Vincent Kompany hat sich auf der heutigen Pressekonferenz mit klaren Worten zur Rassismus-Debatte um Vinicius Junior geäußert. Der Trainer machte deutlich, wie komplex der Fall sei, und forderte, die verschiedenen Ebenen der Ereignisse strikt voneinander zu trennen. Das Geschehen auf dem Platz, die Vorfälle auf den Rängen sowie die Reaktion nach der Partie.
Bundesliga:
Kompanys emotionale Rede im Wortlaut
Besonders kritisch bewertete der Belgier die Aussagen von Jose Mourinho nach Abpfiff. Die Attacke auf den Brasilianer sei aus seiner Sicht ein Führungsfehler gewesen. Zugleich plädierte der Belgier für mehr Differenzierung in der Debatte.
FC Bayern: Kompanys denkwürdige Rede im Wortlaut
„Ich werde das auf Englisch beantworten, damit klar wird, was ich sagen möchte. Aber es ist ein schwieriges Thema, weil es in einer Zeit passiert, wo solche Themen noch schwieriger zu diskutieren sind, als es in der Vergangenheit der Fall war. Ich habe das Spiel live gesehen. Ich habe versucht, das Dortmund-Spiel zu schauen, aber es lief auf Prime und ich hatte nicht den richtigen Zugang. Also bin ich bei Madrid gegen Benfica gelandet und das Spiel hat mich wirklich begeistert. Ich habe es also live gesehen – und es gibt verschiedene Aspekte bei dieser Geschichte: Das Erste ist, was auf dem Platz passiert. Das Zweite, was dann auch mit den Fans vorgefallen ist. Und das Dritte, was nach dem Spiel passiert. Und für mich muss man zwischen diesen drei Dingen klar unterscheiden."
„Auf dem Platz ist meiner Meinung nach das passiert: Da ist Vini Jr., der, wenn man sich die Szene selbst ansieht, diese Reaktion nicht faken kann. Man sieht das, seine Reaktion ist eine emotionale Reaktion. Und ich sehe keinerlei Vorteil für ihn darin, zum Schiedsrichter zu gehen und sich diese ganze Misere auf die Schultern zu laden. Es gibt absolut keinen Grund für Vini Jr., da hinzugehen und das zu tun. Aber er tut es, und als es er tut, glaube ich, tut er es vor allem, weil es in diesem Moment das Richtige ist. Also geht er hin und tut es. Und neben ihm ist Kylian Mbappé, der normalerweise immer eher diplomatisch bleibt und sich auf keine Seite schlägt, aber Kylian Mbappé ist vollkommen eindeutig bei dem, was er gehört hat und was er gesehen hat - und er wird sogar noch deutlicher, als er nach dem Spiel darüber spricht. All das passiert also.“
„Aber dann gibt es da natürlich noch einen Spieler, der das, was er sagt, hinter seinem Trikot verbirgt. Und am Ende gibt es eben auch dessen Seite - und ich denke mir: Okay, es gibt einen Spieler, der sich beschwert. Es gibt einen Spieler, der sagt, er habe es nicht getan. Und ich denke, solange der Spieler selbst sich nicht dazu bekennt, ist es schwierig. Das ist ein schwieriger Fall, ich verstehe das. Aber im Hintergrund sieht man, wie die Menschen im Stadion Affenzeichen machen. Es passiert also auch im Stadion, man sieht es auf den Videos. Es passiert also. Auf der einen Seite gibt es also die Auseinandersetzung zwischen den Spielern. Auf der anderen Seite gibt es das Geschehen im Stadion. Und dann - für mich noch schlimmer, und da bin ich ganz deutlich, in dem, was ich sage - ist es das, was nach dem Spiel passiert.“
„Nach dem Spiel hast du den Anführer einer Gruppe, José Mourinho, der im Grunde den Charakter von Vinícius Jr. attackiert, indem er die Art und Weise von dessen Jubel thematisiert, um zu diskreditieren, was Vinícius in diesem Moment tut. Für mich ist das in Sachen Leadership ein riesiger Fehler! Und es ist etwas, das wir nicht akzeptieren sollten. Da bin ich ganz deutlich. Obendrein erwähnt er auch noch den Namen Eusébio, um zu sagen, dass Benfica nicht rassistisch sein könne, weil der beste Spieler in der Geschichte von Benfica Eusébio war. Wissen Sie, was Schwarze Spieler in den 1960ern durchmachen mussten? War er damals dabei und ist mit Eusébio zu den Auswärtsspielen gereist? Mein Vater ist auch ein schwarzer Mann, der in den 1960ern seinen Weg gegangen ist. Zu der Zeit war es wahrscheinlich ihre einzige Option, still zu sein und nichts zu sagen, über den Dingen zu stehen und zehnmal besser zu sein, um auch nur ein kleines bisschen Anerkennung zu bekommen, damit die Leute überhaupt mal gesagt haben: „Der ist tatsächlich ganz gut.“ Das war wahrscheinlich Eusébios Leben. Seinen Namen heute zu benutzen, um ein Argument über Vini Jr. anzubringen, der endlich in der Situation ist, wo er sich zu solchen Dingen äußern kann?“
Es gibt immer noch viele Spieler, die in verschiedenen Ligen in Europa spielen, die keine Stimme haben. Es gibt auch heute noch Spieler in Ungarn, in Bulgarien, in Serbien, wenn denen etwas passiert und es sind Schwarze Spieler, dann haben sie null Chance, auch nur irgendeine Unterstützung zu bekommen. Vini Jr. ist zumindest in einer Situation, in der es viele Menschen für ihn möglich gemacht haben, sich diesen Moment zu nehmen und in diesem Augenblick zu protestieren.
