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Ein Bewerbungsschreiben für Nagelsmann

Ein sehr deutlicher Fingerzeig

Der VfB Stuttgart ist mit einem kräftigen Ausrufezeichen ins neue Bundesliga-Jahr gestartet. Ein Nationalspieler steht dabei besonders im Fokus – und empfiehlt sich nachdrücklich für die anstehende WM.
Die VfB-Profis Deniz Undav und Jamie Leweling zerlegten Bayer 04 Leverkusen fast schon im Alleingang.
Der VfB Stuttgart ist mit einem kräftigen Ausrufezeichen ins neue Bundesliga-Jahr gestartet. Ein Nationalspieler steht dabei besonders im Fokus – und empfiehlt sich nachdrücklich für die anstehende WM.

Häufig genug hatten die Stuttgarter gegen Leverkusen beachtliche Auftritte hingelegt – fast immer jedoch blieb am Ende das diffuse Gefühl des Verpassens. Bis zu diesem Samstagabend hatte der VfB seit 2018 kein Punktspiel mehr gegen die Rheinländer gewonnen. Nicht im eigenen Stadion, nicht in der Fremde.

Blickt man noch weiter zurück, wirkte die Statistik nahezu grotesk: In 29 Pflichtspielen seit 2010 gelang den Schwaben gegen die Werkself nur ein einziger Erfolg.

„Offensichtlich hat sich hier etwas aufgestaut“, sagte VfB-Sportchef Fabian Wohlgemuth – selten ließ sich ein Bundesligaspiel wohl so leicht auf einen einzigen Satz herunterbrechen.

Leweling überwindet mehrere VfB-Traumata

Das 4:1 gegen den langjährigen Angstgegner war entsprechend Befreiung und Abrechnung zugleich, ein Schlussstrich unter Jahre der Enttäuschungen. Und es trug vor allem einen Namen: Jamie Leweling. Der 24-Jährige zerlegte nicht nur Bayers Abwehr, sondern gleich mehrere Stuttgarter Traumata.

Phasenweise wirkte es, als wolle er all das Pech, das diese Paarung den Stuttgartern über Jahre beschert hatte, in einer einzigen Halbzeit tilgen. Sofort präsent, suchte Leweling die Tiefe, forderte Bälle, bestimmte das Tempo mit.

Nach nur sieben Minuten brachte er seine Mannschaft nach einem Steilpass des ebenfalls herausragenden Deniz Undav in Führung. Auch DFB-Sportdirektor Rudi Völler schwärmte im SPORT1-Doppelpass: „Die beiden (Undav und Leweling; Anm. d. Red.) sind schon sehr, sehr, gut. Der Pass von Undav war schon top.“

Kurz darauf stand das Duo erneut im Fokus. Wieder zappelte ein Schuss von Leweling im Netz – diesmal zählte der Treffer wegen Abseits nicht. Dennoch schnürte Leweling noch vor der Pause den Doppelpack. Ein bärenstarker Auftritt des Flügelspielers, der auch defensiv glänzte.

Undav verhindert Lewelings Hattrick

Dass die Stimmung beim Matchwinner nach dem Abpfiff blendend war, versteht sich von selbst. So ließ es sich Leweling nicht nehmen, den verwehrten Hattrick gleich für eine humorvolle Spitze gegen seinen Mitspieler Undav zu nutzen – das Abseits hatte der endgültigen Krönung einen Strich durch die Rechnung gemacht.

„Wenn Deniz ein bisschen weniger Döner essen würde“, sagte Leweling augenzwinkernd und zielte auf die bekannten kulinarischen Vorlieben seines Kollegen, „wäre er wahrscheinlich nicht im Abseits gewesen.“ Undav konterte wie gewohnt schlagfertig.

Nach Darstellung des Stürmers hatte sich der Galaauftritt des allgegenwärtigen Leweling im Training unter der Woche nämlich nicht zwingend angekündigt. „Wenn ihr wüsstet, wie schlecht Jamie in den letzten zwei, drei Tagen geschossen hat, dann würdet ihr das gar nicht glauben“, scherzte Undav in der Mixed Zone.

„Leweking“ schließt zu Undav auf

Zugleich lobte er Lewelings außergewöhnliche physische Präsenz – um dann doch noch einen kleinen Seitenhieb anzubringen: „Er hat alles, was man als Fußballer haben muss – nur nicht meine Technik.“

Inmitten der guten Laune hatte Undav zuvor bereits bei Sky aus dem internen Sprachgebrauch der Mannschaft berichtet. „Wir nennen ihn Leweking“, verriet er. Der Spitzname, so erklärte der wortgewandte Stürmer, sei von Leweling selbst eingeführt worden – und gewinnt zunehmend sportliche Legitimation.

