Innenverteidiger sind - das weiß man - keine Stammgäste in Torschützenlisten. Wenn sie treffen, wirkt die Freude oft ein wenig ungebremster, ein wenig ehrlicher. So auch am Samstag, als sich Jarell Quansah und Edmond Tapsoba nach dem 4:0 von Bayer Leverkusen gegen den FC St. Pauli einmal mehr in ungewohnter Rolle wiederfanden: Beide trafen – und hielten damit ihr persönliches Kräftemessen am Leben: eine Wette darüber, wer am Saisonende mehr Tore auf dem Konto haben wird.
Verliert Leverkusen den nächsten Schlüsselspieler?
So wichtig wie selten zuvor
Dass es diese Challenge tatsächlich gibt, verriet Quansah mit einem breiten Grinsen. „Ich bin glücklich über mein Tor“, sagte der Engländer gegenüber den Vereinsmedien über das 1:0, bei dem er den Ball wuchtig per Kopf an die Unterkante der Latte setzte. Von dort sprang dieser gegen Torhüter Nikola Vasilj und schließlich über die Linie. „Aber schade, dass Eddi auch noch getroffen hat“, scherzte Quansah dann mit Blick auf Tapsobas späteres 3:0 – und schob augenzwinkernd hinterher: „Ich hoffe, ich kann ihn damit ein bisschen pushen.“
Während Quansah seinen zweiten Bundesligatreffer der Saison bejubelte, steht Tapsoba bereits bei vier Toren – hinzu kommen zwei Assists. Eine Bilanz, die den Nationalspieler aus Burkina Faso nicht nur im internen Duell in Führung bringt, sondern ihn aktuell zum torgefährlichsten Innenverteidiger Europas macht: Kein Akteur auf seiner Position war in dieser Spielzeit an mehr Treffern direkt beteiligt. Nur ein Beleg dafür, warum Tapsoba in seiner siebten Saison bei der Werkself so wertvoll ist wie selten zuvor.
Leverkusen: Tapsoba wollte von Jonathan Tah lernen
Als Tapsoba im Januar 2020 vom portugiesischen Klub Vitória Guimaraes nach Leverkusen wechselte, galt der Innenverteidiger eigentlich als Investition in die Zukunft. Aber der Neuzugang überraschte alle. Er spielte immer. Und er spielte – nahezu ausnahmslos – gut.
Von Beginn an zählte er zu den Konstanten in der Defensive, beeindruckte mit robuster Qualitätsarbeit, als wäre er schon Jahre in der Bundesliga zu Hause: zweikampfstark, selbst unter Druck erstaunlich ruhig, mit sicherem Passspiel und präziser Spieleröffnung.
„Er ist eine Maschine. Ich weiß nicht, wo sie den gefunden haben“, staunte Ex-Torhüter Lukas Hradecky damals kurz nach Tapsobas Ankunft. „Ich habe noch nie einen Spieler gesehen, der schneller integriert wurde.“ Tatsächlich schien vieles mühelos.
Europas gefährlichster Innenverteidiger, der von Tah lernte
Als Hobby gibt er „Schlafen“ an – ein beiläufiger Fakt, der zu seiner unaufgeregten Art passt. In der Rolle des Lautsprechers war er lange nicht zu sehen. Auf dem Platz ließ er Taten sprechen, abseits davon überließ er das Wort gern anderen – etwa Jonathan Tah, seinem langjährigen Weggefährten im Abwehrzentrum.
Fünf Jahre lang bildeten sie das stabile Fundament der Werkself, krönten ihre gemeinsame Zeit 2024 mit der Meisterschaft und dem Pokalsieg. Doch in dieser Saison ist die Konstellation eine andere. Tah spielt inzwischen für den FC Bayern, Tapsoba ist geblieben – und muss nun liefern.
„Ich habe versucht, von Jona zu lernen“, sagte er im Sommer: „Dieses Jahr bin ich an der Reihe. Wir haben viel gesprochen, bevor er gegangen ist. Er hat mir gesagt, ich müsse übernehmen und ein Leader werden.“ Gesagt, getan. Vor Fernsehkameras sieht man Tapsoba weiterhin selten, doch innerhalb der Kabine ist sein Einfluss bedeutend gewachsen.
Dem 27‑Jährigen kommt dabei zugute, dass er drei Sprachen fließend spricht. Französisch, Englisch und Portugiesisch – dazu ein passables Spanisch. Ein großer Pluspunkt in einem international geprägten Kader wie dem der Leverkusener. Tapsoba ist einer, der verbindet. Und einer, der seine Erfahrung weitergibt.
Bayer-Zukunft – oder sucht Tapsoba eine neue Herausforderung?
Kein Profi aus dem aktuellen Kader hat mehr Pflichtspiele im Trikot der Werkself als Tapsoba bestritten. Beim 4:0 gegen St. Pauli absolvierte er seine 253. Partie für den Klub. Unter allen ausländischen Spielern der Vereinsgeschichte liegt nur Lukas Hradecky mit 286 Einsätzen noch vor ihm. Ob Tapsoba diese Marke irgendwann erreichen oder gar übertreffen wird, scheint allerdings offen.
Seine starken Leistungen sind international längst registriert. Für einen vorzeitigen Abschied aus Leverkusen aber, so berichtet Transferexperte Fabrizio Romano, existiert eine klare Preisvorstellung: Rund 40 Millionen Euro müssten Interessenten demnach auf den Tisch legen, um ernsthaft ins Gespräch zu kommen. Mehrere, namentlich nicht genannte Klubs sollen sich mit ihm beschäftigen. Dass jemand die vertraglich verankerte Ausstiegsklausel in Höhe von 95 bis 100 Millionen Euro aktiviert, erscheint derzeit wenig realistisch. Tapsobas Vertrag beim Vizemeister läuft noch bis 2028 – eine komfortable Ausgangslage für den Klub.
Schon im vergangenen Sommer soll Newcastle United rund 58 Millionen Euro geboten haben. Zuvor wurden auch Paris Saint-Germain und Tottenham Hotspur als potenzielle Abnehmer gehandelt. Nun also wieder die Frage: Wagt Tapsoba nach all den Jahren in Leverkusen den nächsten Karriereschritt? Und könnte es sich Leverkusen sportlich überhaupt leisten, seinen Abwehrchef ziehen zu lassen?
Was es bedeutet, auf ihn zu verzichten, zeigte sich unter anderem zu Beginn des Jahres. Erst fehlte Tapsoba wegen des Afrika-Cups, anschließend zwang ihn eine Muskelverletzung zur Pause. In dieser Phase tat sich auf dem Platz ein spürbares Führungsvakuum auf. Ihn über den Sommer hinaus am Rhein zu halten, dürfte also essentiell werden. Für die Vereinsführung, für die Kabine, und den sportlichen Erfolg.