Es dürfte ihm gutgetan haben, mit Standing Ovations gefeiert zu werden. Die Fans im Volksparkstadion bejubelten Ransford Königsdörffer bei seiner Auswechslung. Mit seinen zwei Toren war er beim 3:2-Heimsieg gegen Union Berlin am Samstag der große Matchwinner. Eine Woche zuvor – beim ersten Auswärtssieg der Bundesliga-Saison in Heidenheim (2:0) – hatte er ebenfalls getroffen. Der 24-Jährige entwickelt sich vom Chancentod zum Torjäger.
Diese Entwicklung hat niemand kommen sehen
Diese Entwicklung war nicht absehbar
In seinen ersten 19 Bundesligaspielen gelang ihm nur ein einziges Tor. Dabei mangelte es dem HSV-Stürmer nicht an Spielzeit. Im Gegenteil: Trainer Merlin Polzin hielt immer an ihm fest. In 17 der bisherigen 21 Bundesligaspielen stand er in der Startelf. Doch ihm fehlte jegliches Glück im Abschluss – und er bekam in den sozialen Medien den Frust vieler Fans zu spüren.
Königsdörffer bekommt Hass ab
„Ich kriege nicht alles mit und lese mir nicht alles durch, aber sicherlich wurde ich schon gehatet“, gab er vor einer Woche zu und schob hinterher: „Das geht mir relativ am Arsch vorbei.“ Ihn interessiere nur, was der enge Kreis von ihm denkt. Gemeint sind „Trainerteam, Mannschaft, Berater, Freundin, Freunde“.
Doch auch die Mitspieler bekamen mit, was rund um Königsdörffer geschah. „So viel, wie er abbekommen hat, hätte es mich nicht gewundert, wenn er manchmal durchgehangen hätte“, wurde sein Mitspieler Nicolai Remberg vom Hamburger Abendblatt zitiert. „Das war aber überhaupt nicht der Fall, weder in der Kabine noch auf dem Platz oder im Training.“
Nun belohnte er sich dafür. In Heidenheim knallte er den Ball in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit per Schrägschuss ins Netz. Gegen Union traf er zum 1:1 ins lange Eck, ehe er später einen Konter zum 3:1 vollendete.
HSV-Star wortkarg gegenüber den Medien
Und doch haben die vergangenen Monate Spuren hinterlassen. Mit den Medien redet Königsdörffer eher ungern und gibt sich meist wortkarg. Nach dem Heimsieg gegen Union sprach er zumindest mit Sky - und fasste sich auch dort kurz. „Ich bin sehr froh darüber, so kann es weitergehen“, sagte er grinsend, als er auf seine Treffer angesprochen wurde.
Andere sprachen ausführlicher über den Aufschwung von Königsdörffer. „Wir freuen uns sehr für ihn. Er hat jetzt das Selbstvertrauen“, sagte Verteidiger Nicolás Capaldo. „Wir haben nie an ihm gezweifelt. Wir wussten immer, welche Qualität er hat.“
Anpassungsprobleme in der Bundesliga
Dass er eine gewisse Torgefährlichkeit mitbringt, war kein Geheimnis. In der Aufstiegssaison hatte er 14 Tore erzielt. In der Bundesliga allerdings tat er sich zunächst schwer. „Man darf nicht vergessen, dass es einen deutlichen Unterschied zwischen der 1. und 2. Liga gibt, was die Qualität der anderen Mannschaften und der Abwehrspieler angeht“, erklärte Polzin. Doch selbst in der torfreien Zeit sei er wichtig für die Mannschaft gewesen.
„Ransi ist mit seinem Freilaufverhalten und mit dem Herstellen von Überzahlsituationen für uns immer extrem wertvoll“, so Polzin. „Seine Leistung wird von uns im Trainerteam nicht danach bewertet, ob er Tore macht oder nicht. Aber natürlich hat er den Drang nach Toren. Umso mehr freut es mich, dass er sich für seine gute und harte Arbeit belohnt.“
Sturm-Überangebot beim HSV
Die plötzliche Treffsicherheit ist für den HSV erfreulich, bringt aber auch die Sturm-Planung durcheinander. In der Hinrunde erzielten die drei Mittelstürmer Königsdörffer, Yussuf Poulsen und Robert Glatzel jeweils nur ein Tor. Der Aufsteiger reagierte in der Winterpause darauf: Damion Downs wurde vom FC Southampton ausgeliehen, der verliehene Otto Stange vom SV Elversberg zurückgeholt.
Diese Verpflichtungen hätten womöglich nicht stattgefunden, wäre die plötzliche Treffsicherheit von Königsdörffer absehbar gewesen. Mit fünf Mittelstürmern besteht nun ein Überangebot – und Potenzial für Unzufriedenheit. Glatzel, der gegen Union erst zum zweiten Mal in dieser Saison in der Startelf stand, sprach am Samstag ganz offen über seine Gefühlslage.
Glatzel machte sich Gedanken über Weggang
„Klar, würde ich gerne öfter spielen. Aber das war im Verlaufe der Saison bislang nicht so“, sagte der 32-Jährige. „Der Trainer hat offenbar eine andere Spielidee gehabt. Das tut mal mehr und mal weniger weh.“ Ein Weggang im Winter war eine denkbare Option. „Ich habe mir schon Gedanken gemacht, weil ich grundsätzlich spielen will“, gab er zu. „Aber ich habe mich dafür entschieden, hier zu bleiben und den Kampf anzunehmen.“
Durch die plötzliche Treffsicherheit von Königsdörffer dürfte dieser Konkurrenzkampf nun härter werden als gedacht.