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BVB: "Moukoko wird das Gesicht des BVB werden"! Jan Koller im SPORT1-Interview über den Titelkampf, Terzic und die Meisterschaft 2002

BVB-Legende: „Haller ist ein Wunder“

Jan Koller hat in seiner aktiven Zeit den BVB mit seinen Toren für Aufsehen gesorgt. Im SPORT1-Interview spricht die BVB-Legende über die Meisterchancen des BVB, die Zukunft von Youssoufa Moukoko, die Stürmerkrise in Deutschland - und die Meister-Mannschaft von 2002.
Jan Koller wurde 2002 mit dem BVB Deutscher Meister
Jan Koller wurde 2002 mit dem BVB Deutscher Meister
© Imago
Jan Koller hat in seiner aktiven Zeit den BVB mit seinen Toren für Aufsehen gesorgt. Im SPORT1-Interview spricht die BVB-Legende über die Meisterchancen des BVB, die Zukunft von Youssoufa Moukoko, die Stürmerkrise in Deutschland - und die Meister-Mannschaft von 2002.

Jan Koller stürmte von 2001 bis 2006 für Borussia Dortmund. Gleich in seiner ersten Saison wurde er mit den Schwarz-Gelben Deutscher Meister.

An eine Geschichte denken die BVB-Fans gerne zurück: Koller, der aktuell in seiner Heimat Tschechien als TV-Experte für die Bundesliga, die französische Ligue 1 und die Champions League arbeitet, wurde am 9. November 2002 im Auswärtsspiel seiner Dortmunder beim FC Bayern kurzerhand zum Torwart umfunktioniert.

Ab der 67. Minute hütete der 2,02 Meter große Angreifer das Tor seines Teams, nachdem der damalige BVB-Keeper Jens Lehmann vom Platz flog und das Auswechselkontingent zu diesem Zeitpunkt schon ausgeschöpft war. Der Stürmer blieb bis zum Schlusspfiff ohne Gegentor.

2011 beendete Koller seine Karriere, doch natürlich schaut der 50-Jährige weiter gerne auf das Geschehen bei den Schwarz-Gelben. Vor dem Spiel der Dortmunder beim VfL Bochum am Freitagabend spricht Koller im SPORT1-Interview über seinen Ex-Verein, den Titelkampf und Youssoufa Moukoko.

SPORT1: Herr Koller, Marco Reus hat seinen Vertrag bis 2024 verlängert. Ist das die richtige Entscheidung aus BVB-Sicht?

Jan Koller: Es ist auf jeden Fall eine absolut richtige Entscheidung. Beim BVB weiß man genau, warum der Vertrag des Kapitäns um ein weiteres Jahr verlängert wurde. Reus hat viel für den Verein getan, er liebt und lebt den BVB und die Verantwortlichen schätzen seine Dienste. Ich freue mich sehr, dass er noch ein Jahr bei seinem Verein bleibt.

SPORT1: Reus war in dieser Saison nicht immer der erhoffte Leistungsträger...

Koller: Natürlich spielt er nicht mehr so konstant stark wie in den vergangenen Jahren, er ist ja auch älter geworden, aber ich finde es trotzdem richtig, dass die Bosse seinen Vertrag verlängert haben. Reus ist ein erfahrener Profi, der den jungen Spielern in der Kabine helfen wird. So wird er weiter extrem wertvoll für den BVB sein.

„Der BVB hat die Gunst der Stunde genutzt“

SPORT1: Was sagen Sie dazu, dass der BVB in der heißen Phase der Saison plötzlich Tabellenführer ist?

Koller: Das ist eine große Überraschung für mich, weil die Bayern vor der Saison als großer Favorit auf die Meisterschaft galten. Aber sie bekamen im Laufe der Saison interne Probleme, haben dadurch viele Punkte verloren und Dortmund konnte das vor allem nach dem Jahreswechsel ausnutzen. Nun ist der BVB Erster, das ist toll.

SPORT1: Wie haben Sie die vergangenen Jahre bei den Dortmundern verfolgt? Es fehlte oft der letzte Tick zum ganz großen Glück.

Koller: Das Problem bei Dortmund ist, dass sie in der Regel jede Saison ihre besten Spieler verkaufen und damit ihre Mannschaft schwächen, während Bayern in der Regel stärker wird. Deshalb ist es für Dortmund so schwer, die Meisterschaft zu gewinnen.

SPORT1: Wie bewerten Sie die aktuelle Spielzeit unter Edin Terzic?

Koller: Insgesamt sehr positiv, auch wenn der Anfang nicht so gut war. Aber nach dem Jahreswechsel hat sich der BVB gesteigert, die richtigen Ergebnisse eingefahren und sich dadurch an die Spitze der Tabelle gesetzt.

SPORT1: Nach der Niederlage der Bayern hat BVB die Gunst der Stunde gegen Eintracht Frankfurt genutzt und sich Platz eins geschnappt. Zeigt das die neue mentale Stärke der Dortmunder?

Koller: Ja. Es ist schwer, wenn man vor dem Spiel weiß, dass der Konkurrent verloren hat und man die Situation ausnutzen muss. Der BVB hat das gegen Frankfurt großartig gemacht, und ich glaube, dass sie die innere Stärke haben, alles für den Titel zu geben.

