren im Sofa und auf den heißen Stühlen der Talkshows gönnte er seinem Hintern dann doch mal wieder frische Luft. Für eine Nichtabstiegsprämie von einer Million DM (rund 500.000 Euro) und einem Luxusschlitten ging er noch mal fünf Spiele ans Werk.

Die Arbeit auf dem Trainingsplatz überließ er allerdings Matthias Sammer, Lattek war mehr der Motivator. „Es war, als wenn einer ein Fenster aufgerissen und frische Luft reingelassen hätte“, lobte Weltmeister Jürgen Kohler Latteks Ausstrahlung. Er rettete den BVB und wurde zum Vorbild für weitere Vereine in Not.

In Bochum hat es nicht funktioniert

Rolf Schafstall (VfL Bochum): Bei Nachbar Bochum funktionierte es aber schon mal nicht. Schafstall kehrte im Februar 2001 seinem Freund Werner Altegoer (Präsident des VfL) zuliebe zum zweiten Mal nach Bochum zurück und schlüpfte mit 63 in seine letzte Rolle als Feuerwehrmann.

In der Bundesliga hatte er zuletzt 1992 trainiert, 1998 war er bei Drittligist Dynamo Dresden im Unfrieden über die Verhältnisse dort („Überall Dreck. Keiner hat Anstand, keiner steht auf“) geschieden. Sein Typ war eigentlich nicht mehr gefragt, das mussten sie auch in Bochum letztlich einsehen – nur zwei Siege aus 13 Spielen, Abstieg als Letzter.

Jörg Berger (Arminia Bielefeld): 2009 schrieben sie auf der Bielefelder Alm Bundesligageschichte. Es kam zu einem skurrilen Kurz-Auftritt von Jörg Berger, dem Mann mit dem Retter-Image schlechthin.

Vier Klubs hatte er schon vor dem Abstieg bewahrt, nun sollte er noch einmal Wunder wirken. Berger wurde ein Spiel vor Saisonende 2008/09 für Michael Frontzeck inthronisiert mit dem heiklen Auftrag, zumindest den Relegations-Platz zu halten.

Er war 64 und hatte auch aus gesundheitlichen Gründen seit vier Jahren keinen Klub mehr trainiert. Nun hatte er nur vier Tage Zeit, fuhr sofort mit dem Team ins Trainingslager und druckte sich auf dem Hotelzimmer aus dem Internet erst mal die Steckbriefe seiner neuen Mannschaft aus.

Der Presse erzählte er: „Was ich machen kann, und das ist meine Stärke, ist es, mit den Spielern einzeln und in Gruppen zu sprechen.“ Welche Ohren da nun verstopft waren, ist unerheblich, jedenfalls vergeigte Arminia zuhause ihr Endspiel gegen Hannover, für das es um nichts mehr ging, und stieg ab. Als Letzter. Ein Jahr später verstarb der personifizierte Feuerwehrmann.

2021 stellte Werder Bremen den Arminia-Rekord übrigens ein, auch Thomas Schaaf bekam nach fünfjähriger Pause nur ein Spiel um den Abstieg zu verhindern – auch er scheiterte.

Rehhagel bei der alten Dame

Otto Rehhagel (Hertha BSC): Nach einem Desaster mit dem vermeintlichen Retter Michael Skibbe (vier Spiele, null Punkte) holten die Berliner im Februar 2012 den 73-jährigen Otto Rehhagel aus dem Ruhestand. Schließlich hatte der ja seine Bundesliga-Karriere als Spieler bei Hertha begonnen und war er nicht ein Wunder-Trainer?

Europameister mit Griechenland, Deutscher Meister mit Aufsteiger Kaiserslautern und all die herrlichen Werder-Wunder im Europapokal? Otto fanden fast alle gut, die je mit ihm arbeiteten. Bei Hertha aber verlor er acht von 14 Spielen inklusive Relegation und stieg ab.

Hans Meyer (Mönchengladbach): Mit 66 Jahren fing eigentlich auch für ihn das Rentnerdasein an, doch dann rief ihn seine Borussia, bei der er heute im Vorstand sitzt, zur Hilfe.

Im Oktober 2008 stieg er ein halbes Jahr nach seiner Entlassung in Nürnberg noch einmal aufs Trainerkarussell und erfüllte seinen Auftrag: Klassenerhalt. Obwohl er die Hälfte seiner Spiele (26) verlor. Er bat um Auflösung des eigentlich bis 2010 geltenden Vertrags und widmete sich wieder seinen Rosen und den Enkelkindern.

Jupp Heynckes (Bayern München): Die on-off-Beziehung zwischen Heynckes und dem Rekordmeister schien nach dem Triple-Gewinn 2013 nach dem dritten Engagement auf perfekte Weise beendet zu sein. Er ging auf dem Höhepunkt und alle weinten ihm nach.

Doch in Sicherheit vor den Avancen eines Uli Hoeneß war er noch lange nicht. Und als im September 2017 die Geduld von Carlo Ancelotti ein Ende fand, griff der Präsident wieder zum Telefon und bekniete seinen Freund Jupp, Frau und Hund noch ein Weilchen alleine zu lassen.

Heynckes stieg mit 72 als nun zweitältester Trainer der Ligahistorie und nach fünf Jahren Pause noch mal ein und vier Tage nach dem 73. Geburtstag als Meister, der 22 von 26 Spielen gewann, wieder aus. Dass Uli Hoeneß seine Nummer nach dem Reinfall mit Niko Kovac und dem Rücktritt von Hansi Flick wieder mehrmals gewählt haben soll, ist zumindest ein hartnäckiges Gerücht.

Stevens dreimal Feuerwehrmann

Huub Stevens (Schalke/Stuttgart/Hoffenheim): Der Niederländer wollte eigentlich schon 2008 nach seinem zweiten Jahr beim HSV Schluss machen, mit Rücksicht auf seine erkrankte Frau. Doch der Fußball ließ ihn nicht los.

Allein bei Schalke stieg er noch dreimal (!) wieder ein. Auch in Stuttgart übernahm er noch zwei Retter-Jobs (mit Erfolg). Als er in Hoffenheim 2015/16 scheiterte (ein Sieg aus zehn Spielen), schien mit 63 endgültig Schluss zu sein.

Doch er saß weiter im Aufsichtsrat der Schalker, die ihn 2019 noch mal auf der Bank brauchten. Nach sieben Spielen (2-4-3) ging er – aber nicht für immer. Sein letztes Schalke-Engagement, das sich 2020 auf ein Heimspiel gegen Bielefeld beschränkte, floppte (0:1). Dieses Schalke konnte keiner retten. Da hat Felix Magath in Berlin bessere Aussichten…

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