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"Das ist respektlos und ein falsches Vorbild für Kinder und Jugendliche"

„Das macht den Fußball kaputt“

Bundesliga-Legende Ewald Lienen spricht im großen SPORT1-Interview über die Bundesliga, Lennart Karl und Nick Woltemade sowie Werte des Fußballs, die er als verloren oder bedroht sieht.
Ewald Lienen spricht im SPORT1-Interview über den FC Bayern und Trainer Vincent Kompany, den Hype um Deutschlands Talente Lennart Karl und Said El Mala und eine Entwicklung, die ihm im deutschen Fußball gar nicht gefällt. Auch zu Nick Woltemade äußert sich die Fußball-Legende.
Bundesliga-Legende Ewald Lienen spricht im großen SPORT1-Interview über die Bundesliga, Lennart Karl und Nick Woltemade sowie Werte des Fußballs, die er als verloren oder bedroht sieht.

Seit fast 50 Jahren ist eine der markantesten Persönlichkeiten Fußball-Deutschlands - als Spieler, Trainer und Experte.

Ewald Lienen, immer bekannt für seinen streitbaren, tiefgründigen und oft etwas anderen Blick auf Sport und Gesellschaft, beobachtet das Geschehen in seinem eigenen Podcast „Der Sechzehner“ noch immer intensiv. Im exklusiven SPORT1-Interview spricht der 72-Jährige über die Bundesliga, Shootingstars wie Lennart Karl und Nick Woltemade, seine Werte und einen Fußball, der sich selbst oft im Weg steht.

SPORT1: Herr Lienen, wir sitzen hier in Ihrem „zweiten Wohnzimmer“, der Klimaerlebniswelt in Oerlinghausen. Warum ist Ihnen dieser Ort wichtig?

Ewald Lienen: Ich bin seit über fünf Jahren Klimabotschafter für den Kreis Lippe. Seit Mai 2024 gibt es diese Klimaerlebniswelt, mit der wir jetzt ganz konkret arbeiten können. Der Kreis Lippe – wie viele Regionen in Ostwestfalen – ist sehr engagiert, wenn es um Nachhaltigkeit, Zukunftsfähigkeit und den Kampf gegen die Klimakatastrophe geht. Die Klimaerlebniswelt ist eine erlebnispädagogische Einrichtung. Schulklassen, Touristen, Einzelpersonen oder Gruppen können hierherkommen und den Klimawandel mit allen Sinnen erleben: sehen, hören, fühlen – und selbst aktiv werden. In vielen Teilen der Welt muss man den Menschen nicht erklären, was Klimawandel ist, weil sie täglich von Klimakatastrophen betroffen sind. Hier machen wir sichtbar, dass wir im Einklang mit der Natur leben müssen, wenn wir überleben wollen.

SPORT1: Wie genau?

Lienen: Man wird hier nicht nur informiert, man bereitet sich ganz konkret auf Starkwetterereignisse vor und lernt, wie man sich anpassen kann, wenn sie eintreten. Es geht um Klimafolgen-Anpassung und darum, zusammen zu arbeiten, um diese Folgen möglichst noch abzuwenden: Was bedeutet das für Forstwirtschaft, Landwirtschaft, den ländlichen Raum oder für Städte? Wer hier rausgeht, hat nicht nur etwas gesehen, sondern selbst an Lösungen gearbeitet. Das ist ein wichtiger Baustein, um Menschen die Dringlichkeit dieser Situation nahezubringen.

FC Bayern? „Macht einfach Freude“

SPORT1: Lassen Sie uns über Fußball sprechen. Die Hinrunde der Bundesliga ist vorbei. Was hat Sie gefreut, was hat Sie geärgert?

Lienen: Mich freut es immer, wenn ich guten Fußball sehe. In den vergangenen Jahren gab es Mannschaften, die traumhaft gespielt haben - Bayer Leverkusen, der VfB Stuttgart, St. Pauli beim Aufstieg. In dieser Saison ist es für mich Bayern München. Sie spielen herausragenden Fußball mit einem Trainer, der menschlich passt, unaufgeregt ist und Werte verkörpert. Das macht einfach Freude.

SPORT1: Was schätzen Sie an Vincent Kompany?

Lienen: Wir brauchen solche Menschen wie ihn. Trainer und Spieler müssen sensibler werden für das, was auf dem Platz passiert. Kompany ist unaufgeregt, authentisch, erfahren, kennt unterschiedliche Fußballkulturen. Sein Charakter passt: bescheiden, klar, glaubwürdig. Mich freut es sehr, so jemanden zu sehen. Und wenn das dann auch noch sportlich erfolgreich ist – umso besser.