SPORT1: Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Meisterschaft mit dem BVB im Jahr 2002?

Koller: Die erste Saisonhälfte war nicht berauschend, ich musste mich erst einmal eingewöhnen, da habe ich auch nicht so viele Tore geschossen. Die Rückrunde war aber großartig und gipfelte darin, dass wir zu Hause gegen Werder Bremen 2:1 gewannen und die Meisterschaft entscheiden konnten - durch ein Tor von Ewerthon 15 Minuten vor Schluss. Die anschließende Party war das emotionalste Erlebnis in meiner gesamten Fußballkarriere.

Der BVB hat die psychische Reife für die Meisterschaft

SPORT1: Was war damals das Erfolgsgeheimnis des BVB?

Koller: Beständigkeit, gute Abwehrarbeit, Tore von Marcio Amoroso und am Ende das große Glück, als Bayer Leverkusen den Saisonendspurt völlig verpennte. Spannend war das Saison-Finale, als wir dachten, wir würden die Meisterschaft nicht gewinnen. Am letzten Spieltag wurde sie dann zwischen drei Teams entschieden. Es war der Wahnsinn.

SPORT1: Was macht den aktuellen BVB aus? Nach der 2:4-Pleite in München hat wohl kaum noch einer daran geglaubt, dass der Titelgewinn drin ist.

Koller: Auch wenn der BVB eine junge Mannschaft hat, verfügt diese über eine große Stärke. Das Team konnte sich von der Niederlage gegen Bayern erholen und im Spiel darauf an seine gute Form anknüpfen.

SPORT1: Terzic und die Verantwortlichen sprechen ganz offen vom möglichen Titelgewinn. Das richtige Signal?

Koller: Natürlich ist es richtig. Das Team ist fünf Spieltage vor Schluss bereit, die Meisterschaft zu gewinnen und keiner sollte sich aus der Verantwortung stehlen.

SPORT1: Wie wichtig ist Jude Bellingham für dieses Team? Kann er im Saison-Endspurt der Schlüssel für den Titel werden?

Koller: Jude Bellingham ist in seinem Alter bereits der Anführer des gesamten Teams. Er könnte der Haupttrumpf sein, der den BVB zum Meistertitel führt.

SPORT1: Trauen Sie Terzic zu, dass er für beim BVB künftig mal so erfolgreich sein kann wie in der Vergangenheit Ottmar Hitzfeld oder Jürgen Klopp?

Koller: Diese beiden Trainer haben so viel für Dortmund erreicht und es ist schwer, mit ihnen gleichzuziehen. Wenn Terzic in dieser Saison den Titel tatsächlich gewinnen sollte, könnte er zumindest etwas näher herankommen an Klopp und Hitzfeld. Es wäre ein zarter Anfang.

„Moukoko wird das Gesicht des BVB werden“

SPORT1: Wie sehen Sie Sébastien Haller und Youssoufa Moukoko?

Koller: Haller ist ein Wunder. Dass er nach seiner Krankheit so schnell wieder spielen konnte, ist einfach unglaublich. Er ist ein sehr guter Spieler und ich glaube, dass er in der nächsten Saison viel für den BVB erreichen wird. Moukoko ist ein junger, talentierter Spieler, dessen Zeit noch nicht gekommen ist. Ich glaube, dass er in Zukunft die Stimme des BVB und das Gesicht dieses Vereins werden wird und vor allem mit seinen fußballerischen Fähigkeiten den Verein zum Erfolg führen wird.

SPORT1: War Anthony Modeste ein Fehleinkauf?

Koller: Es war kein schlechter Kauf, sie haben ihn in letzter Minute geholt, nachdem Haller unerwartet krank wurde. Er hat seine Qualität mit dem Tor beim 2:2-Unentschieden gegen Bayern gezeigt.

„Es gibt keinen herausragenden Torjäger“

SPORT1: Vergangene Saison schoss Erling Haaland 40 Tore, er und Robert Lewandowski haben Deutschland verlassen. Aktuell hat der beste Stürmer in der Bundesliga nur 16 Treffer erzielt. Hat die Bundesliga ein Stürmerproblem?

Koller: Der Weggang von Stürmern wie Haaland und Lewandowski war ein großer Verlust für die Bundesliga. Aber trotzdem ist diese Liga ein sehr attraktiver Wettbewerb, was das Toreschießen angeht. Es werden viele Tore erzielt, aber es gibt keinen wirklich herausragenden Torjäger. Im Moment sehe ich in der Bundesliga keinen Stürmer mit der Qualität wie Haaland oder Lewandowski. Vergangene Saison war es Patrik Schick, aber leider hat er in dieser Spielzeit viele gesundheitliche Probleme. Ich bin gespannt, ob sich in der nächsten Saison ein neuer Stürmer durchsetzen wird.

SPORT1: Fünf Spiele sind es noch. Wird der BVB Deutscher Meister?

Koller: Ich hoffe es, es wird aber sehr schwer. Der BVB hat definitiv die Qualität dazu.