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Christian Streich - ein Unikat wird Trainer des Jahres

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Christian Streich - ein Unikat wird Trainer des Jahres

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Das Unikat der Bundesliga

Das Unikat der Bundesliga

Christian Streich genießt in der Bundesliga Kultstatus. Auf die Auszeichnung als Trainer des Jahres reagiert Streich, wie man es von ihm erwarten kann: skeptisch. Was nicht heißt, dass er sie nicht verdient hat. Im Gegenteil.
Christian Streich sorgte auch in der Vergangenen Saison auf Pressekonferenzen für viele Lehrstunden. Von Biel bis Newcastle: Das waren seine schönsten PK-Auftritte.
Sebastian Mühlenhof
Sebastian Mühlenhof

Christian Streich ist Kult.

Der Trainer vom SC Freiburg ist ein Mann, wie man ihn nur selten im aktuellen Fußball-Business trifft. Ehrlich, offen und direkt.

So machte er aus dem kleinen Klub im Breisgau, der immer wieder im Abstiegskampf steckte, einen gestandenen Bundesligisten, der in der vergangenen Saison lange Zeit um die Champions League mitspielte. (DATEN: Ergebnisse und Spielplan der Bundesliga)

Kein Wunder also, dass er für diese erfolgreiche Spielzeit nun zum Trainer des Jahres gekürt wurde.

Doch persönliche Auszeichnungen sind dem leidenschaftlichen Teamplayer Streich suspekt. Er hob also beim Siegerinterview mit dem kicker nicht zu einer Dankesrede an, sondern zog diese Ehrung sogar in Zweifel. (NEWS: Alle aktuellen Infos zur Bundesliga)

Streich: „Das ist sicher nicht gerecht“

„Ich kriege jetzt eine Auszeichnung – und alle, die mit mir zusammenarbeiten, werden nicht genannt“, sagte der 57-Jährige. „Dabei weiß ich um meine vielen Defizite, als Mitarbeiter und Kollege. Dass nur ich genannt werde, ist sicher nicht gerecht.“

Es sind Sätze wie diese, die Streich zu einem Unikat in seiner Branche machen, in der es mehr als in anderen Bereichen zuerst um das eigene Ego, den eigenen Marktwert, das eigene Image geht.

Gleichwohl hat er sich die Auszeichnung verdient. Sie ist der Lohn für seine harte Arbeit, die er in den vergangenen zehn Jahren geleistet hat. Dabei hätte er jedoch fast eine andere Richtung eingeschlagen.

Streich wollte Lehrer werden

In seiner Profikarriere, die ihn zunächst vom Freiburger FC 1985 zum damaligen Zweitligisten Stuttgarter Kickers führte, spielte er eine Saison lang auch mit dem späteren Bundestrainer Joachim Löw für den SC Freiburg.

Dass es danach in der Fußball-Branche weiterging, war für den Sohn eines Metzgers aber keinesfalls gesetzt. Schließlich hat er eine Lehre als Industriekaufmann abgeschlossen und Studium in Germanistik, Geschichte und Sport auf Lehramt absolviert.

„Da habe ich ihm den Rat gegeben: Dein Referendariat kannst du später noch beginnen. Jetzt warte doch einfach mal ab, wie das sportlich weiterläuft“, sagte sein damaliger Lutz Hangartner einst dem SWR.

Diesen Rat nahm sich der Student zu Herzen und entschied sich, als Jugendtrainer beim SC Freiburg anzuheuern. Dort übernahm der Fußball-Lehrer sofort die U19 und schaffte es mit seiner empathischen Art, schnell die Herzen der Spieler zu gewinnen.

Streich gelingt historischer Erfolg der U19

„Er will von jedem Gegenüber etwas lernen, er interessiert sich für ihn. Eine tolle Eigenschaft, die er uns entsprechend vorlebt“, beschreibt ihn Julian Schuster, der von 2008 bis 2018 in Freiburg gespielt hat. Dieses Credo lebt der gebürtige Badener - egal wer ihm gegenübersitzt, sei es Welt-Star, Nachwuchsprofi oder Journalist.

Mit dieser Art begeistert er die Region immer wieder aufs Neue und schafft so ungewohnte Erfolge. In seinen 16 Jahren bei der U19 hat er Jahr für Jahr die Spieler zu Höchstleistungen getrieben. Die Krönung war die erste und bisher einzige A-Jugend-Meisterschaft 2008.