Es ist wirklich eine sehr schwierige Sache für mich, darüber zu sprechen. Um ehrlich zu sein: Auf viele Arten, und das sage ich ganz ehrlich, passe ich nicht zu dem, was ich heute in der Welt sehe und was in der Welt so passiert. Ich persönlich sehe meinen Platz nicht in vielen der Dinge, die in der heutigen Welt geschehen. Wirklich nicht. Ich möchte nicht Teil der einen oder der anderen Gruppe sein. Aber wenn ich diese Situation mit dem Spieler sehe, würde ich mir erträumen, dass es am Ende dieser ganzen Sache - wenn es wahr ist, dass der Spieler von Benfica etwas derart Schlimmes gesagt hat - immer noch einen Raum gibt, wo sich jemand entschuldigen kann und sagen kann: „Es tut mir leid, ich habe einen Fehler gemacht.“ Und dass das dann auch einen Einfluss auf die anschließende Strafe hat.
Die Strafe sollte A oder B sein, aber wenn man zugibt, dass man einen Fehler gemacht hat, dann sollte es die Möglichkeit geben zu sagen: „Hey, niemand ist perfekt - und das ist auch schon ein guter Schritt.“ Verstehen Sie? Aber wir berauben uns all dieser Optionen, weil wir nur noch nach links oder rechts und schwarz oder weiß beurteilen. Und du musst entweder auf der einen oder auf der anderen Seite sein. Aber eine Sache, die man nicht tun darf, ist jemanden zu Unrecht zu bestrafen. Und eine andere Sache, die man nicht tun darf, ist jemanden nicht ernst zu nehmen und den Charakter eines Menschen in Frage zu stellen, der sich über etwas beschwert, das er erlebt hat und das sehr schmerzhaft für ihn gewesen sein muss. Da muss sich etwas verändern!
Aber worüber ich gerade nachdenke - und sorry, dass ich darauf jetzt auch noch eingehe. Aber ich muss gerade daran denken, wie José Mourinho einst auf Knien rutschend im Old Trafford gejubelt hat, während er gleichzeitig jetzt den Jubel von Vini Jr. kritisiert. Oder wie er nach dem Halbfinale zwischen Inter und Barcelona vor die Barca-Fans gegangen ist und gejubelt hat. Oder als er mit AS Rom gegen Sevilla gespielt und sich mit den Schiedsrichtern angelegt hat, die nach dem Spiel unter Personenschutz das Land verlassen mussten. In diesen Momenten, wenn da jemand rassistisch gegenüber Mourinho gewesen wäre, dann hätte ich mir auch gewünscht, dass jeder von uns gesagt hätte: „Stopp, sein Jubel spielt keine Rolle, lasst uns hören, was er zu sagen hat. Lasst uns einige einfache Dinge, einige zentrale Werte verteidigen!“
Ich bin jemand, der den Dingen immer gerne Kontext gibt. Und ich kenne immer noch so viele Spieler, die solche Situationen erlebt haben. Es ist Samuel Eto’o passiert. Es ist Mario Balotelli so oft passiert. Lag das auch an ihrem Torjubel? Okay, vielleicht gab es da einige Persönlichkeiten mit einem starken Charakter. Aber was ist mit Patrick Vieira? Es ist auch mir passiert, als ich vor 20 Jahren mit Anderlecht in Sevilla war - und jetzt sagt vielleicht wieder jemand, das war vor 20 Jahren. Aber damals war ich in Sevilla mit Cheik Tioté. Cheik Tioté hat später bei Newcastle gespielt, bevor er nach China gewechselt und dort an einer Herzattacke gestorben ist. Ein unglaublicher Mensch, er hatte ein Herz aus Gold! Wir waren damals beide 18, 19 Jahre alt, waren bei diesem Spiel und die Fans von Betis Sevilla kletterten auf die Zäune, sangen Dinge vom Ku-Klux-Klan, machten Affengeräusche und imitierten Affen auf den Zäunen. Und wir mussten ein Spiel absolvieren. Ich hatte das Glück, in diesem Spiel ein Tor zu erzielen, auch deshalb. War also auch mein Jubel schuld? Oder woran lag es? Was habe ich getan?