SPORT1: Haben Sie denn ansonsten den Eindruck, dass diese im heutigen Profifußball zunehmend verloren gehen?

Lienen: Was mich nach wie vor ärgert, sind die vielen Unkorrektheiten im Spiel. Schiedsrichter sollen ausbügeln, was Spieler und Trainer verursachen - bei diesem Tempo ist das selbst mit VAR oft unmöglich. Viele versuchen, sich Vorteile zu verschaffen: unnötige Fouls, Schwalben, provozierte Berührungen. Das ist respektlos und ein falsches Vorbild für Kinder und Jugendliche. Werte wie Solidarität, Loyalität und Respekt werden mit Füßen getreten. Und dann ist da noch die internationale Handspielauslegung. Spiele werden durch für mich lächerliche Entscheidungen entschieden. Das macht den Fußball kaputt.

SPORT1: Sie sagten einmal: „Wenn ich heute Stürmer wäre, würde ich im Paradies spielen.“ Wie meinten Sie das?

Lienen: Ich komme aus einer Zeit, in der extrem rücksichtslos agiert wurde. Bei der Ballannahme sind dir die Leute in die Knochen geflogen. Heute haben wir - im Bemühen um Fairness - manchmal das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. Abwehrspieler wurden oft zu Aufbauspielern erzogen. Natürlich ist es gut, dass es weniger „böse“ Verteidiger gibt. Aber korrekt verteidigen heißt: eng decken, mitlaufen, Präsenz zeigen. Früher musstest du gefühlt einen Meter hochspringen, um dir nicht die Beine brechen zu lassen. Heute haben Stürmer oft erstaunlich viel Raum. Das meinte ich mit „Paradies“.

Lienen bemängelt Messhysterie im Fußball

SPORT1: Wie würden Sie Fouls aus früheren Zeiten heute bewerten?

Lienen: Solche Fouls wie das, bei dem mein Oberschenkel aufgeschlitzt wurde, sieht man heute nicht mehr. Wenn man sich alte Spiele anschaut - etwa das WM-Spiel 1974 zwischen Brasilien und den Niederlanden - das war eine einzige Massenschlägerei. Da hätten 15 Spieler vom Platz gemusst. Damals hat das niemanden interessiert. Heute würdest du dafür vermutlich lebenslang gesperrt werden. Gleichzeitig sind wir heute oft zu kleinlich. Die Spieler machen es den Schiedsrichtern nicht leicht: minimale Berührungen, sofortiges Hinwerfen, ins Gesicht fassen - da ist viel Unkorrektheit dabei.

SPORT1: Sie sprechen von einer „Messhysterie“ im Fußball.

Lienen: Wer Fußball versteht, braucht keine Tabellen mit zehn Kennzahlen. Sie können maximal Hilfsmittel sein. Viele davon sind Geschäftsmodelle - über den Fußball versucht jeder mitzuverdienen, auch die Medien. Ohne sie gäbe es dieses große Interesse nicht, aber sie tragen auch Verantwortung. Problematischer ist unsere Konzentration auf vordergründigen Erfolg. Das spiegelt unseren gesellschaftlichen Fokus wider. Natürlich geht es im Sport ums Gewinnen. Aber Fußball bietet so viel mehr: Identifikation, Gemeinschaft, Engagement im Verein. Nachhaltigkeit bedeutet nicht nur Ökologie, sondern auch soziale Verantwortung - wie ich mit Menschen umgehe. Diese Fixierung auf Sieg um jeden Preis öffnet unkorrektem Verhalten Tür und Tor. Das gilt im Fußball wie in der Gesellschaft. Inhaltslose Messwerte wie Ballbesitz, Laufleistung oder überspielte Gegner sind im Fußball oft genauso irreführend wie Umsatzzahlen, reiner Profit oder das Bruttosozialprodukt in der Wirtschaft. Es geht auch um Werte, um schädliche Folgen, um das Gemeinwohl.

SPORT1: Über die Ultras wird viel diskutiert. Sie haben sie zuletzt verteidigt. Warum?

Lienen: Ich bin viel unterwegs gewesen und komme aus einer Zeit, in der Hooligans wirklich extrem aktiv waren. Ultras mit Hooligans gleichzusetzen und daraus einen großen Aufschrei zu machen, ist purer Populismus. Wer echte Gewalt erlebt hat - wie zum Beispiel ich seinerzeit in Griechenland -, weiß, dass das hier kein Vergleich ist. Pyrotechnik ist nicht zielführend und kann gesundheitsschädlich sein, vor allem für Vereine, die finanziell kämpfen. Aber daraus ein sicherheitspolitisches Großthema zu machen, während wir ganz andere gesellschaftliche Probleme haben, ist unverhältnismäßig.

