Hört man sich auf dem Meinungsmarkt der gut 80 Millionen Bundestrainer um, eine Floskel dürfte wohl wiederkehrend auftauchen: „Warum liefern die nicht? Die machen doch nichts anderes.“
FC-Bayern-Coach Tuchel spricht aus, was viele denken
Tuchel spricht aus, was viele denken
Nichts anderes als quer durch die Welt zu gondeln und nahe am oder gar über dem körperlichen Limit hinaus zu performen. Auf der Spieltags-Pressekonferenz vor dem Bundesliga-Duell mit dem 1. FC Köln (ab 20.30 Uhr im SPORT1-LIVETICKER) schlug Bayern-Coach Thomas Tuchel daher erneut Alarm: „Die Jungs sind mental, emotional, physisch müde.“
Der Spielplan ist eng durchgetaktet, der Liga-Alltag mischt sich mit nationalen Pokalwettbewerben, Länderspiel-„Pausen“ werden zu Länderspiel-Qualen. So stellte der deutsche Rekordmeister zuletzt 17 Nationalspieler ab, einige spielten in Berlin und Wien, andere in Seoul und Schanghai.
„Das Feedback von allen Nationaltrainern ist, dass die Topspieler müde sind. Sie verbringen so viele Stunden in Hotels, Bussen, Flugzeugen. Das ist belastend“, haderte Tuchel: „Min-jae Kim kommt aus China. Phonzy (Davies, Anm. d. Red.) aus Kanada. Die haben weiß Gott wie viel Zeitverschiebung.“
Tuchel: „Der steht auf und weiß nicht, wo er ist“
Tuchel - der schon in seiner Zeit als Chelsea-Coach ähnliche Alarmrufe formulierte - sprach aus, was aktuell viele im Fußball denken und nicht immer aussprechen. Die Sorge, als Jammerer dazustehen, der nach Ausreden und Alibis für schlechte Leistungen sucht, bewegt speziell Spieler oft dazu, sich auf die Zunge zu beißen.
Am Donnerstag kam allerdings kaum eine Pressekonferenz der Bundesliga-Trainer ohne die Belastungsfrage vonstatten. Dabei bliebe dem Konsens nach kaum Zeit, um den Nationalspielern die nötige Regeneration zu gewähren, geschweige denn, sie adäquat vorzubereiten auf kommende Aufgaben.
Tuchel fügte sarkastisch an: „Kim steht morgen wahrscheinlich nach seinem Mittagsschlaf auf und weiß nicht genau, wo er aufgewacht ist.“
So entschied sich der FC Bayern gar zu einer drastischen Maßnahme: Man werde zum Auswärtsspiel in Köln am Abend um 20.30 Uhr erst am Vormittag anreisen, um den Spielern noch eine Nacht mehr zuhause gewähren zu können.
Auch in der Zeit bis zur Winterpause in der Liga drängt der Alltag. Auf den FC Bayern warten fünf Ligaspiele und zwei Partien in der Champions League innerhalb von 26 Tagen, der BVB spult gar ein Pensum von acht Spielen in 25 Tagen ab. Im Schnitt macht das ein Spiel alle drei Tage!
Um es auf den Punkt zu bringen - in den Worten von Thomas Tuchel: „Es ist an der Grenze.“ Wie also soll das weitergehen?
Mit noch mehr Spielen! „Ab nächster Saison kommen auch noch mehr Champions-League-Spiele dazu“, so Tuchel am Donnerstag zur Reform der Königsklasse, die den Wettbewerb von 125 auf 189 Partien erweitert: „… und die Klub-WM 2025.“
Diese wird ab übernächstem Jahr von bisher sieben teilnehmenden Mannschaften auf 32 Teams ausgeweitet. Mahnungen wie die von Tuchel scheinen im Verhältnis zu den Interessen der Weltfußball-Lenker nicht viel Gewicht zu haben.
Dem Bayern-Coach blieb nur eine klare Warnung übrig: „Das Spiel soll mit Freude gespielt werden. Das ist eine Ebene, darüber wird nicht berichtet wird, aber es gibt sie. Das kann nicht im Sinne der Spieler sein. Und was nicht im Sinne der Spieler ist, kann nicht im Sinne des Spiels sein.“
Afrika-Cup: Bayern, Leverkusen und Co. müssen auf Spieler verzichten
Auf die besten Spieler Asiens und Afrikas wartet im Januar gar noch der jeweilige Kontinental-Cup, die Winterpause ist für sie ohnehin futsch.
Die Bundesligisten dürfen die jeweiligen Spieler, wohl über 15 bei den Top-Fünf-Vereinen der Liga (unter anderem Serhou Guirassy/VfB Stuttgart, Noussair Mazraoui/FC Bayern oder Victor Boniface/Bayer Leverkusen), durch Mehreinsatz der Übriggeblieben kompensieren – ein Teufelskreislauf an der Belastungsgrenze.
Worin die Strapazen kulminieren, ist unschwer zu erahnen. Beispiele gibt es zu Genüge. Real Madrids Vinicius Jr. hatte in 75 Prozent seiner Spiele aus der vergangenen Saison keine fünf Tage Pause zuvor. Auch das spanische Supertalent Gavi vom FC Barcelona steht im Blickpunkt.
Der Youngster, der erst im kommenden August seinen 20. Geburtstag feiern wird, bestritt bereits jetzt über 110 Pflichtspiele auf Top-Niveau, dazu 27 Länderspiele. Vor seinem vorerst letzten tönte Nationaltrainer Luis de la Fuente: „Die guten Spieler ruhen nie, deshalb sind sie so gut und besonders.“
Dann setzte er ihn in einem vermeintlich unwichtigen Länderspiel ein, Gavi zog sich einen Kreuzbandriss zu, und de la Fuente die Missstimmung seines Landes auf sich: Gavi droht das EM-Aus!
Freilich besteht keine direkte Korrelation zwischen häufigeren Einsätze und erhöhten verletzungsbedingten Ausfallzeiten. Sie dienen aber doch als ein Indikator für betriebenes Schindluder mit dem körperlichen Zustand junger Männer.
Kein Wunder also, dass sich Bayerns einzig konstant fitter Innenverteidiger, Min-jae Kim, nicht etwa mit leistungsbezogenen Zitaten aus der Länderspielpause zurückmeldete, sondern mit einem körperlichen Statusbericht: „Ich denke, mein Körper wird von den vielen Spielen müde sein. Ich kann mich aber nicht beklagen, weil es für alle gleich ist. Ich werde auf mich aufpassen.“
Klingt ganz danach, als stünde nicht mehr der Erfolg an erster Stelle, sondern die physische Unversehrtheit: „Es wäre dumm zu sagen: ‚Ich kann nicht spielen, ich sterbe‘ – ich bin einfach dankbar, dass ich mich nicht verletzt habe.“