Und gleichzeitig war es auch einer der schönsten Momente in meiner Karriere, weil die Betis-Fans in den anderen Stadionbereichen angefangen haben, die Ultras auszubuhen. Es gab also einen Kampf im Stadion zwischen den Fans derselben Mannschaft, weil ein Teil davon nicht glücklich damit war, dass die Ultras von Betis diese Dinge taten. Und das fand ich wundervoll, weil ich mir gesagt habe: Die Welt ist nicht perfekt, es gibt so viele Dinge, so viele Situationen, aber immerhin gibt es hier gerade Menschen vom selben Verein, die dagegen ankämpfen, weil sie das nicht akzeptieren. Es war also auch ein besonderer Moment.
Aber dann spult man nach vorne, ich bin jetzt selbst Trainer, und ich habe euch vor nicht allzu langer Zeit eine Geschichte erzählt, wie wir gegen Club Brügge gespielt haben. Ich war in meiner Karriere selbst belgischer Nationalspieler, Nationalmannschaftskapitän - und dann wurden mein Staff und ich von Brügge-Fans als Affen und so weiter beschimpft. Und nachdem ich mich beschwert habe, musste ich wieder mit ansehen, wie all die Politik passierte, um diese Geschichte zu killen. Keine Konsequenzen, kein gar nichts! Und ich habe in meiner Position eine Stimme. Was denken Sie, wie das für Menschen ist, die keine Stimme haben? Das Problem ist oftmals gar nicht unbedingt der Vorfall selbst, sondern wie danach alles in Bewegung gesetzt wird, um - sorry, darüber musste ich gerade nachdenken.
Also: Was man sieht und fühlt, wenn man mit diesen Problemen aufwächst, ist die Tatsache, dass all das irgendwann später einmal zu mangelnden Möglichkeiten führt, weil man immer mehr und mehr ausgeschlossen und weggestoßen wird. Man wird immer mehr in eine Richtung abgestempelt. Und was eigentlich passieren müsste, um enger zusammenzuwachsen, braucht viel Zeit und viel Anstrengung. Aber was passiert, ist genau das Gegenteil. Du wirst in die eine Schublade gesteckt und der andere wird in die andere Schublade gesteckt und man entfernt sich immer weiter voneinander. Meine Überlegung dazu ist - und ich komme jetzt zum Ende, weil Sie hier wirklich etwas bei mir ausgelöst haben, aber ich möchte damit abschließen: Am Ende sage ich nicht, vernichtet links alles oder vernichtet rechts alles. Das ist nicht das, was ich sage.
Ich weiß, dass ich bestimmt 100 Menschen kennengelernt habe, die mit José Mourinho zusammengearbeitet haben - und ich habe noch nie jemanden etwas Schlechtes über José sagen hören. Alle Spieler, die für ihn gespielt haben, lieben ihn. Ich verstehe also, was für ein Mensch er ist und ich verstehe, dass er für sein Team kämpft, dass er für seinen Verein kämpft und dass er deshalb diese Entscheidung getroffen hat. Und du kannst kein schlechter Mensch sein, wenn all deine ehemaligen Spieler so positiv über dich sprechen. Ich weiß also, dass er ein guter Mensch ist. Ich muss ihn nicht als Mensch beurteilen, aber ich weiß, was ich gehört habe. Und ich kann vielleicht nachvollziehen, was er getan hat, aber er hat einen Fehler gemacht - und das ist etwas, das hoffentlich in der Zukunft so nicht mehr passieren wird, damit wir hoffentlich vorankommen und wachsen können. Ich meine: Schaut euch all die Dinge an, die wir gemeinsam erreichen können, statt der Dinge, die uns immer wieder spalten.