Karl und El Mala? „Der Hype lässt sich nicht verhindern“

SPORT1: Wie sehen Sie den Hype um junge Spieler wie Said El Mala oder Lennart Karl?

Lienen: Dieser Hype lässt sich nicht verhindern, gerade bei Spielern mit solchen individuellen Qualitäten. Die Medien springen sofort darauf an. Entscheidend ist, wie Spieler und Trainer damit umgehen. Lukas Kwasniok und Vincent Kompany machen das sehr vernünftig. Es geht um individuelle Entwicklung, nicht um kurzfristigen Erfolg. Im Jugendfußball achten Trainer leider oft mehr auf die eigene Karriere als auf die Ausbildung der Spieler. Charakterbildung und Persönlichkeitsentwicklung müssen neben Technik und Taktik genauso im Vordergrund stehen. Dribbelstarke Spieler wie Karl und El Mala dürfen nicht ausgebremst, sondern müssen gefördert und angeleitet werden. Und dabei beispielsweise lernen, wann ein Dribbling sinnvoll ist. Das gilt auch für Spieler wie Jamal Musiala. Ich bin froh, dass immer mehr derartige Talente nach oben kommen.

SPORT1: Lennart Karl sagte zuletzt öffentlich, sein Traum sei es, eines Tages bei Real Madrid zu spielen - und damit einigen Wirbel ausgelöst.

Lienen: Dabei ist es doch völlig normal, was er gesagt hat. Ein 17-jähriger Junge darf Träume haben. Wir wünschen uns mündige Spieler, Persönlichkeiten, Menschen mit Emotionen – und werfen es ihnen dann vor, wenn sie genau das zeigen. Man kann einen Menschen nicht verbiegen. Das kann nur er selbst. Entscheidend ist, wie man mit Wertschätzung umgeht. Wer an seiner Persönlichkeit arbeitet, kann auch mit Druck umgehen. Nicht der Hype wirft dich aus der Bahn – sondern nur du selbst. Bei Bayern München werden die richtigen Leitplanken gesetzt. Das gibt mir bei Karl ein gutes Gefühl.

Woltemade? „Bin über das Ziel hinausgeschossen“

SPORT1: Sie hatten sich im Sommer über das Interesse der Bayern an Nick Woltemade aufgeregt, waren „angewidert“. Wie sehen Sie das heute?

Lienen: Da bin ich etwas übers Ziel hinausgeschossen. Dass Bayern München Interesse hat, war absehbar. Aber das ist kein exklusives Bayern-Problem. Wenn ich mich über Bayern aufrege, müsste ich mich über jeden Premier-League-Klub aufregen. Woltemade ist nicht wegen der schönen Stadt nach Newcastle gegangen. Es ist ein Reflex geworden, Spieler eher abzuwerben als sie zu entwickeln. Ich würde mir wünschen, dass wir mehr Geld in Ausbildung und Trainer investieren. Dann profitieren Vereine auch langfristig davon. Wenn 50+1 fällt, wird die letzte Bastion zerstört, die wir hier noch haben. Mich ärgert diese Entwicklung extrem.

SPORT1: Wie beurteilen Sie Woltemades Entwicklung?

Lienen: Er wurde bei Werder Bremen hervorragend ausgebildet. Dort wird seit Jahren gute Jugendarbeit geleistet. Trotzdem musste er Umwege gehen und wurde erst in Elversberg groß – bei einem sehr guten Trainer. Das wirft Fragen auf: Setzen wir in der Ausbildung die richtigen Schwerpunkte? Woltemade ist ein wunderbarer Spieler, der noch viel lernen kann. Newcastle ist nicht mein Lieblingsprojekt, aber ich wünsche ihm, dass er sich weiterentwickelt und bescheiden bleibt. In Interviews wirkt er ruhig und reflektiert. Ich habe wie bei Karl auch bei Woltemade ein gutes Gefühl.

SPORT1: Können Sie sich eigentlich ein Comeback als Trainer vorstellen?

Lienen: Niemals. Ich bin seit Jahren raus und habe einen ganz anderen Fokus. Im Podcast „Der Sechzehner“ spreche ich mit meinem Freund Michael Born über Fußball, analysiere, versuche zu inspirieren. Aber auf die Idee, noch einmal als Trainer zu arbeiten, komme ich nicht. Da müsste mir schon ein Stein auf den Kopf fallen (lacht).

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