In der Zeit nahm Streich auch eine wichtige Rolle ein. Denn nach dem Karriereende von Trainer-Legende Volker Finke wurde er Co-Trainer von Robin Dutt. Er wurde somit zum Bindeglied zwischen der Nachwuchs- und Profi-Abteilung und verhalf zahlreichen Talenten wie Oliver Baumann, Dennis Aogo oder Ömer Toprak zum Debüt in der Bundesliga.

Streich wird Cheftrainer in Freiburg

Sie alle schwärmen von der besonderen Art und Weise, wie Streich das Team geführt hat. „Wir haben eine menschliche Bindung aufgebaut - sportlich ja sowieso. Aber es war auch ein Stück weit eine Erziehung. Man hat sehr viel gelernt von ihm“, beschrieb Baumann einst im vereinseigenen TV die Beziehung zur „Vaterfigur“ Streich.

Sportvorstand Jochen Saier, der während seines Studiums in Freiburg in einer WG mit dem 57-Jährigen wohnte, weiß um diese Qualitäten. „Christian taucht regelrecht in die Spieler ein“, sagte er einmal. Seit über 19 Jahren arbeiten sie für den Klub. Erst kümmerten sie sich gemeinsam um den Nachwuchs, ehe Streich 2012 und Saier ein Jahr später wichtige Rollen im Profi-Bereich übernahmen.

Dabei wollte Streich jedoch zunächst nicht Cheftrainer werden. Zweimal lehnte er die Möglichkeit ab, ehe er nach der Entlassung von Marcus Sorg dann doch überzeugt wurde. „Mich kennen viele Menschen in Freiburg. Sie wissen, wo ich wohne und welche Kneipen ich besuche. Ich hatte Sorge, diese Menschen enttäuschen zu können“, schilderte Streich später die Gründe für seine Bedenken.

Diese Zweifel dürfte er längst beseitigt haben, denn er hat den Klub, der immer an der Schwelle zur zweiten Liga stand, zu einer etablierten Bundesliga-Mannschaft entwickelt, die mittlerweile über die Stadtgrenzen hinaus gelobt wird. Zahlreiche Talente wie Matthias Ginter und Nico Schlotterbeck haben den Sprung zu großen Vereinen geschafft.

Fans feiern Streich für Pressekonferenzen

Doch nicht nur sportlich schreibt Streich Schlagzeilen. Auch abseits des Platzes ist er ein Mann der klaren Worte.

Geschliffene, einstudierte PR-Sätze sind nicht sein Ding. Er nimmt kein Blatt vor den Mund.

Christian Streich haut wieder einen raus: Vor dem Bayern-Spiel hat er auch zu Themen wie veganer Ernährung, die FIFA-Reformen und das Arbeitsklima in Freiburg Einiges zu sagen.
06:03
SC Freiburg: Christian Streich mit legendärer Pressekonferenz

Häufig positioniert er sich politisch, setzt sich klar gegen Rassismus in der Gesellschaft ein und scheut sich auch nicht, die AfD zu attackieren.

„Ich hätte die Fragen auch so beantwortet, wenn sie mir beim Einkaufen oder im Café gestellt worden wären. Warum soll ich sie dann nicht beantworten, wenn sie von einem Journalisten kommen?“, meinte er in einem Interview mit der Stuttgarter Zeitung.

Genau diese offene und bisweilen auch untypische Art des Bundesliga-Trainers lässt ihm die Herzen zu fliegen. Videos von seinen Pressekonferenzen mit markigen Worten sorgen immer wieder für hohe Klickzahlen im Netz. Daher richtete die Badische Zeitung sogar die Rubrik „Streich der Woche“ ein - einzigartig im deutschen Fußball.

Es zeigt zeitgleich, wie der emotionale Trainer, der am Spielfeldrand auch wie ein Wüterich schimpfen kann, von vielen Fußball-Fans geliebt wird.

Er ist ein Unikat, der auch von den gegnerischen Fans für seine herzliche Art geliebt wird und dem jeder Erfolg wünscht. Selbstverständlich auch die Auszeichnung zum Trainer des Jahres.

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