Während Undav in den vergangenen sieben Ligaspielen stolze achtmal traf, schloss Leweling nun auf. Drei Tore und zwei Vorlagen in den letzten drei Partien belegen, dass das Zählbare auch bei ihm immer stärker in den Vordergrund rückt.

Stuttgart: Leweling will unbedingt zur WM

Schon vor der Winterpause hatte Leweling oft als robuster, schneller, gieriger und unermüdlicher Spieler überzeugt. Dass es zunächst nicht zu mehr Torbeteiligungen reichte, lag teils an überhasteten Entscheidungen im letzten Spieldrittel. Diese stellt er nun zunehmend ab.

VfB-Trainer Sebastian Hoeneß führte die positive Entwicklung seines Schützlings auch darauf zurück, dass Leweling abseits des Rasens „ein paar Dinge noch optimiert“ habe, etwa im Hinblick auf seine Ernährung.

Auch „in seiner Persönlichkeit“ habe der Offensivspieler einen Schritt gemacht, sagte Hoeneß auf der PK vor dem Spiel gegen Eintracht Frankfurt (Dienstag, 18.30 Uhr im LIVETICKER). „Dass er Fähigkeiten hat, Waffen hat, das wussten wir. Jetzt ist noch der Faktor Konstanz dazugekommen.“

Sein Auftritt gegen Leverkusen diente als Paradebeispiel – und nebenbei als perfektes Bewerbungsschreiben für Bundestrainer Julian Nagelsmann. Denn Leweling selbst unterstrich nach dem Spiel, dass er in einigen Monaten unbedingt bei der Weltmeisterschaft dabei sein möchte.

„Vom WM-Quartier der deutschen Nationalmannschaft in den USA habe ich ein Video gesehen. Ich wünsche mir natürlich, dass ich dort (an der Wake Forest University; Anm. d. Red.) auch ein paar Nächte verbringen darf“, betonte der Doppelschütze.

Stand jetzt stehen die Chancen nicht schlecht. Während einige seiner Stuttgarter Teamkollegen – etwa Undav, Angelo Stiller oder Maximilian Mittelstädt – zuletzt vergeblich auf eine Nominierung warteten, genoss Leweling weiterhin das Vertrauen des Bundestrainers. Jedenfalls halbwegs.

Sein Debüt im DFB-Trikot gab Leweling im Oktober 2024, als er in der Nations League beim 1:0 gegen die Niederlande in München überraschend in der Startelf stand – und prompt das Siegtor erzielte.

In den letzten Länderspielen kam er aber nur sporadisch zum Einsatz: Gegen die Slowakei saß er die vollen 90 Minuten auf der Bank, zuvor in Luxemburg reichte es nur für ein kurzes Gastspiel in den Schlussminuten. Vollends sicher ist sein WM-Ticket also noch nicht. Dafür bräuchte es weitere Auftritte wie diesen – und zwar im Trikot des VfB. So viel steht inzwischen fest.

Wechsel? Leweling will noch in Stuttgart bleiben

„Gott sei Dank“, zeigte sich Undav erleichtert, dass Leweling dem Klub zumindest über den Winter hinaus erhalten bleibt, und fügte hinzu: „Gut für ihn, auch mit Blick auf den Sommer. Wenn er so weitermacht, bringt er sich auf einen riesigen Markt. Er ist ein perfekter Spieler für die Premier League.“

Hintergrund ist ein Angebot des AFC Bournemouth für Leweling, der nach dem Abgang von Antoine Semenyo zu Manchester City einen Ersatz sucht. Die Schwaben lehnten die Offerte über mehr als 40 Millionen Euro ab.

Leweling selbst betonte ohnehin, dass er keinerlei Absicht hegt, die Stuttgarter in naher Zukunft zu verlassen. „Die klassische Floskel ist ja: ‚Ich will nicht gehen, ich will hier bleiben‘ – und das stimmt auch. Wir haben als Mannschaft noch einiges vor, und ich auch. Es ist schön, Angebote zu bekommen, aber ich fühle mich hier wohl und kann meinen Fußball spielen. Man hat heute, glaube ich, gesehen, dass mich das nicht beschäftigt“, sagte er. Sollte seine Formkurve weiter steigen, könnten im Sommer dann ganz andere Klubs mit ganz anderen Summen durchklingeln.

Drei Torschüsse gab der bislang viermalige Nationalspieler am Samstag ab – dreimal landete der Ball im Netz, einmal jubelte wegen einer vorherigen Abseitsstellung Undavs vergeblich. An der Aussagekraft dieses Auftritts änderte das nichts.

Es war ein deutlicher Fingerzeig: an die Bundesliga-Konkurrenz, an den Bundestrainer – und womöglich auch an jene finanzstarken englischen Klubs, die Leweling längst auf ihrem Zettel haben.